Zuversichtlich trotz Einbußen: Fabian Amini, Geschäftsführer der BRB, ist mit dem Start ins neue Jahr zufrieden. Ausbleibende Fahrgäste will er mit hohen Qualitätsstandards zurückgewinnen.
+
Zuversichtlich trotz Einbußen: Fabian Amini, Geschäftsführer der BRB, ist mit dem Start ins neue Jahr zufrieden. Ausbleibende Fahrgäste will er mit hohen Qualitätsstandards zurückgewinnen.

Interview mit Fabian Amini

„Sehr ernste Lage“: BRB ringt um Fahrgäste - Geschäftsführer setzt auf Qualität durch Lint-Züge

  • Jonas Napiletzki
    vonJonas Napiletzki
    schließen

Weniger Fahrgäste, ein voller Fahrplan und zu wenig Staatshilfen machen der BRB zu schaffen. Die hohe Qualität und Pünktlichkeit der neuen Lint-Züge sollen Fahrgäste zurückholen.

Landkreis – Neue Flotte, neues Jahr: Mit 31 Lint-Zügen statt der bisherigen 17 Integrale und neun Talente bietet die Bayerische Regiobahn (BRB) seit einigen Wochen mehr Kapazitäten fürs Oberland als je zuvor. Doch anstelle eines Rekordstarts kämpft das Verkehrsunternehmen mit den Auswirkungen der Pandemie (wir berichteten). Geschäftsführer Fabian Amini (44) verrät im Gespräch, wie er mit leeren Zügen und vollen Fahrplänen umgeht, ob sich die neue Flotte trotzdem gelohnt hat und welche Perspektiven es für 2021 gibt.

Herr Amini, Sie wollten heuer voll durchstarten – klappt das trotz Corona?

Amini: Wir wollten nicht nur, wir sind durchgestartet. Trotz aller Einbußen gibt es zum Jahresanfang positive Nachrichten. In einer Fahrgastumfrage mit 700 Teilnehmern gaben 95 Prozent der Befragten an, die neuen Züge mindestens genauso gut oder besser zu finden als die alten Integrale. Und auch im Qualitäts-Ranking der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) erreichen wir mit den neuen Zügen historische Höchststände. Im ersten Monat nach Fahrplanwechsel waren 95 Prozent unserer Fahrten pünktlich. Das ist ein toller Wert, der zwar – wie bei vielen Bahnbetreibern – auch durch verringerte Fahrgastzahlen bedingt wird, bei uns aber nicht nur dadurch erklärt werden kann.

Wie viele Fahrgäste fehlen momentan?

Amini: Wir zählen 70 bis 80 Prozent weniger als im Normalbetrieb. Diesen Tiefstand hatten wir zuletzt im ersten Lockdown im März – und das, obwohl wir auch jetzt den vollen Fahrplan erfüllen. Zum 13. Dezember wurde der Takt sogar noch verdichtet. Und wegen der abgesagten Faschingsferien fahren wir auch in dieser Februar-Woche den Regelfahrplan. Insgesamt sind die Züge also öfter unterwegs – aber trotz höherer Kosten recht leer. Das ist trotz allem Verständnis für die coronabedingten Mobilitätseinschränkungen natürlich sehr schwierig für uns.

Was bedeutet das finanziell für die BRB?

Amini: Wir sind in einer sehr ernsten Situation, die wir ohne einen Rettungsschirm nicht überstehen würden. Und so dankbar ich für die Hilfen bin, so knapp bemessen sind diese leider. Nominal sollen 90 Prozent der Einnahmeverluste ausgeglichen werden. Der Wert bezieht sich aber auf Zahlen aus dem Jahr 2019. Seitdem haben wir über 100 Millionen Euro in die neuen Züge investiert und eigentlich mit deutlich mehr Einnahmen gerechnet. Aber selbst durch allgemeine Preissteigerungen und Mehrkosten durch den engeren Fahrplan sowie die Hygieneauflagen kommen von 90 Prozent nur reale 80 bis 85 Prozent raus. Trotzdem können wir momentan keinen Euro einsparen.

Können Sie den engen Fahrplan trotz des Schnees einhalten?

Amini: In diesem Winter klappt es gut, auch wenn es für ein Fazit noch zu früh ist. Zu schaffen macht uns sonst oft die veraltete und störanfällige Infrastruktur mit Stellwerken, die teilweise aus der Vorkriegszeit stammen. Das zuständige Team der Deutschen Bahn ist sehr engagiert, muss aber für unterschiedliche Stellwerke jeden Mitarbeiter vor Ort anlernen. Wenn dann jemand ausfällt, gibt es oft keinen schnellen Ersatz. Die Winter-Pläne waren nach den vielen schneearmen Jahren „eingerostet“. Nach dem Schneechaos 2019 hat sich das deutlich gebessert. Viel verlorene Erfahrung wurde in letzter Zeit wieder gesammelt.

Und wie bewähren sich die Züge?

Amini: Ihre Feuer- beziehungsweise Schneetaufe haben die Lint-Züge gut gemeistert. Die typischen Probleme der alten Integrale wie ausgefallene Heizungen, Toiletten oder Klimaanlagen gibt es nicht mehr. Die Züge laufen bisher auch im Schnee sehr stabil.

Wer zahlt, wenn die Infrastruktur schuld ist?

