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Gefragt im Katastrophenfall: Christian Pölt (l.) und Erich Schröck.

Pläne für 20 Katastrophen-Szenarien

Rückblick auf den K-Fall: Verantwortliche am Landratsamt beantworten offene Fragen 

Der Landkreis war im Januar im Ausnahmezustand wegen des Schneechaos. Im Rückblick auf den Katastrophenfall beantworten die Verantwortlichen am Landratsamt offene Fragen.

Miesbach Einen Monat ist es her, dass im Kreis Miesbach der Katastrophenfall festgestellt wurde. Im Rückblick beantworten Erich Schröck, am Landratsamt zuständig für den Katastrophenschutz, und Christian Pölt, Fachbereichsleiter Öffentliche Sicherheit am Landratsamt, ein paar noch offene Fragen.

Wie fiel die Manöverkritik der beteiligten Organisationen aus?

Seitens der Führungskräfte der beteiligten Organisationen habe es viel Lob geben, berichtet Schröck. Der Landesbeauftragte des THW, Fritz-Helge Voß, zum Beispiel habe sich vor Ort über die Arbeit der Miesbacher Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) informiert. Bei einem Treffen der oberbayerischen Kreisbrandräte wurde die Arbeit der FüGK im Landkreis Miesbach besonders hervorgehoben. Fachleute seien sich inzwischen einig, dass der K-Fall am Miesbacher Landratsamt zurecht und auch zum richtigen Zeitpunkt festgestellt wurde.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um einen K-Fall festzustellen?

Laut Bayerischem Katastrophenschutzgesetz müssen „Leben oder Gesundheit einer Vielzahl von Menschen oder die natürliche Lebensgrundlage oder bedeutende Sachwerte in ungewöhnlichem Ausmaß gefährdet“ sein. Zur Abwehr dieser Gefahr ist es notwendig, dass die mitwirkenden Stellen unter Leitung der Katastrophenschutzbehörde zusammenwirken. Schröck legt Wert auf die Feststellung, dass das Landratsamt den K-Fall nicht leichtfertig festlegt. „Wir hängen die Hürde da schon hoch.“ Das Finanzielle steht dabei absolut nicht an erster Stelle. Bei der Einschätzung der Lage sei auch der Blick in die Zukunft bedeutsam. In diesem Fall war das speziell die Wettervorhersage.

Prüft eine übergeordnete Stelle noch einmal, ob es richtig war, den K-Fall auszurufen?

Eine solche Kontrolle findet allenfalls indirekt statt. Die Hilfs-Organisationen können sich ihre Einsatzkosten größtenteils erstatten lassen (wir berichteten) – jedoch nur Aufwendungen, die direkt im Zusammenhang mit der Katastrophe stehen. Die Prüfung dieser Ansprüche liegt beim Landratsamt und bei der Regierung von Oberbayern. Solange der K-Fall gilt, müssen zur Information pro Tag zwei Lagemeldungen an die Regierung von Oberbayern geschickt werden.

Der K-Fall wurde am 7. Januar festgestellt. Eine kleinere Gruppe im Landratsamt bewertete die Lage aber schon am Tag zuvor. Wie kam’s dazu?

„Wir hatten an diesem Tag im Nordlandkreis großflächige Stromausfälle“, berichtet Pölt. Was sich zunächst nicht dramatisch anhört, kann zum echten Problem werden. Anders als früher bedeutet Stromausfall heutzutage in den meisten Haushalten zugleich: kein Telefon. Und weil auch Mobilfunkmasten nur wenige Stunden ohne Energiezufuhr auskommen, drohen alle Notruf-Möglichkeiten wegzufallen. Bei bereits vorhandenen und angekündigten weiteren Schneemassen mit all ihren Auswirkungen war dies eine kritische Situation. Bekanntlich wurde bereits am Sonntagabend der Schulunterricht im Landkreis-Norden abgesagt. Zu einer Absage des Schulbetriebs im ganzen Landkreis rang sich das Schulamt aber erst am Montagfrüh durch.

Die Einsatzkräfte kamen aus ganz Bayern, ja sogar darüber hinaus. Wer entscheidet dies? Kann die FüGK im Landratsamt zum Beispiel direkt die Bundeswehr bestellen?

Nein. Die FüGK fordert sogenannte Kontingente über die Regierung von Oberbayern an. Je nach Einsatz bestehen sie aus etwa 120 Kräften. Im Falle der Bundeswehr erfolgt die Alarmierung über das Kreisverbindungskommando. Bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei kümmerte sich der Verbindungsbeamte in der FüGK.

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Was ist der große Vorteil einer solchen Führungsgruppe?

Die Einsatzkräfte aller Organisationen werden zentral koordiniert. Jeder weiß von Beginn an, was er zu tun hat, und die Informationswege sind kurz. Alle Organisationen sind zum Beispiel sofort über Straßensperrung im Bilde und können entsprechend planen – wichtig auch für Blaulicht-Anfahrten zu Einsätzen, Un- und Notfällen. Im Landratsamt gibt es übrigens Pläne für diverse Katastrophen-Szenarien – knapp 20 Stück. Neben Naturkatastrophen wie Hochwasser und Waldbrand sind auch Schadensereignisse wie ein Flugzeugabsturz sowie der Ausbruch von Seuchen erfasst.

In welcher konkreten Lage hat sich beim Schneechaos das Bestehen der Führungsgruppe ausgezahlt?

Zum Beispiel als absehbar war, dass Spitzingsee wegen notwendiger Lawinensprengungen weit länger als nur ein paar Stunden von der Außenwelt abgeschnitten sein würde. Vor der Sperrung schickte das Führungsteam Feuerwehr und Sanka in den Schlierseer Ortsteil. Beim Unfall mit fünf Lkw auf der A8 konnte sofort eine „Koordinierungsgruppe Autobahn“ gebildet werden. Das hätte sich insbesondere ausgezahlt, wenn etwa ein voll besetzter Reisebus in den Unfall verwickelt gewesen wäre, was gottlob nicht passierte.

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Immer wieder hat das Landratsamt betont, dass Privatleute selbst für das Räumen ihrer Dächer verantwortlich sind. In Bayrischzell wurde aber auch Privathäuser geräumt. Andernorts auch Firmendächer. Warum?

Ob ein Gebäude – egal ob öffentlich oder privat – abgeräumt werden musste, hing von der konkreten Gefahr für das einzelne Objekt ab. Wären etwa Produktionshallen eingestürzt, wäre ein enormer wirtschaftlicher Schaden mit Auswirkungen für die gesamte Region entstanden. Allein wegen ihrer Größe können manche Dächer sinnvollerweise nur von ganzen Hilfskontingenten bearbeitet werden. Das Landratsamt hat die ihm gemeldeten Häuser priorisiert, begutachtet und dann gegebenenfalls abschaufeln lassen. Jedes Haus hat einen hohen Sachwert und muss geschützt werden.
Ein besonderes öffentliches Interesse genießen zum Beispiel Seniorenzentren, aber auch unverzichtbare Arbeitgeber für die Region. Privathäuser wurden nur dann von Einsatzkräften abgeschaufelt, wenn ein Statiker bescheinigte, dass dieses Gebäude unverzüglich geräumt – und evakuiert – werden muss. Besteht eine Gefahr für Leib und Leben, bleibt keine Zeit mehr, einen privaten Anbieter zu suchen. Die Einsatzkräfte konnten Häuser nicht vorsorglich abschaufeln.

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Daniel Krehl

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