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Gute Stimmung: Im AWO-Seniorenzentrum in Miesbach genießen die Bewohner die Sonne gemeinsam auf dem Balkon. Im Gegensatz zu anderen Einrichtungen können sie sich hier frei auf ihren Ebenen bewegen. 

Wegen Handlungsanweisungen des Innenministeriums

Seniorenheime im Landkreis Miesbach: Sorgen vor erster Infektion

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Die Seniorenheime im Landkreis Miesbach haben die Lage trotz Corona unter Kontrolle. Schon ein einziger positiver Test könnte das aber ändern.

Landkreis – Jürgen Pohl hofft, noch ein drittes Mal aufatmen zu dürfen. Zwei Corona-Tests in seiner Einrichtung hat der Geschäftsführer des Tegernseer Seniorenzentrums Der Schwaighof mit negativen Ergebnissen überstanden. Eine Mitarbeiterin war in Kontakt mit einem Infizierten, eine Bewohnerin hatte Husten und Fieber. Beide waren virusfrei. Der dritte Test – wieder eine Mitarbeiterin – steht noch aus. Das Ergebnis entscheidet viel.

Ein einziger positiver Test stellt Seniorenheime vor Herausforderungen. Ist ein Bewohner krank, müssen sie diesen nach den Handlungsanweisungen des Innenministeriums isolieren. Sie brauchen mehr Schutzkleidung, sichere FFP2-Masken und Schutzmäntel – alles schwer erhältlich. Ist ein Angestellter betroffen, muss während der Krise eine schwer ersetzbare Fachkraft in Quarantäne. Pohl: „Diese Sorgen haben wir natürlich.“

Alle Informationen zur Corona-Kriese im Landkreis Miesbach finden Sie in unserem Ticker

Vorräte reichen noch

Pohl hat sich auf den schlimmsten Fall vorbereitet. Er hat einen Pandemieplan und einen Krisenstab eingerichtet. Der Katastrophenschutz hat 200 Atemmasken und 50 FFP2-Masken geliefert, dazu Schutzanzüge und Desinfektionsmittel. Freiwillige haben selbst genähte Masken gespendet, auch Angestellte haben zu Nadel und Faden gegriffen. „Wir sind ausgerüstet“, sagt Pohl. „Aber Planung ist das eine, das Geschehen das andere.“

Wie schnell Vorräte verbraucht werden, rechnet Lisa Brandl-Thür vor, Leiterin des KWA-Stift Rupertihof in Rottach-Egern. Wie im Schwaighof tragen Pfleger und Hauswirtschaftler ihrer Einrichtung bei der Arbeit Masken und Handschuhe. Bleibt der Rupertihof weiter von Corona verschont, reicht die Ausrüstung für zwei bis drei Wochen, schätzt die Leiterin. „Aber wenn es einen Corona-Fall gibt, reicht sie nur eine Woche.“ Bei mehreren Fällen wäre sie noch schneller weg.

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Kontakte reduziert

Wegen des hohen Einsatzes überlassen Pohl und Brandl-Thür nichts dem Zufall. Der Rupertihof hat alle gemeinsamen Veranstaltungen abgesagt. „Die Möglichkeiten, sich im Haus zu vergnügen, sind gleich Null“, sagt Brandl-Thür. Das müsse sein, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. „Wenn das Virus einmal drin ist, geht es durch.“ Auch im Schwaighof bleiben die Bewohner auf den Zimmern, kommen höchstens zum Spazieren raus.

Leicht ist die Isolation nicht: „Dass die Messen über Ostern ausfallen, macht die Bewohner schon traurig“, sagt Pohl. Die meisten von ihnen arrangieren sich aber mit der Situation. „Viele sagen: ,Wir haben den Krieg geschafft, dann schaffen wir das auch‘“, berichtet Brandl-Thür. Die Senioren halten per Telefon Kontakt zu ihren Familien oder reden über den Balkon mit Verwandten, die ans Grundstück kommen.

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Die Krise wird teuer

Selbst wenn der Rupertihof von Corona verschont bleibt: Ihren Wirtschaftsplan wird Brandl-Thür wegen der gestiegenen Preise für Schutzausrüstung heuer nicht einhalten. „Wir zahlen fünf Euro für Dinge, für die wir früher ein paar Cent gezahlt haben“, sagt sie. Die Sicherheit der Bewohner habe aber Vorrang. „Wenn dann ein Minus bleibt, dann ist das halt so.“

Ein anderer Ansatz

Einen anderen Weg geht das AWO-Seniorenzentrum Inge-Gabert-Haus in Miesbach. Hier tragen zwar die Mitarbeiter Handschuhe und Masken. Die Bewohner bewegen sich aber frei auf der Ebene, auf der sie jeweils wohnen. Veranstaltungen, zu denen früher das ganze Haus zusammenkam, finden jetzt für jede Ebene einzeln statt. Dort musizieren und essen die Bewohner gemeinsam. „Die Stimmung ist gut“, sagt Leiterin Rosemarie Holzapfel.

Die Logik ihres Ansatzes: „Die größte Ansteckungsgefahr für die Senioren ist das Personal.“ Nur dieses kann das Virus ins Haus bringen. So lange aber kein Bewohner erkrankt sei, könnten diese gefahrlos miteinander umgehen. Die Senioren bleiben im Haus, tragen außerhalb ihrer Ebenen Schutzmasken. „Ich hoffe, dass der Kelch an uns vorüber geht.“

Einzelne Unvernunft

Sorge bereitet Holzapfel die Unvernunft Einzelner. Angehörige haben in allen Seniorenzentren Besuchsverbot. Einige haben trotzdem versucht, über den Balkon einzudringen. Auch Brandl-Thür berichtet von einzelnen „sehr uneinsichtigen“ Bewohnern. Das sei schade, denn die Einsamkeit könne sie ihnen nicht nehmen. „Man kann nur appellieren.“

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