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Selbstversuch: Von Montag bis Freitag trugen Josua Kowalzik (l.) und Tobias Thaller Augenbinden. Das beeinflusste alle ihrer Sinne.

Sie waren wandern und schwimmen

Selbstversuch: Zwei Schüler vier Tage blind - Das wollten sie lernen

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Tobias Thaller aus Miesbach und Josua Kowalzik aus Hausham waren vier Tage blind – freiwillig. Sie gingen mit Augenbinden sogar wandern und schwimmen. Das haben sie dabei gelernt.

Miesbach – Tobias Thaller aus Miesbach (18) und Josua Kowalzik (17) aus Hausham waren vier Tage blind – freiwillig. Nach dem Abi machten sie einen Selbstversuch, um herauszufinden, wie sich Blinde fühlen. Mit Augenbinden spielten sie Basketball, schwammen und wanderten. Wir haben kurz nach der Abnahme der Binden mit den Beiden über ihre Erfahrungen, ihre Lehren und ihre Motivation gesprochen.

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Blinden-Experiment: Deshalb trugen sie vier Tage lang Augenbinden

Was ist Ihr erster Eindruck ohne Augenbinden?

Tobias Thaller:Das Licht blendet. Es ist zwar noch morgens, aber ich bekomme die Augen kaum auf.
Josua Kowalzik:Stimmt. Auch die Farben sind intensiver und greller.

Wie war es mit Binde? Haben Sie blaue Flecken?

Thaller: Nur einen. Beim Blinde-Kuh-Spielen bin ich an der Türklinke hängen geblieben. Einmal sind wir auch mit den Köpfen zusammengestoßen. Sonst ist nicht viel passiert.

Kowalzik:Auch, weil Eltern und Geschwister immer für uns da waren. Schon wenn wir etwas gesucht haben, dass wir uns nicht zurecht gelegt hatten, haben wir einfach jemanden gebraucht. Brotschmieren konnten wir selbst. Aber kochen oder Müsli machen gingen zum Beispiel nicht.

Brauchten Sie viel Hilfe?

Thaller: Weniger als gedacht. Ganz selbstständig kann man als Blinder aber nie sein. Die moderne Technik hilft schon sehr, zum Beispiel durch Sprachsteuerung. Wir hatten unsere Handys so umgestellt, dass wir Nachrichten diktieren konnten. Aber wir haben trotzdem immer wieder Unterstützung gebraucht.
Kowalzik: Einmal ist uns ein Glas runtergefallen. Als Blinder könnte man nie wissen, ob man auch wirklich alle Scherben eingesammelt und die Soße ganz aufgewischt hat.

Aber das Blinde-Kuh-Spielen hat geklappt?

Kowalzik Ja! Wir waren auch Schwimmen und Wandern. Aber nicht alleine. Auch ein wenig Ballwerfen haben wir versucht. Und Klavier und Geige haben wir gespielt.

Thaller: Es waren aufregende Tage. Wir hatten auf einer Liste Ideen gesammelt. Gemacht haben wir dann, worauf wir gerade Lust hatten.

Stichwort Idee: Wie kamen Sie auf den Blind-Test?

Thaller:Vor fünf, sechs Monaten hatten wir die Idee, ein paar Tage blind zu sein. In der Schule haben wir immer wieder gemerkt: ,Oh, ich könnte das nicht machen und das nicht und das nicht.‘

Kowalzik: Bei einem Test wollten wir die Uhrzeit wissen. Aber es war niemand zu Hause. Also haben wir mit dem Festnetz einen Freund angerufen, dessen Nummer wir auswendig wussten, und ihn gefragt, wie spät es ist. Da war uns klar: Blind sein ist eine Herausforderung. Das wollen wir versuchen.

Thaller: Bei mir kam noch mein Opa dazu. Er sieht sehr wenig. Ich habe mich oft wie er gefühlt, wenn er sich langsam vorwärtsbewegt. Ihn und Blinde verstehen wir jetzt besser und können eher helfen. Wir wissen ja, wie es sicht anfühlt, blind zu sein.

Wie fühlt es sich an?

Thaller:Ich war unsicherer. Weil die Orientierung schwer fällt, klar. Aber auch, weil ich nicht wusste, ob mir mein Gegenüber zuhört. Als Blinder muss man lernen, sich dabei nicht dumm zu fühlen. Deswegen ein Tipp: Bei Blinden nie nur passiv sein oder nicken. Sonst trauen sie sich nicht mehr, zu reden.
Kowalzik: Stimmt, das Feedback ist wichtig. Gerade bei Fremden kostet es viel Überwindung, etwas zu sagen.

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Viert Tage blind: So verändern sich die Sinne

Haben sich Ihre anderen Sinne verändert?

Thaller: Ich habe mich schon mehr auf andere Sinne konzentriert, die sonst hinten runter fallen, weil das Sehen effektiver ist. Aber besser sind sie nicht geworden. Dazu war wohl die Zeit zu kurz.
Kowalzik: Ich war überrascht, was man alles riecht. Das Wasser beim Duschen, zum Beispiel. Einmal bin ich von der Haustür zur Garage gegangen. Das waren auf ein paar Metern drei völlig unterschiedliche Geruchswelten.
Thaller:Manchmal habe ich in meinem Kopf auch Dinge gesehen, die nicht da waren. Einen Kartoffelsalat auf dem Teller zum Beispiel.

Wie war es beim Sport?

Kowalzik Wenn man blind ist, kann man fast keinen Sport machen. Man tastet sich immer langsam voran. Aber es kostet enorme Überwindung, schneller als Schrittgeschwindigkeit zu gehen. Auch im See würde ich nicht schwimmen.

ThallerBeim Basketball ging es, wenn der Ball beim Zuwerfen einmal aufkommt. Dann konnte ich mir die Flugbahn vorstellen. Aber direkt Werfen war sehr schwer. Das klappt nur mit Glück.

Haben Ihnen auch fremde Menschen geholfen?

Kowalzik: Während des Projekts waren wir meistens in Begleitung unterwegs und wurden kaum angesprochen. Bei den Tests war das anders. Ein Mann hat uns sein Tandemfahrrad angeboten als Tobi „blind“ war und ich ihn geführt habe. Auch wollten mir auf der kurzen Strecke vom Bahnhof zu meinem Haus zwei Menschen helfen.

Ihr Fazit?

Thaller: Es hat sich gelohnt. Wir haben viel über Blinde gelernt, aber auch darüber hinaus. Besonders von der Bedächtigkeit und Ruhe, mit der Blinde durch den Alltag gehen, will ich mir etwas behalten.
Kowalzik: Stimmt. Und Spaß hat es auch gemacht. Es war eine einmalige Erfahrung.

Das Gespräch führte Christian Masengarb

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