Völlig leer ist derzeit die Terrasse des Hotels „Das Tegernsee“ in Tegernsee. So wie hier sieht es auch in allen anderen Betrieben der Tourismus-Branche aus. Die Unternehmer wollen endlich eine Öffnungsperspektive.
+
Völlig leer ist derzeit die Terrasse des Hotels „Das Tegernsee“ in Tegernsee. So wie hier sieht es auch in allen anderen Betrieben der Tourismus-Branche aus. Die Unternehmer wollen endlich eine Öffnungsperspektive.

ONLINE-DISKUSSION

Tourismusbranche im Kreis Miesbach macht ihrem Unmut Luft

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
    schließen

Landkreis – Etwa 50 Unternehmer aus der Tourismusbranche haben am Mittwochnachmittag mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU), dem Bundestagsabgeordneten Alexander Radwan (CSU), dem Virologen Oliver Keppler von der LMU München, Landrat Olaf von Löwis (CSU) und der Alpenregion Tegernsee Schliersee (ATS) diskutiert.

„Wir wollten eine Plattform bieten, auf der die touristischen Betriebe vor Ort der politischen Spitze im Landkreis ihre Situation, ihre Sorgen und Nöte schildern können“, erklärte ATS-Chef Harald Gmeiner, der die Online-Diskussion angestoßen hatte. „Es ist wichtig, dass die politische Spitze mitkriegt, wie es an der Basis nach fünf Monaten Lockdown rumort.“

Virologe plädiert für harten, etwa dreiwöchigen Lockdown nach Ostern

Gleichzeitig sollte die Politik die Möglichkeit haben, in der Tourismus-Branche Verständnis für die einschneidenden Maßnahmen zu wecken. Wirklich gelungen scheint ihr das nicht zu sein – obwohl der Virologe Oliver Keppler der Politik wissenschaftliche Rückendeckung gab, indem er die Wichtigkeit eines harten, etwa dreiwöchigen Lockdowns nach Ostern betonte. Er rechtfertigte das unter anderem mit der Ausbreitung der hoch ansteckenden britischen Virus-Variante, mit der Ungenauigkeit von Schnelltests, die oft falsche Ergebnisse lieferten, und mit den Langzeitfolgen, die eine Covid-Erkrankung in etwa zehn Prozent der Fälle mit sich bringe, zum Beispiel Erschöpfung, Kopfschmerzen und Atemprobleme. Die Sterblichkeit liege in Deutschland bei einem Prozent, aber man dürfe Covid nicht auf die Sterblichkeit reduzieren. „Es ist eine Multi-Organ-Erkrankung.“ Einen Weg aus dem Lockdown sieht Keppler vor allem im Fortschritt der Impfungen.

Josef Bogner, dessen Tegernseer Gastro GmbH unter anderem den Voitlhof und das Café Gäuwagerl in Rottach-Egern führt, äußerte Verständnis für die Gefährlichkeit von Corona, nicht aber für die Maßnahmen: „Wenn das Virus so gefährlich ist, warum wird dann nicht alles heruntergefahren?“ Auf Baustellen und in Büros werde weiter gearbeitet, Busse und Bahnen seien in Betrieb, Flugzeuge starteten gen Mallorca. „Die Börse steigt ins Unermessliche, aber wir dürfen kein Geld verdienen.“ Ilse Aigner entgegnete, die Reisefreiheit einzuschränken, wäre ein erheblicher Eingriff in die Grundrechte. Es müsse abgewogen werden, ob es nicht auch ein milderes Mittel gebe, und das gebe es mit Test- und Quarantänepflicht bei Rückkehr.

Unternehmerverband findet, man schieße mit Kanonen auf Spatzen

Noch deutlicher als Bogner wurde Anton Stetter, Vorsitzender des Unternehmerverbands Miesbach: „Ich bin heute von Neuhaus nach Tegernsee gefahren. Da ist die Hölle los. Genauso im Hagebaumarkt in Miesbach. Aber die paar Menschen in Ferienwohnungen sollen problematisch sein? Da lache ich mich kaputt!“ Auch das „sklavische Festhalten am Inzidenzwert“ stößt ihm sauer auf: „Ist doch klar, dass die Inzidenzen steigen, je mehr wir testen.“ Wer sich die aktuellen Zahlen anschaue, komme zu dem Urteil, man schieße mit Kanonen auf Spatzen. „Wir haben eine Inzidenz von 92 und eine Person auf Intensivstation. Da muss ich sagen: So what?“

Virologe findet, Fokussierung auf Inzidenz allein nicht ausreichend

Tatsächlich findet auch Keppler, dass es eine komplexere Zahl als die reine Inzidenz brauche. Unter anderem müsse die Zahl der durchgeführten Tests berücksichtigt werden.

Die Fachärztin für Allgemeinmedizin und Chefin des Gesundheitsressorts Tannerhof in Bayrischzell, Burgi von Mengershausen, sagte an den Virologen Keppler gewandt: „Ich teile Ihre Skepsis bei den Schnelltests nicht.“ Sie habe für ihr Haus ein Konzept entwickelt, das tägliches Testen der Mitarbeiter und Gäste vorsehe. Die Mitarbeiter seien entsprechend geschult worden. Für Mengershausen sei unter der Voraussetzung regelmäßigen und engmaschigen Testens ein Betrieb vorstellbar.

Keppler gab ihr Recht, schließlich könne tägliches Testen den Mangel an Empfindlichkeit der Schnelltests ausgleichen. Allerdings gebe es nicht ausreichend Tests, um derart häufig zu testen. Außerdem sei diese Strategie nur in Betrieben mit statischem Gästeaufkommen denkbar, nicht etwa in der Gastronomie mit einem hohen Gästedurchlauf. Der CSU-Abgeordnete Radwan erklärte, dass er einen harten Lockdown schon im November befürwortet hätte, dieser aber im politischen Prozess nicht durchsetzbar gewesen sei.

Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Miesbach-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Miesbach – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare