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Es ist noch genug da: Karl-Heinz Seybold (vorne) und seine Helfer von der Haushamer Tafel können ihre Kunden noch versorgen. Zuletzt haben vor allem Gastronomen gespendet. Zudem melden sich Freiwillige.

„Bei uns wird jeder versorgt.“

Tafeln trotzen Corona: Angebot möglichst beibehalten – Holzkirchen zu

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Wegen des Coronavirus haben deutschlandweit über 400 Tafeln ihren Betrieb vorübergehend eingestellt. Im Landkreis Miesbach entscheiden die Tafeln von Woche zu Woche.

Landkreis – In der Corona-Krise haben deutschlandweit bereits über 400 Tafeln ihren Betrieb vorübergehend eingestellt. Einige, weil sie die aktuellen Hygiene-Auflagen nicht erfüllen können. Andere, weil entweder ihre Mitarbeiter oder auch die Empfänger einer Risikogruppe angehören und zum Selbstschutz zu Hause bleiben. Nicht wenige aber auch, weil vielerorts ein Rückgang an Lebensmittelspenden zu verzeichnen ist. Die Entscheidung, ob lokale Tafel-Vereine ihre Lebensmittelausgabe weiter geöffnet halten oder schließen, überlässt der Dachverband in Berlin den Ehrenamtlern vor Ort. Im Landkreis Miesbach entscheidet man daher aktuell von Woche zu Woche.

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Tafel Hausham

Karl-Heinz Seybold hat am Mittwoch noch einmal durchgezogen. „Momentan erfahren wir bei den Lebensmittelspenden noch keinen Einbruch. Im Gegenteil. Weil sehr viele Gaststätten schließen, haben wir von dort die letzten beiden Male sogar mehr Ware bekommen als sonst. Wir haben die meiste Ware im Haus“, sagt der Haushamer. Damit seine Mitarbeiter keiner Infektionsgefahr ausgesetzt sind, wurden im Pfarrheim Hausham aber einige Änderungen eingeführt. Seybold lässt sich von seinen Gästen zwar noch den Berechtigungsschein zeigen, aber den Obolus von einem Euro brauchen sie aktuell nicht zu entrichten. Dem Bargeld könnten Viren anhaften. Darum sorgt man auch dafür, dass alle ausreichend Abstand halten. Nach Bedarf und Liste werden dann die Lebensmittelpakete gepackt und außerhalb der Lebensmittelausgabe bereitgestellt. „Die Abholer müssen dann umpacken. So gewährleisten wir, dass meine Mitarbeiter keinen direkten Kontakt zu den Besuchern haben“, sagt Seybold. Bis auf die afrikanischen Mitbürger, die komplett weggeblieben seien, habe sich von der Nachfrage her kaum etwas geändert. Allerdings musste Seybold große Ausfälle bei den Mitarbeitern verbuchen. „Aber es ist sinnvoll, dass sie zu Hause bleiben“, bekräftigt der Ehrenamtler vom Bayerischen Roten Kreuz. Erfreulich fand er, dass sich zahlreich junge Leute gemeldet und ihre Hilfe angeboten haben.

Tafel Miesbach

Auch Ute Krause wird die Tafel Miesbach des Bayerischen Roten Kreuzes am morgigen Samstag wie gewohnt öffnen. „Wir bekommen weiterhin noch Ware von den Discountern, aber nicht mehr so viel.“ Krause führt das auf die Hamsterkäufe zurück. „Da bleibt halt dann nicht mehr so viel für die Tafeln. Dafür haben wir diese Woche viele Lebensmittel von Restaurants bekommen, die dort übrig waren – Kartoffeln, Zwiebeln und Kartoffelsalat“, erzählt sie. 

Auch in der Miesbacher Ausgabestelle beim BRK-Kreisverband an der Wendelsteinstraße werden neuerdings Einheits-Kisten mit dem Querschnittsangebot gepackt und vor die Tür gestellt. Und auch hier entfallen die Kontrolle des Berechtigungsscheins und der Ein-Euro-Obolus. „Unser Raum ist so klein, dass wir sonst Probleme mit dem Sicherheitsabstand bekommen würden“, erklärt Krause. Deshalb seien auch nur jeweils drei Mitarbeiter vor Ort. Bei ihr haben einige ältere Helfer, vor allem aber Fahrer, abgesagt. Die konnte sie aber problemlos ersetzten, weil viele Miesbacher angerufen und spontan ihre Hilfe angeboten haben.

Tafel Gmund

Die Tafel Gmund wird kommenden Samstag wie gewohnt im Waitzinger Hof gegenüber des Bahnhofs in Gmund stattfinden. „Auch wir haben viele Lebensmittel aus der Gastronomie erhalten. Und der Anteil aus den Supermärkten hat – Gott sei Dank – auch nicht nachgelassen. Uns geht momentan nichts ab“, sagt Petrika Kolodziezyk, die für die Diakonie die Gmunder Tafel organisiert. Aber sie räumt auch ein, dass sie von Woche zu Woche entscheiden werden und dass sie sich mit dem Gedanken tragen, die Ausgabe komplett umzuorganisieren. Die Gmunder Tafel hat ohnehin sechs Klienten, die beliefert werden. 

Das könnte man auch auf die anderen ausweiten, meint Kolodziezyk. Deshalb hat sie begonnen, Telefonnummern und Adressen der Kunden zu sammeln – auf freiwilliger Basis, versteht sich. Bis dahin sollen aber die Kontakte in den Tafel-Räumen minimiert werden: Der Wartebereich ist so klein, dass die Abholer nun draußen warten müssen. Weder Bezugsscheine noch Abgabe werden kontrolliert. Und es darf auch immer nur ein Kunde in den Ausgaberaum. Kolodziezyk hat bis dato keinen Rückgang bei der Nachfrage verzeichnen können: „Bei uns wird jeder versorgt. Jeder, der Hilfe braucht, braucht sich nur zu melden“, sagt sie. Ältere Helfer hat sie die gebeten, zu Hause zu bleiben. Denn auch in Gmund haben viele Freiwillige angeboten einzuspringen.

Tafel Holzkirchen

Hans Sepperl von der Holzkirchner Tafel winkt ab: Die Holzkirchner Tafel wird am Samstag keine Lebensmittel verteilen. Die Tafel bleibt vorerst bis 18. April, bis nach Ostern geschlossen. Auch die Lieferungen sind bis auf Weiteres eingestellt. Diese Entscheidung traf der Vorstand am Mittwochabend einstimmig. Ihm saßen noch die Vorwürfe eines Klienten vor einer Woche in den Knochen, der sich bitter und wenig freundlich wegen der fehlenden Distanz beschwert hatte. Dabei sieht es von den Lebensmitteln her gar nicht so schlecht aus. „Wir haben sogar extra Ware und extra Spenden erhalten und haben quasi ein volles Lager“, berichtet Sepperl. In Holzkirchen liegt das Problem eher in der Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben. 

Das fängt schon damit ab, dass Sepperl die Helfer nicht wie sonst zum Dienst abholen kann, weil in dem zur Verfügung stehenden Auto der vorgeschriebene Sicherheitsabstand nicht gewährleistet ist. Und auch hier ist der Abgaberaum so klein, dass man die 38 Abholer einzeln durchschleusen müsste, was wiederum enorm viel Zeit kosten und mehr Helfer binden würde – zusätzlich zu den Helfern, die aktuell neun Kunden beliefern. Obendrein will man in der Holzkirchner Tafel keine Kisten packen, ohne auf die Kundenwünsche einzugehen. „Wir befürchten, dass die Wegwerf-Quote dann steigt, wenn die Abholer etwas bekommen, was sie gar nicht wollen“, sagt Sepperl. Überdies sei die Zahl der Kunden zuletzt gesunken.

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