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Miesbach sagt danke: Zweiter Bürgermeister Paul Fertl (r.) überreicht Stefan Baumgartner den Miesbacher Löwen mit Stadtwappen für seine Verdienste um den Verein und die Stadt über drei Jahrzehnte.

Stefan Baumgartner verlässt nach 29 Jahren die Führungsspitze beim Trachtenverein

Ein Trachtler mit Leib und Seele

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Beim Miesbacher Trachtenverein ist eine Ära zu Ende gegangen. Nach 29 Jahren in der Führungsriege hat Stefan Baumgartner nicht mehr als Vorsitzender kandidiert.

Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt der 58-Jährige, der beruflich den Requisitenbau am Münchner Residenztheater leitet, seine Beweggründe und verrät, was für ihn die Faszination des Brauchtums ausmacht.

Herr Baumgartner, diesmal sind Sie nicht mehr als Vorsitzender angetreten. Warum denn?

Weil irgendwann mal Schluss sein muss. Ich war jetzt 29 Jahre vorne dabei. Erst ab 1989 fünf Jahre als Stellvertreter, dann vornehmlich als Vorsitzender. Das ist genug für ein Menschenleben – ich will kein Dino sein. Ein Verein lebt ja auch von Innovation und neuen Ideen.

Aber 29 Jahre muss man erst mal schaffen.

Ja, ich habe anfangs selbst nicht gedacht, dass es so lange werden wird. Aber ich habe es stets wie der alte Fritz gehalten: Ich bin der erste Diener – nicht des Staates, aber des Vereins. Ich bin Trachtler mit Leib und Seele. Und wenn die Mitglieder denken, dass ich nützlich sein kann, dann mach ich’s. Denn der Verein ist mir wichtig.

Wie sind Sie denn dazu gekommen?

Mei, ich bin ja ein Spätberufener. Volkskunde und Brauchtum haben mich schon immer interessiert, aber ich bin erst mit 20 zu meiner ersten Plattlerprobe gegangen. Angefangen hat alles im Hopf.

Wie das?

Weil meine Mutter mir angeschafft hat, meinen Vater dort von den Gebirgsschützen abzuholen. Ich bin also hin zum Hopf, in meiner ersten grün ausgenähten Lederhosn, aber dann hat mir der Mittermaier Ernst, der Vorstand der Trachtler, gleich klargemacht: „Dei Vater geht jetzt no ned hoam.“ Also habe ich ein Weißbier bekommen, habe mich hinter den Kachelofen gesetzt und gewartet. Dann kam auf einmal der Mittermaier Ernst zu mir und hat gesagt: „Wennst a Lederhosn ohast, ghörst du in den Trachtenverein.“ Also hab’ ich den Mitgliedsantrag unterschrieben, neben dem Kachelofen. Mei, er war halt eine Respektsperson, der Mittermaier Ernst. Da hat man gefolgt.

Wie ging’s weiter?

Dann hat’s geheißen: Wennst Trachtler bist, muaßt aa ausrucka. Also bin ich mit ausgerückt. 1989 hat der Mittermaier zu mir gesagt: „Du machst den Zweiten Vorstand.“ Mein Vater hat mir dann erklärt, dass das eine Ehre ist und man da nicht nein sagen kann. So war das.

Was wird Ihnen in Erinnerung bleiben?

(kurzes Überlegen) Die Freude darüber, dazu beigetragen zu haben für ein gedeihliches Bestehen und eine gedeihliche Zukunft. Was mich allerdings sorgt, ist die um sich greifende Gleichgültigkeit – dieses Brauch-ma-ned.

Inwiefern?

Für viele in Miesbach ist der Trachtenverein so selbstverständlich wie eine Hose. Aber keiner sieht, wie viel Arbeit dahinter steckt. Wir sind ein Aushängeschild für diese kleine Stadt. Und ja, gewissermaßen haben wir weltweite Bedeutung. Weil unsere Tracht kennt man in den USA, in Brasilien und in Australien. Aber man meint, man muss nichts machen – das läuft ja von allein. Mei, wo der Pfennig geschlagen wird, gilt er halt nichts.

Wie kann man dem entgegentreten?

Man muss die Jugend dafür begeistern. Dass es das wert ist, Identität zu leben und in die Zukunft zu führen. Dass man stolz sein kann auf seinen Ort. Unter den Traditionsvereinen hat der Trachtenverein die aktivste Jugendarbeit, aber es ist so, dass die Kinder dort zunehmend geparkt werden – ähnlich wie beim Fußballverein: Man ist dabei, und wenn’s nicht mehr passt, geht man. Das ist schade. Deshalb ist es hilfreich, wenn ein Verein am Ort auch erkennbar geschätzt wird.

Wie zeigt sich diese Wertschätzung Ihrer Meinung nach?

Es hilft wenig, wenn die Arbeit des Vereins intern einmal im Jahr bei der Hauptversammlung gelobt wird. Die Wertschätzung muss nach außen gezeigt werden. Dazu gehört, dass man bei großen Anlässen auch Tracht trägt – richtige Tracht. Damit zeigt man, dass man dazu steht.

Haben Sie ein Beispiel?

Ja, das Miesbacher Volksfest. Wir Trachtler tragen beim Festzug unsere Festtracht. Da wäre es auch schön, wenn der Stadtrat nicht nur im Biergewand erscheint. Das hat schon eine Signalwirkung. Ich meine: Wir ziehen unsere Festtracht an, weil es der Anlass gebietet.

Was bedeuten Tracht und Brauchtum für Sie persönlich?

Zuerst mal kann ich sagen, als was ich Tracht nicht sehe: als hutschwingende, maßkrughebende Touristenattraktion. Tracht ist eine kulturelle Aufgabe. Eine echte Tracht kostet viel Geld. Wenn jemand so viel ausgibt, muss ja eine echte Philosophie dahinter sein. Und diese Identität, die dabei vermittelt wird, ist gerade für junge Menschen wichtig.

Warum?

Wenn man mal schaut, wo die beruflich überall in der Welt hingeschickt werden, ist es wichtig, ihnen Identität zu vermitteln. Ich bin mir sicher, dass da was hängen bleibt, das sie später selbst weitergeben können: Das ist meine Heimat – da gehöre ich hin. Auch wenn es sie woanders hinverschlägt. Es ist einfach ein positives Stimmungsbild.

Und wenn sie hier bleiben oder wieder herkommen, geht es darum, dass sie sich für den Ort interessieren und sich fragen: Wie will ich meine Heimat gestalten? Damit sie nicht gesichts- und seelenlos wird, sondern die Heimat ihre Identität behält.

Für viele ist auch der Trachtenverein an sich eine Heimat, oder?

Das stimmt. Es ist eine Gemeinschaft, in der es nicht wichtig ist, wer was im alltäglichen Leben ist – ob Firmenchef oder Sozialfall. Es ist einfach schön, dazu zu gehören, Gemeinschaft zu spüren. Auch das ist der Trachtenverein.

ddy

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