Amini: Zuletzt waren an vier Abenden Stellwerke in Miesbach, Schliersee und Bayrischzell nicht besetzt – wegen Personalmangels der DB Netz. Die dann fällige Vertragsstrafe an den Freistaat muss trotzdem die BRB zahlen – egal, wo die Ursache liegt. Das Infrastrukturmonopol der Deutschen Bahn ist ein generelles Problem: Sie gibt die Spielregeln vor – und wem sie nicht passen, der fährt eben nicht auf ihren Schienen. Der Anreiz für die Deutsche Bahn, die Infrastrukturqualität zu bieten die für einen pünktlichen und zuverlässigen Betrieb erforderlich ist, geht verloren, wenn sie die Strafe nicht selbst zahlen muss. Dieses Problem muss noch gelöst werden.

Trotz aller Widrigkeiten: Was plant die BRB für dieses Jahr?

Amini: In erster Linie wollen wir die jetzt erreichte Qualität und Pünktlichkeit weiter halten. Dafür arbeiten wir an einer neuen App, die unter anderem die Fahrgastinformation verbessern soll. Auch eine zusätzliche Wartungshalle in Augsburg wollen wir heuer fertigstellen. Ende des Jahres übernimmt die BRB den ersten Teil des Netzes Berchtesgaden-Ruhpolding, das ist eine weitere Herausforderung. Und dann bleibt natürlich das Hauptthema: Wie können wir die Fahrgäste nach Ende der Pandemie zurückgewinnen?

Eine Herkulesaufgabe?

Amini: Wie schwierig sich das gestaltet, hängt vom Vertrauen der Fahrgäste ab. Alle drei bis sechs Minuten wird die Luft in den Fahrzeugen komplett ausgetauscht – das schafft man in keinem Büro. Von unseren Mitarbeitenden hat sich nachweislich noch keiner in den Zügen infiziert. Und die FFP2-Maskenpflicht macht den ÖPNV noch sicherer. Und bei allen Bedenken dürfen wir trotz Corona den Klimawandel nicht aus den Augen verlieren. Wenn wir jetzt das sinnbildliche Dachleck reparieren, während im Erdgeschoss das ganze Haus in Flammen steht, bringt das langfristig nichts. Deshalb hoffe ich, dass die Kunden auch nach der Pandemie nicht dauerhaft aufs Auto umsteigen. Ein Anreiz dafür könnte auch der Beitritt des Landkreises Miesbach zum MVV sein – das dauert aber noch etwas.

Das Gespräch führte Jonas Napiletzki.

Die Kritikpunkte Pfeifen, Quietschen und Co.

Laut Geschäftsführer Fabian Amini gibt es – „auch wenn die Lint-Züge grundsätzlich innen und außen leiser als die alten sind“ – vier Kritikpunkte, mit denen sich die BRB bekanntermaßen beschäftigt. „Das Bremsenquietschen hat sich mit dem Einfahren der Züge gelöst“, sagt Amini. Auch das Piepsen der Türen beim Öffnen und Schließen, das von Fahrgästen als zu laut empfunden wurde, sei bereits leiser geworden. „Die Lautstärke wird jetzt adaptiv an die Umgebung angepasst.“ Seitdem sei der Ton fünf Dezibel lauter als die Außengeräusche, maximal jedoch 70 dB.

„Am Pfeifen der Züge an ungesicherten Bahnübergängen konnten wir nur wenig machen“, gesteht der Geschäftsführer. Nach mehreren gutachterlichen Messungen habe man die Lautstärke ans untere Ende des Normbereichs angepasst. „Die bessere Lösung wäre aber eine Schließung oder technische Sicherung möglichst vieler der knapp 20 ungesicherten Bahnübergänge im Oberland.“ Letzteres wäre durch Lichtzeichenanlagen, Schranken oder Halbschranken möglich. Die BRB sei dafür unter anderem mit den Gemeinden Warngau und Fischbachau und der DB Netz AG in Kontakt – „es gab bereits erste sehr konstruktive Treffen“. Gerade Bahnübergänge mit baulich aufwendigeren Lösungen bräuchten jedoch länger, hier könne es rund fünf Jahren dauern. Förderlich für eine schnellere technische Sicherung als bisher kann Amini zufolge die Änderung des Eisenbahnkreuzungsgesetzes sein. Das Gesetz wurde vergangenes Jahr geändert und entlastet die Kommunen bei der Finanzierung der Bahnübergänge.

Das Quietschen der Züge in Gleisbögen, beispielsweise in Gmund, ist Amini zufolge das anspruchsvollste Problem. „Es gibt hierfür keine schnellen und günstigen Lösungen.“ Die beste Variante – ein Absorberring in den Rädern – soll jetzt in einem Zug getestet werden. „Sollte das den gewünschten Erfolg bringen, wären wir aber auf Hilfen des Freistaats angewiesen“, betont der Geschäftsführer. Die Absorberringe für 31 Fahrzeuge seien eine Investition in Millionenhöhe. „Das übersteigt leider deutlich unsere Möglichkeiten.“

Was die Barrierefreiheit betrifft, schafft die BRB für den Spalt zwischen Tür und Bahnsteig mobile Rampen an, die direkt an den Eingängen der Züge griffbereit montiert werden sollen. „Die Rampen sind in der Fertigung – coronabedingt gibt es einen Lieferverzug.“ nap

Lesen Sie auch über den Rettungsschirm der BRB und über die Beschwerden rund um das Thema Lärm.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare