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Eine wahrhafte Volksoper: Mit der „Carmen“-Neuinszenierung ist dem Freien Landestheater Bayern ein zugängliches Stück geglückt. Das Publikum bei der Premiere reagierte euphorisch.

Premiere des Freien Landestheaters Bayern in Miesbach

„Carmen“: Umjubeltes Spiel der Macht

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Mit seiner neuen „Carmen“ liefert das Freie Landestheater Bayern (FLTB) eine opulente, plakative Inszenierung, in deren Mittelpunkt das Thema Macht steht. Das Premierenpublikum im Waitzinger Keller in Miesbach war begeistert vom zeitgemäßen Impetus „Carmen first“.

Miesbach – Eine „Carmen“-Inszenierung nicht mit einer anderen zu vergleichen, ist bei der enormen, rund 140-jährigen Erfolgsgeschichte dieser Oper schlichtweg nicht möglich. Dabei muss es, wie es FLTB-Intendant Andreas Haas bei der Begrüßung tat, gar nicht der Vergleich mit der eigenen Inszenierung von vor acht Jahren sein. Denn so eine Carmen, wie diese aktuelle, die ihr veristisches Wesen, ihren volksstückhaften Charakter herausspielt, hat man bisher noch nicht gesehen: Eine solche Carmen ist neu – und wäre bis vor zwei Jahren, wohl kaum möglich gewesen. Bis dahin war man versucht, der Figur Carmen psychologische Tiefe zu geben, ihr eine aufrichtige Liebe zu Don José zuzuschreiben, das Stück als Psychogramm des tragischen Drei- beziehungsweise Vierecks-Verhältnisses von Carmen, Don José, Escamillo (und Micaëla) anzulegen.

Aber in der FLTB-Carmen geht es um Macht: Die Carmen von Denise Felsecker ist sich – analog zur aus dem Klangkörper herausragenden Stimme – ihrer herausragenden Attraktivität voll bewusst ist. Sie spielt mit ihrer sexuellen Macht, flirtet nicht nur, sondern bietet sich regelrecht an, wie sie ihre Röcke lupft, einladend die Beine öffnet und Hand anlegt an die Männer. Die Soldaten spielen mit ihrer physischen Überlegenheit, Sergant Moralès (Andreas Fimm) mit der Macht des Vorgesetzten. Torero Escamillo – stark im gesanglichen und spielerischen Ausdruck: Philip Scherer – agiert mit der Macht des Erfolges. Don Josés Mutter macht ihren biologisch-archaischen Einfluss geltend, und Micaëla, der Christina Gerstberger mit ihrer umjubelten Arie im dritten Akt anrührende Sensibilität verleiht, ihren moralischen. Der omnipräsente Schmuggler Dancaïro, sehr physisch interpretiert von Harald Wurmsdobler, nutzt die Macht des Wissensvorsprungs und der Netzwerke. Der Einzige, der machtlos zum Spielball wird, ist Don José, der sich – wunderbar naiv angelegt von Markus Herzog – Ehre und Moral verschrieben hat. Am Ende ist er ausdrücklich das Opfer dieser hervorragend besetzten Inszenierung. Regisseurin Julia Dippel, die durchweg mit ausdrucksstarken, opulenten Bildern arbeitet und die Oper auch dadurch Literatur-immanent volksstückhaft interpretiert, hat das wunderbar übersetzt im letzten, eingefroren Bild, als Escamillo mit der gezückten, im Stierkampf gebräuchlichen Espada über den die tote Carmen in den Armen haltenden Don José steht. Bereit zum Stich.

Menage à trois: Publikum, Orchester, Gesangsensemble bei der Premiere im Waitzinger Keller. 

Die Intensität der dritten „Carmen“-Inszenierung des FLTB als Gesellschaftsstudie ist der umfangreichen Besetzung und der üppig-bunten, erotischen Kostüme geschuldet. Wenn man in den ersten beiden Akten noch den Eindruck hatte, dass es arg voll und mit diesem lustvoll agierenden Chor recht laut zugeht auf der Bühne, so gerät das viele Volk durch moderne und pfiffige Regie-Kniffe im dritten und vierten Akt selbst zur Leinwand, vor der das individuelle Schicksal Carmens spielt.

Die psychologisch zurückgedrehte Ausdeutung in Richtung Macht, die plakative Umsetzung und der Eindruck, dass die neue Inszenierung wortreich und durch die Übersetzung der Gesangstexte ins Deutsche leicht verständlich ist, macht diese Carmen zu einer mitreißenden Einstiegsmöglichkeit für diejenigen, die das dramatische und gewaltige Operngenre bislang schreckte. Die „Carmen“ des Freien Landestheaters unter der musikalischen und künstlerischen Leitung von Rudolf Meier-Kleeblatt ist wahrhaft eine Volksoper. Das Miesbacher Premierenpublikum war am Ende mit Recht euphorisch.

Weitere Termine gibt es im Spielplan des Freien Landestheaters

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