Genlabor
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Eine Testreihe im Genlabor (Symbolfoto).

Zivilcourage schreibt politische Parteien an

Sorge vor der Erbgut-Schere: Miesbacher Aktionsbündnis warnt vor „neuer Gentechnik“

  • Sebastian Grauvogl
    VonSebastian Grauvogl
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Keine Kennzeichnungspflicht mehr für neue Gentechnik? Die Zivilcourage Miesbach fürchtet, dass die EU in diese Richtung geht - und warnt eindringlich vor den Folgen.

Landkreis – „Sie sind gestresst? Dann essen Sie Tomaten.“ So oder so ähnlich könnte ein Werbespruch für eine in Japan zur Zulassung angemeldete, genetisch veränderte Tomate lauten. Deren Erbgut wurde mit der so genannten CRISPR/Cas-Genschere so „zugeschnitten“, dass sie in erhöhter Konzentration Substanzen enthält, die eine beruhigende Wirkung auf das Nervensystem des Konsumenten haben soll.

Eines von mehreren Beispielen, das der Geschäftsführer des Münchner Vereins Testbiotech, Dr. Christoph Then, anführt, um die Auswirkungen einer Reform der bestehenden Gentechnikgesetzgebung der Europäischen Union zu verdeutlichen. Die könnte zur Folge haben, dass die aktuell verpflichtende Zulassungsprüfung und Kennzeichnung für all die Tiere und Pflanzen abgeschwächt oder aufgehoben werden könnte, bei denen keine artfremden Gene ins Erbgut eingefügt wurden. „Das entspräche den Forderungen von vielen Akteuren aus Industrie und industrienaher Forschung“, sagt Then.

Eine Sorge, die auch das Aktionsbündnis Zivilcourage Miesbach umtreibt. Seit mehr als zehn Jahren setzen sich die Initiatoren für einen agrogentechnikfreien Landkreis Miesbach ein. Bis vor Kurzem sah es auch noch so aus, als müssten sie hier keine Veränderung zum Schlechten fürchten.

Zivilcourage fordert Festhalten an EuGH-Urteil von 2018

So habe der Europäische Gerichtshof (EuGH) in einem Urteil vom 25. Juli 2018 festgelegt, dass neue Gentechnikverfahren nach den gleichen Maßstäben beurteilt werden müssen wie die bisherigen, berichtet die Zivilcourage. Aktuelle Aktivitäten der EU-Kommission wie eine Studie aus dem April 2021 ließen aber die Tendenz erkennen, bisher geltende Regeln auszuhebeln. Dazu jedoch sieht die Zivilcourage auf Basis der Ansicht unabhängiger Wissenschaftler derzeit keinen Anlass. Vielmehr müsse die Bevölkerung über Chancen und Risiken der sogenannten neuen Gentechnik „eingehend und sachlich informiert werden“. Die Positionen der im Bundestag vertretenen Parteien müssten klar erkennbar sein.

Um diese herauszuarbeiten, hat die Zivilcourage die entsprechenden Fraktionsvorsitzenden und Europaabgeordneten um Stellungnahmen gebeten. Neben einer Liste an Fragen ist auch ein Appell enthalten: „Wahltaktische Überlegungen dürfen bei diesem für Menschen, Tiere und Pflanzen wichtigen Thema nicht im Vordergrund stehen.“

Experte: Vorsorgeprinzip soll gestärkt werden

Then jedenfalls hat sich seine Meinung schon gebildet. Für ihn birgt die neue Gentechnik komplexe Risiken. Da sich mögliche Schäden erst nach längerer Zeit zeigen würden, müsse das Vorsorgeprinzip gestärkt werden.

Lesen Sie auch: „Miesbacher Weg“: So will die Zivilcourage für enkeltaugliche Zukunft kämpfen

Die Agrarindustrie jedenfalls hat bereits diverse Anwendungsfelder für die Genschere identifiziert. So sollen damit etwa beim Weizen Gene ausgeschalten werden, die an der Bildung von Gluten-Eiweiß beteiligt sind. „Dabei kann es aber ungewollt zur Bildung von Eiweißstoffen kommen, die zu neuen Unverträglichkeiten führen“, warnt Then. Bereits in der EU zur Zulassung angemeldet wurde ein herbizidresistenter und insektengiftiger Mais.

Ob Mais, Weizen oder auch die eingangs genannte Tomate: Ungewollte Veränderungen im Erbgut könnten bei der neuen Gentechnik nicht ausgeschlossen werden, sind Then und die Vertreter der Zivilcourage überzeugt. Umso gespannter warten sie auf die Aussagen der politischen Parteien, wie diese die „unbekannten Umweltrisiken“ bewerten.

sg

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