Starke Präsenz: Theresia Benda-Pelzer und Michael Pelzer sind auch im echten Leben ein Ehepaar.
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Starke Präsenz: Theresia Benda-Pelzer und Michael Pelzer sind auch im echten Leben ein Ehepaar.

Geniestreich in Miesbach

Theaterstück „Love Letters“ im Waitzinger Keller: Altbürgermeister in Hauptrolle

  • Alexandra Korimorth
    VonAlexandra Korimorth
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Mit einem Geniestreich meldet sich das Theater zurück im Waitzinger Keller in Miesbach: „Love Letters“ ist szenisch reduziert bis zum sprachlichen Maximum und entfaltet ungeahnte Deutungsebenen.

Miesbach - Die spürbar hohe Intensität zwischen den beiden Charakteren in der Miesbacher Inszenierung ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass die Protagonisten von einem echten Ehepaar gespielt werden: von der passionierten Schauspielerin Theresia Benda-Pelzer und dem Weyarner Altbürgermeister Michael Pelzer. Sie mimen die lebenslange Annäherung und Entfremdung zwischen der freigeistigen Melissa Gardner aus gutem Hause und dem ambitionierten Andy Ladd aus ärmlichen Verhältnissen, indem sie gnadenlos reduzieren.

Zum einen auf ihre physische Präsenz und die Energie, die das Paar verbindet. Dann auf das beinah statische Bühnenbild: Er sitzt schreibend und akkurat links am kargen Schreibtisch. Sie sitzt, fläzt, turnt und verbiegt sich rechts auf einem plüschigen Sofa. Er farblos in Grau – je nach Lebensphase mit Schlägermütze oder im distinguierten Dreiteiler – gekleidet. Sie mit flammend rotem Haar, ebensolcher Hose oder transparentem Kleid. Die Distanz zwischen den beiden, deren Entwicklung vom Kind über die Jugend und das junge Erwachsenenalter bis hin zum erfolgreichen Politiker und der gescheiterten Künstlerin und Mutter einzig über die Körperhaltung und die Stimmfarbe manifestiert wird, könnte szenisch nicht größer sein. Und doch finden sie zusammen und zu einer lebenslangen Verbindung – durch Briefe und kurze Nachrichten auf Postkarten, über Worte und Sprache.

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Auch auf diese ist die Inszenierung gemäß der Corona-Abstandsregeln, aber auch den Vorgaben des Verlags von Pulitzerpreisträger Albert Gamsdell Gurney reduziert. Denn das Stück ist als Lesung konzipiert. Regisseurin Steffi Baier hat es mit den Pelzers als szenische Lesung auf die Bühne gebraucht, bei der das Spiel in den Pausen stattfindet – in den Augen, der Mimik, der Gestik, dem bloßen sich Abwenden oder dem beredten Stehenlassen des Pausen-Nichts, wenn entweder Melissa oder Andy die Kommunikation verletzen, das Verbindende verweigern. Baier hat sich dadurch als Meisterin der Pausen zu erkennen gegeben, die sie mit Musik und Licht füllt und allein dadurch weitreichende Dimensionen entdeckt.

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Theresia Benda-Pelzer als Meisterin des Spiels mit kleiner Geste und tiefer Mimik und noch abgründigerem Blick als Seelenspiel. Und Michael Pelzer hat durch seine Konzentration und Reduktion auf die Sprache, das Stück aus der Kategorisierung „Zwei Liebende, die zueinander nicht kommen können“ spielerisch enthoben. Andy, der sich im Schreiben lebendig fühlt, gibt die Sprache als Verbindung vor, nicht die tatsächliche Verschmelzung von Leben. Er macht sich letztlich an Melissa schuldig, die daran zerbricht und sich – so die subtile Lesart der Inszenierung – das Leben nimmt.

So ist die Lesung ein spannungsreiches Kammerspiel für eingefleischte Theaterfans und solche, die es werden wollen. Zum Beispiel bei der Zusatzvorstellung am Freitag, 16. Juli, um 20 Uhr oder nach der Sommerpause im Waitzinger Keller.

ak

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