+
Die Müller Norbert Seeger (l.) und Johannes Spann produzieren in der Leitzachmühle verschiedene Sorten Mehl. 

Reportage zum Tag des Handwerks

Aussterbendes Handwerk: Darum läuft die Leitzachmühle heute noch

  • schließen

Viele kleine Mühlen mussten sich dem Wandel der Zeit beugen - nicht aber die Leitzachmühle bei Miesbach. Norbert Seeger ist gerne Müller und sieht für das aussterbende Handwerk im Landkreis eine Zukunft.

Miesbach – Anders als erwartet, staubt es in dem Maschinenraum kaum. Der Boden vibriert, das Motorengeräusch macht eine Unterhaltung schwierig. Lediglich hinter den Glasscheiben der Mahlmaschinen – in der Fachsprache Walzenstühle genannt – kann der Laie erkennen, was hier hergestellt wird. Getreide wirbelt in verschiedenen Konsistenzen darin umher, bis es am Ende ganz fein ist: Mehl.

In den Walzstühlen wird das Mehl gemahlen.

Ein Stockwerk tiefer, vor der Tür. Am Eingang zur Leitzachmühle hängt ein Schild: Auszubildender gesucht. Müllermeister Norbert Seeger (62) wirft einen kurzen Blick darauf, schüttelt den Kopf. „Wir finden einfach keinen Azubi.“ Das Müller-Handwerk ist ein aussterbender Beruf. Für Seeger, der in der Mühle aufgewachsen ist, ist das unvorstellbar. „Es ist ein alter Beruf und zudem ein besonders wichtiger“, sagt er. Mit dem Mehl stellt Seeger nämlich eines der wichtigsten Lebensmittel her. „Als Müller ist mir immer bewusst, dass ich etwas Sinnvolles mache.“

Das Müller-Handwerk hat sich gewandelt

Seeger geht schnellen Schrittes durch den Verkaufsraum, durch mehrere Türen hindurch, Stufen rauf, Stufen runter. Dann steht er in einer Halle und deutet auf ein Gitter am Boden. Hier hinein wird Getreide geschüttet, das die Leitzachmühle von Bauern aus der Region geliefert bekommt. Früher, als Seegers Vater Karl 1956 die Mühle übernommen hat, kam das Getreide noch in Säcken. „Da hat allein das Abladen mehrere Stunden gedauert“, erinnert sich der 62-Jährige, der schon als Bub in dem Betrieb, der dem Leitzachtalverein gehört, umher gestapft ist. Heute dauert es zehn Minuten, wenn eine Lieferung kommt.

Wie das Abladen des Getreides hat sich das gesamte Müller-Handwerk verändert. „Wir haben viel technisiert.“ Obwohl die Leitzachmühle ein verhältnismäßig kleiner Betrieb ist, sei sie immer konkurrenzfähig geblieben. Die Technik ist aber nicht der einzige Wandel, der Seeger in seinem Schaffen bewegt. Die Struktur der Abnehmer hat sich geändert – viele kleine Bäckereien hören auf. Auf Seeger wirkt sich das direkt aus. „Stirbt der kleine Bäcker, stirbt auch der kleine Müller.“

Zunächst entsteht Getreideschrot.

Die Leitzachmühle hat bislang überlebt. „Für unseren Betrieb sehe ich eine Zukunft.“ Seeger spricht mit ruhiger Stimme, nickt, als würde er sich das Gesagte selbst bestätigen. Würde er keine Zukunft sehen, hätte er auch nie seinem Schwiegersohn geraten, in die Mühle einzusteigen. Johannes Spann (36) war nämlich als Schreiner im Innenausbau tätig und hat vor einigen Jahren das Handwerks-Material gewechselt. Getreide statt Holz.

Die Zukunft für die Leitzachmühle macht Seeger an den Strukturen im Landkreis fest. Regionalität ist gefragt, Bio auch. Außerdem hat Seeger mit der Produktion von Futtermitteln ein sicheres Standbein. „Das ist hier in der Gegend wichtig.“ Trotzdem ist der Wettbewerb hart. Viele Mühlen in Deutschland konnten dem nicht standhalten. Gab es 1950 bundesweit noch 1900, sind es mittlerweile nur noch rund 200.

Die Halle, in der das Getreide abgeladen wird, ist sozusagen Station eins des Mehl-Prozesses. Die Körner werden dann gewogen, gereinigt und in der Mühle letztlich verarbeitet. Seeger stapft über braune Papiersäcke, in denen Mehl abgefüllt ist, durch den Maschinenraum. Das Herz der Mühle.

Fertige Mehlsorten reifen in Silos

In 16 Passagen wird das Getreide in den Mahlwalzen zerkleinert, die durch die Wasserkraft der Leitzach angetrieben werden. „Bei jeder Passage fällt Mehl an“, schreit Seeger über den Motorenlärm hinweg. Das fertige Mehl kommt erst dann in die entsprechenden Säcke, wenn es etwa eine Woche im Silo gelagert hat – ein Reifeprozess.

Je mineralhaltiger, umso dunkler das Mehl.

Gereift ist auch Seeger in seiner Zeit als Müller. Seit seiner Ausbildung 1975 hat er die Wahl für das Handwerk nie bereut. „Ich würde das sofort wieder machen.“ Auch wenn ihm die Situation ab und an Sorgen bereitet: Seeger ist Optimist. „Ich habe große Hoffnung, dass die Entwicklung bei uns stoppt und viele Handwerks-Bäckereien bestehen bleiben.“ Vom Marketing über Buchhaltung bis zu Messungen im Labor kennt sich Seeger in allen Bereichen der Mühle aus. Er muss seine Mitarbeiter – sieben in Vollzeit und zehn auf Teilzeit – jederzeit ersetzen können. Viel Zeit verbringt der Müllermeister im Büro. „Am liebsten bin ich aber in der Mühle“, sagt er und lässt den Blick über die dröhnenden Maschinen schweifen. „Dort, wo man das echte Handwerk noch ausübt.“

nip

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Lieber Männer: Hier kommt euer Freibrief für den Männerschnupfen
Hilfe, der Männerschnupfen hat uns wieder voll erwischt. Aber keine Angst, liebe Männer. Die fieseste Krankheit seit Anbeginn der Evolution ist nun wissenschaftlich …
Lieber Männer: Hier kommt euer Freibrief für den Männerschnupfen
Rosetta Pedone mit allererstem Solo-Kabarett in Miesbach
Im Frühjahr überzeugte sie als Wagenknecht-Double auf dem Nockherberg, jetzt kam Rosetta Pedone zum Heim-Gastspiel mit ihrem allerersten Solo-Kabarett in ihre …
Rosetta Pedone mit allererstem Solo-Kabarett in Miesbach
Religion mal anders: Licht, Schmankerl und Spektakel 
Riesige Ökumenische Aktion: Am Vorabend des Reformationstages laden die Kirchen in Schliersee, Hausham, Miesbach und Holzkirchen zu einer spektakulären Nacht ein. 
Religion mal anders: Licht, Schmankerl und Spektakel 
Frauenbund-Jubiläum: Wie 90 Miesbacherinnen den Nazis die Stirn boten
Back- und Bastelaktionen, und ab und zu ein Ausflug: Damit verbinden die meisten Leute einen Frauenbund. Doch die Miesbacher Gruppe hat in 100 Jahren auch politisch viel …
Frauenbund-Jubiläum: Wie 90 Miesbacherinnen den Nazis die Stirn boten

Kommentare