Freuen sich über die Neuvermietung an stayFritz und orderFritz: Herbert Riepl, Eigentümer des leer stehenden Schuhhauses Riepl und Maklerin Eva Skofitsch.
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Freuen sich über die Neuvermietung an stayFritz und orderFritz: Herbert Riepl, Eigentümer des nicht mehr lange leer stehenden Schuhhauses Riepl und Maklerin Eva Skofitsch.

Gewerbeimmobilien

Trotz Corona: Leere Läden sind vermietbar

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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In der Pandemie haben es Makler besonders schwer, Einzelhandels- und Büroflächen an den Mieter zu bringen. Allerdings gibt es Ausnahmen – und Experten, die von einer Renaissance des Einzelhandels nach der Krise sprechen.

Miesbach/Schliersee/Holzkirchen – Seit Jahren leidet der Einzelhandel unter der Konkurrenz des Online-Handels und der Shopping-Zentren auf der grünen Wiese. Corona beschleunigt diesen Trend. Unter anderem hat das Schlierseer Schuhhaus Riepl im vergangenen Sommer zugemacht (wir berichteten).

In das leer stehende Schuhhaus Riepl in Schliersee ziehen bald neue Mieter ein

Das ist die eine Seite. Die andere: Maklerin Eva Skofitsch von der Agentur Alpen-Immo hat die Immobilie an der Seestraße neu vermietet – binnen zweier Monate. „Wir haben Ende Dezember mit einem auffälligen Marketing losgelegt und freuen uns jetzt über den Abschluss eines Mietvertrags mit einem heimischen und kreativen Unternehmen“, sagt Skofitsch. Mit stayFritz und orderFritz hat die Maklerin zwei GmbHs unter einem Dach vereint, die unterschiedlicher nicht sein könnten: stayFritz verwaltet und vermietet Ferienunterkünfte in der Region, orderFritz liefert PokeBowls. Kunden können das derzeit angesagte hawaianische Kaltgericht aber auch abholen.

Das leer stehende Modegeschäft Qtür in Miesbach ist schon wieder vermietet. Im April zieht eine Versicherungsagentur ein

Dass es sich beim neuen Mieter nicht um einen Einzelhändler handelt, macht nichts – Hauptsache kein Leerstand, denn der ist Gift für die Attraktivität eines Ortes: „Der Gemeinde Schliersee war es wichtig, das Objekt bis zum Saisonstart im Sommer vermietet zu wissen“, sagt Skofitsch. Ihren Vermittlungserfolg führt sie auch auf die Flexibilität der Schlierseer Verwaltung zurück: „Ich durfte zwei Schaufenster der Immobilie ausnahmsweise und befristet für Außenmarketing nutzen. Dabei schreibt die Schlierseer Werbeanlagensatzung eigentlich eine deutlich kleinere Fläche vor.“ Außerdem sei es wichtig, ein Gespür für den Ort und seine Bedürfnisse zu haben, um Mietinteressenten richtig einschätzen zu können.

Auch Maklerin Eveline Oetzel vermarktet derzeit Räume in Schliersee – ein kleiner Laden für Solo-Selbständige nahe dem ehemaligen Schuhhaus Riepl. Sie sagt: „Eine Vermietung während des Lockdowns ist schwierig, weil nur wenige so mutig sind, jetzt ein Geschäft zu eröffnen.“ Aber unmöglich sei es nicht. Sie sei derzeit mit einem Wäschegeschäft und einer Thai-Masseurin im Gespräch. Der Quadratmeterpreis in Schliersee bewege sich zwischen 7,50 und 11 Euro – niedrig, aber nicht niedriger als vor Corona.

Das ehemalige Modegeschäft Qtür in Miesbach beherbergt bald eine Versicherungsagentur

Hausbesitzerin Birgit Buchner aus Trostberg im Chiemgau brauchte nur gute zwei Monate, um das seit kurzem leer stehende Modegeschäft „Qtür“ von Dagmar Gonigroszek in Miesbachs neu zu vermieten. „Durch einen Aushang im Schaufenster habe ich drei Interessenten gefunden. Mit einem wurde ich einig“, sagt Buchner, die den Rest der Handelsflächen in ihrem Haus am unteren Markt seit Jahrzehnten an das Wäsche- und Taschengeschäft Grabmaier vermietet. Im April zieht nun eine Versicherungsagentur ein. Der Quadratmeterpreis sei bei der Neuvermietung „stabil“ geblieben, sagt Buchner.

Schneiderin Dagmar Gonigroszek hat „Qtür“ nicht wegen Corona aufgegeben

Schneiderin Gonigroszek hat „Qtür“ nicht wegen Corona aufgegeben: „Meine Mutter hat Pflegestufe IV. Es kommt für mich nicht infrage, sie ins Heim zu geben“, erklärt die Waakirchnerin. Sie habe ihre Werkstatt an ihren Wohnort verlagert, um Job und Pflege besser unter einen Hut zu bekommen.

Schwerer als Hausbesitzerin Buchner tut sich der Miesbacher Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Franz Mader. Ihm und seiner Mutter gehört das Haus an der Bahnhofsstraße 4. Hier war jahrzehntelang die Modeboutique „Jeanseria“, deren Inhaber sich laut Mader aus Altersgründen zur Ruhe gesetzt habe. Mader inserierte Ende November in der Zeitung. „Mitten im Lockdown. Da hat sich natürlich keiner gemeldet“, sagt der Arzt. Inzwischen sei er mit Interessenten im Gespräch. „Ihnen gefällt die Lage, aber die Unsicherheit ist groß. Sie sagen, sie wissen nicht, wie es mit Corona weitergeht.“ Das mache sich auch beim Preis bemerkbar. „Die bisherigen Interessenten wollen nur eine Miete bezahlen, die nicht höher ist als die der letzten 20 Jahre ist. Aber die Fixkosten sind gestiegen.“

Allgemeinarzt Franz Mader sucht Mieter für ehemalige Jeanseria in Miesbach

Mader findet, mit Blick auf die Pandemie müsse die Verwaltung flexibler sein – und bei der Umwidmung von Flächen schneller. So habe er Interessenten aus der Gastronomie. „Dafür bräuchte ich eine Nutzungsänderung, und das dauert. Ich kann keine verbindliche Zusage machen.“ Auch mit Blick auf die Veränderungen im Einzelhandel sei mehr Flexibilität wünschenswert. „Es gibt Händler, die eine Kaffee-Ecke integrieren wollen, um Leute anzuziehen.“ Eine solche Verknüpfung unterschiedlicher Branchen sollte unbürokratisch möglich sein.

Der Otterfinger Diplom-Sachverständige und Immobilienfachwirt Stefan Weitl hat die Erfahrung gemacht, dass die Kommunen sowie das Landratsamt gesprächsbereit sind. „Der Politik ist es ein Anliegen, attraktive Ortszentren zu haben“, sagt Weitl, der im Gutachterausschuss des Landratsamtes zur Ermittlung der Grundstückswerte sitzt. Er ist zuversichtlich, dass insbesondere Miesbach gut durch die Krise kommt: „Die Stadt hat einen historisch gewachsenen Kern und eine hohe Aufenthaltsqualität.“ Die Struktur sei gesund, mit einem guten Branchenmix. „Die Leute kommen gern nach Miesbach zum Einkaufen“, sagt Weitl.

Er vermarktet derzeit die Praxis des Allgemeinmediziners Dr. Thomas Steinhöfel am unteren Markt. Steinhöfel setzt sich zur Ruhe, Weitl will die Praxis als Büro vermieten.

Ob das mit Blick auf den Trend zum Homeoffice klappt? Weitl meint: „Bei den teuren Wohnungsmieten in unserer Region, kann sich nicht jeder ein Arbeitszimmer leisten.“ Befristet möge es für viele attraktiv sein, von zuhause aus zu arbeiten. „Auf Dauer aber ist es anstrengend, am Küchentisch zu sitzen, während die Kinder um einen rumwuseln.“ Zudem gebe es Branchen, die auf Kundenverkehr angewiesen seien, darauf, gesehen zu werden. Etwa Dienstleister. „Für die ist ein Büro am unteren Markt Bestlage.“

Steht noch leer: Die Jeanseria in Miesbach

Das meint auch die Miesbacher Diplom-Betriebswirtin mit Schwerpunkt Immobilien, Katrin Brenner: „Miesbach profitiert von einer funktionierenden Struktur.“ Allerdings müssten Mieter und Vermieter zusammenarbeiten, um die Herausforderung zu meistern. Denkbar seien etwa umsatzabhängige Mieten. Brenner hält sogar eine Renaissance des Einzelhandels nach der Krise für möglich: „Die Leute sehnen sich danach, etwas zu erleben. Die wollen nicht mehr vor dem Computer sitzen. Dazu gehört auch Shopping in attraktiven Ortszentren.“

Anders sieht das Mario Haitzer von der Holzkirchner Agentur Rimaldi. „Corona begleitet uns noch lange. Wer glaubt, die Krise ist bald ausgestanden, ist blauäugig.“

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