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Stephen Hank, Redaktionsleiter von Miesbacher Merkur, Holzkirchner Merkur und Tegernseer Zeitung.

Glosse

Sie haben Weihnachtspost

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Zu Weihnachten stapelt sich die Post. Aber will man das alles wirklich lesen? Nein, hat unser Autor Stephen Hank festgestellt.

Ich bekomme nicht mehr viel Post. Zu Hause sind es Rechnungen und die immer gleiche Werbung. Ich soll bei einem großen Telekommunikationsunternehmen einen Vertrag für Highspeed-Internet abschließen. Dabei habe ich dort doch schon einen Vertrag. So wie mit meinem Verlag. Auch hier bekomme ich übrigens kaum noch Post. Läuft ja alles über Mail heutzutage.

Jetzt zu Weihnachten ist das anders. Mein Schreibtisch biegt sich vor Post. Ja, so dünn sind Schreibtischplatten heutzutage! Der erste Brief kam schon vor Wochen. Da wusste Weihnachten noch gar nicht, dass es bald da ist. Der Brief war von einem Politiker. Er wollte wohl sichergehen, dass ich ihn auch lese. Politiker sind so gestrickt. Sie wollen, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Ich habe den Brief kurz überflogen.

Es ist wie so oft in diesen Tagen. Ich überfliege vieles. Nicht dass ich das Christkind wäre. Das sieht besser aus und kommt an Heiligabend. Es liegt an der Art und Weise der Weihnachtspost. Vieles davon ist vorgefertigt, belanglos, uninspiriert. „Ach ja, Weihnachtspost, müssen wir auch noch machen!“ Die Zahl von individuell gehaltenen Weihnachtswünschen – eine Karte mit ein paar handgeschriebenen, persönlichen Zeilen also oder ein origineller Einfall – konnte ich an zehn Fingern abzählen. Dem von der Zeitung will halt keiner schreiben, werden Sie jetzt sagen. Ich fürchte aber, dass ich kein Einzelfall bin.

Ich mache niemandem einen Vorwurf. Der Arbeitstag wird gefühlt immer kürzer, der Zeitdruck größer. Jetzt auch noch Weihnachtsgrüße schreiben und sich für die gute Zusammenarbeit bedanken, die vielleicht gar keine war? Man will es sich ja mit niemandem verscherzen. Da geht der Griff rasch zum Vorgedruckten. Nur: Welchen Stellenwert hat das für mich als Empfänger? Trägt Weihnachtspost nicht auch das Wort Weihnachten in sich und hat folglich auch etwas damit zu tun, dem anderen eine Freude zu bereiten und ihm zu zeigen, dass man wirklich und nicht nur pro forma an ihn gedacht hat?

Inzwischen gefällt mir die Idee vieler Firmen und Behörden immer besser, das Geld für Weihnachtskarten und Porto lieber in soziale Projekte zu stecken. Auch die Post selbst könnte mitmachen. Heuer hat sie noch Weihnachtsgrüße mit vier abgestempelten Sonderbriefmarken geschickt. Ich suche noch jemanden, dem ich sie zeigen kann.

In zwölf Monaten werde ich Ihnen an dieser Stelle also möglicherweise davon berichten, dass die Anregung mit den sozialen Projekten so großen Anklang gefunden hat, dass ich nun auch keine Weihnachtspost mehr bekomme. Ich fürchte nur, der Grund wird nach diesen Zeilen ein anderer sein.

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