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Sensibles System: ein Teil des staatlichen Schutzwalds oberhalb von Neuhaus. Im Hintergrund ist der Schliersee zu sehen.

Sorge um die Gams

Schonungslose Jagd im Schutzwald? Das sagen Jäger und Förster im Landkreis

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Bis 2024 darf in Schutzwäldern das ganze Jahr über gejagt werden. Die Förster freuen sich über weniger Verbiss, die Jäger sorgen sich um die Gams. Im Landkreis setzt man auf Dialog.

Landkreis – Weiter könnten die Bewertungen wohl kaum auseinandergehen. Von „Hilfe zur Selbsthilfe für einen stabilen Bergwald“ sprechen die Bayerischen Staatsforsten (BaySF), von einem „wichtigen Signal für die Menschen, die im Gebirge leben“. Ganz anders der Bayerische Jagdverband (BJV): Er fürchtet „keine guten Tage für die Gams“ und sieht in deren „schonungsloser Verfolgung“ einen „Verstoß gegen den Tierschutz“.

Zankapfel von Förstern und Jägern ist die Entscheidung der Regierung von Oberbayern, die Schonzeitaufhebungsverordnung im Schutzwald um weitere fünf Jahre bis 2024 zu verlängern. In der Praxis heißt dies, dass in bestimmten Gebieten Reh-, Rot- und Gamswild auch künftig außerhalb der regulären Jagdzeiten geschossen werden dürfen. Ziel der Aktion ist es, die „jungen Schutzwälder vor Verbiss zu schützen“, teilen die Bayerischen Staatsforsten mit.

Stephan Breit: Vize-Forstbetriebsleiter.

Die enormen Schneemengen dieses Winters hätten einmal mehr die große Bedeutung der Wälder für den Lawinenschutz vor Augen geführt. Die „Gefahren für Leib und Leben“, aber auch die Infrastruktur in den Bergen, würden mit dem Klimawandel zunehmen. Dabei gehe es nicht nur um Lawinen, sondern auch um Muren und Überschwemmungen. „Es ist viel umweltschonender, wenn intakte Bergwälder statt große Betonbauten die Bewohner und Besucher des Alpenraums schützen“, sagt Staatsforstenchef Martin Neumeyer.

Bei der Jagd werde Rücksicht auf seltene Arten wie Auerhuhn und Steinadler genommen, und auch der Muttertierschutz werde eingehalten. Zudem würden die Abschüsse auf die festgelegten Quoten angerechnet. „Zusätzliches Wild wird nicht erlegt“, sagt Neumayer.

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Die Jäger fürchten dennoch negative Folgen, vor allem für die Gams. „Die Sozial- und Altersstruktur der Gamspopulation in Oberbayern macht uns seit Jahren große Sorgen“, sagt BJV-Präsident Jürgen Vocke. Besonders kritisiert er, dass die Regierung von Oberbayern die Auswirkungen der Schonzeitaufhebung auf die sensible Gams nach wie vor nicht überprüft habe und die Bedenken des BJV bei der Entscheidung nicht berücksichtigt habe.

Im Landkreis sind die Fronten nicht ganz so verhärtet. Man habe die Jäger in den Prozess eingebunden, berichtet Stephan Breit, stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Schliersee. Und auch deren Wünsche berücksichtigt. Statt wie bisher 18 Verordnungsgebiete mit einer Gesamtfläche von 5900 Hektar seien im Forstbetrieb Schliersee künftig nur mehr elf Gebiete mit 4400 Hektar ausgewiesen – eine Reduktion um rund 25 Prozent.

„Wir haben uns auf die wirklichen Brennpunkte fokussiert“, erklärt Breit. Dazu zählen unter anderem die Wälder oberhalb der Spitzingstraße sowie der B 307 zwischen Kreuth und Achenpass. Aus der Liste gestrichen wurde beispielsweise das Schutzwaldsanierungsgebiet Rotwand, Jenbach (Wendelsteingebiet) sowie Flächen westlich von Bad Wiessee. Auch Anregungen des Naturschutzes habe man berücksichtigt. Seit 2005 wurden in den Sanierungsgebieten im Landkreis rund 560 000 Bäume gepflanzt. Rund 19 Milliarden Euro haben die BaySF dafür investiert.

Tobias Hupfauer: Kreisjagdberater.

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Auch deshalb hält Breit die Schonzeitaufhebung für das richtige Instrument, um den Schutzwald mit jungen Tannen, Fichten, Kiefern und Lärchen, aber auch Buchen und Bergahorn vor Verbiss zu bewahren. „Sonst müssten wir tatenlos zusehen“, sagt der Forstexperte. Bei der Jagd gehe es aber nicht darum, möglichst viele Tiere zu schießen, sondern eher, sie aus den Gebieten zu „vergrämen“. Pro 100 Hektar Fläche würden im Schnitt etwa 7,1 Stück Schalenwild (in erster Linie Gämsen) pro Jahr außerhalb er Schonzeit erlegt. Ziel sei es, die bepflanzten Flächen das ganze Jahr über zu begleiten.

Auf einen sachlichen Dialog setzt auch Kreisjagdberater Tobias Hupfauer. Er räumt ein, dass die Gams im Landkreis nicht akut gefährdet ist. Man müsse aber schon auf eine ausgeglichene Altersstruktur achten. Hier gebe es durchaus Defizite. „Und die müssen wir ernst nehmen“, sagt Hupfauer. So habe er das Festlegen der Abschussplanung auf Ende Juli verschoben, um erst die Verluste durch den schneereichen Winter auf die Population zu untersuchen. Was er persönlich von der erneuten Schonzeitaufhebung hält, will der Kreisjagdberater nicht kommentieren: „Ich werde mich nicht über Sinn oder Unsinn dieser Maßnahme äußern.“

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