Nachher: Der frisch restaurierte Traktor Eicher EM 300 S Königstiger, Baujahr 1962, auf seiner Jungfernfahrt. Am Steuer: Restaurator und Oldtimer-Experte Erhard Pohl. Sein Co-Pilot: der 27-jährige Fan alter Traktoren Felix Neuhäusler, der geistig und körperlich behindert ist.
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Nachher: Der frisch restaurierte Traktor Eicher EM 300 S Königstiger, Baujahr 1962, auf seiner Jungfernfahrt. Am Steuer: Restaurator und Oldtimer-Experte Erhard Pohl. Sein Co-Pilot: der 27-jährige Fan alter Traktoren Felix Neuhäusler, der geistig und körperlich behindert ist.

Jungfernfahrt mit Eicher EM 300 S Königstiger

Pfundiges Gespann: Junger Traktor-Fan begleitet Oldtimer-Restaurator Erhard Pohl

  • Bettina Stuhlweißenburg
    VonBettina Stuhlweißenburg
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Oldtimer-Liebhaber Erhard Pohl hat seinen Traktor aus dem Jahr 1962 fertig restauriert. Zur Jungfernfahrt nahm den körperlich und geistig behinderten Felix Neuhäusler mit.

Miesbach – Ja, da schau her! Wer die Oldtimer-Liebhaber Erhard Pohl und Felix Neuhäusler auf dem Eicher EM 300 S Königstiger durch die Wies fahren sieht, kann sich schwer vorstellen, dass der schmucke Traktor von 1962 vor ein paar Wochen kaum mehr als ein Haufen Schrott war. Jetzt bedeckt haifischblauer Lack die kürzlich noch rostige Karosserie, die Felgen glänzen wie reife Kirschen.

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Pfundiges Gespann: Junger Traktor-Fan begleitet Oldtimer-Restaurator Erhard Pohl

Im März hatte Pohl mit der Restaurierung des Traktors begonnen (wir berichteten), jetzt ist er fertig – und mit einem mängelfreien TÜV-Bericht gekrönt, wie Pohl nicht ohne Stolz erzählt.

Der Vorsitzende des Vereins „Oldtimerfreunde Miesbach“ ist nicht der einzige, dessen Herz für alte Landmaschinen schlägt: Felix Neuhäusler, ein 27 Jahre alter Miesbacher, der geistig und körperlich behindert ist, teilt Pohls Leidenschaft. Bei Radtouren, die er in Begleitung seiner Eltern auf einem Spezialtandem unternimmt, kam er an Pohls Werkstatt vorbei – und schaute zu. „Felix wünschte sich, da mal mitzufahren, wenn die Restaurierung abgeschlossen ist“, erzählt Neuhäuslers Vater Rudolf Maier-Kleeblatt.

Ehrensache für Pohl, diesem Wunsch nachzukommen. Schließlich freut es ihn, wenn jemand einen Sinn hat für historisch-technisches Kulturgut. Gleich bei der Jungfernfahrt des Königstigers vor wenigen Tagen durfte Neuhäusler aufsitzen. Das Dieselross trug die Oldtimerfreunde durch untere und obere Wies sowie Schweinthal mit Zwischenstopp auf einem Bauernhof. „Ich bin mit der Vespa hinterhergefahren“, erzählt Neuhäuslers Vater. Abgesehen davon, dass zweimal das Sitzkissen vom Traktor fiel, den Pohl mit einer breiten Sitzbank ausgestattet hat, ist nichts passiert. „Felix hat sich gut festgehalten und meine Anweisungen befolgt“, sagt Pohl. „Wir waren ein pfundiges Gespann.“

Vorher: Noch im Mai war der Königstiger nur ein rostiges Gerippe. Pohl restaurierte ihn aufwendig.

Neuhäuslers Eltern – seine Mama ist Miesbachs Behindertenbeauftragte Elisabeth Neuhäusler – ist es wichtig, ihrem Sohn solche Erlebnisse zu ermöglichen. „Das ist eine Form der Teilhabe an Dingen, an denen er sonst nicht so ohne Weiteres teilhaben kann“, sagt sein Vater. „Auch Radfahren gehört da dazu.“ Erstmals mit Traktoren in Kontakt kam sein Sohn bei der Arbeit auf dem Bauernhof der Stiftung Attl, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung bei Wasserburg am Inn. Dort findet außerdem jedes Jahr eine Oldtimer-Ausstellung statt. Seither lassen die Maschinen – vor allem die Oldies unter ihnen – den 27-Jährigen nicht mehr los. „Er kauft sich oft Zeitschriften über Oldtimer-Traktoren“, erzählt Maier-Kleeblatt.

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Eicher EM 300 S Königstiger soll auch Holz fahren

Den Königstiger will Pohl nicht nur für repräsentative Ausfahrten nutzen. „Er hat eine Seilwinde und eine Frontladerschaufel, der wird nicht nur gestreichelt“, sagt der 59-Jährige. Holz holen oder zum Recyclinghof fahren, das kann er dem Traktor schon zumuten, der so alt ist, wie er selbst. Pohl hat ihn mit einem Öldruckmesser ausgestattet. Zwar zeigt eine Lampe an, ob der Druck passt, aber das reicht ihm nicht. „Ich will genau ablesen können, wie es um das Herz meines Traktors bestellt ist.“

In seiner Werkstatt wartet schon die nächste Aufgabe: „Eine tolle Werkzeugschrankwand mit 50 Schubläden samt Unterteilungen, die in einer Traktorwerkstatt viele Jahrzehnte gute Dienste geleistet hat“, schwärmt Pohl. Er will sie mit Schrauben und Zubehör bestücken. „Jetzt wird erst mal aufgeräumt!“

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