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Lehrerverband fordert Maßnahmen-Erleichterung an Schulen: „Kinder können nicht die ganze Last tragen“

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Von: Jonas Napiletzki

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Anwalt der Kinder: BLLV-Kreisvorsitzender Markus Schäffner wünscht sich, dass Schulen langfristig Corona-Maßnahmen zurückfahren können.
Anwalt der Kinder: BLLV-Kreisvorsitzender Markus Schäffner wünscht sich, dass Schulen langfristig Corona-Maßnahmen zurückfahren können. © Archiv/TP

BLLV-Kreisvorsitzender Markus Schäffner fordert, Schülern langfristig die Last der Maßnahmen abzunehmen. Derzeit gebe es keinen normalen Unterricht. Schulen würden allein gelassen.

Landkreis – Schulen stehen im Fokus der Corona-Pandemie. Die Landkreis-Inzidenz bei den Fünf- bis 14-Jährigen liegt aktuell bei 1712. Entsprechend groß sind die Sorgen bei vielen Lehrern, Schülern und Eltern. Wie groß und wie berechtigt sind die Ängste? Das ordnet Markus Schäffner (50) im Gespräch mit unserer Zeitung ein. Der Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) ringt um Perspektiven, warnt vor Gefahren und versteht sich als Anwalt der Kinder. Er sucht den Blick fürs große Ganze – fühlt sich aber von denen, die den Weitblick haben sollten, allein gelassen.

Herr Schäffner, Lehrkräfte stehen der Gruppe mit der höchsten Inzidenz gegenüber. Besorgt Sie das?

Schäffner: Natürlich sind Sorgen da. Man macht sich Gedanken wegen der Inzidenz, hat auch Familienmitglieder zu Hause, die nicht angesteckt werden sollen. Im Unterricht selbst blenden die meisten Lehrkräfte das aber aus. Dank der Rahmenhygienepläne, Masken, Desinfektionsmittel und Tests sind Schulen kein Ansteckungsherd. Die meisten Infektionen werden von daheim mitgebracht – und in der Schule herausgefiltert. Ein positiver Nebeneffekt, den die offenen Schulen bringen.

Trotzdem gibt’s auch infizierte Lehrkräfte.

Schäffner: Ja, es gibt im Landkreis Miesbach Lehrer, die sich infiziert haben. Und das obwohl die Betroffenen in der Regel sogar doppelt geimpft sind. Im Bereich der Grund- und Mittelschulen schätze ich die Impfquote auf über 90 Prozent – in den meisten Infektionsfällen handelt es sich also um Durchbrüche. Aber: Die meisten haben sich außerhalb der Schule angesteckt.

Booster-Impfung: Bei Lehrern gefragt - aber spät kommuniziert

Sind Booster-Impfungen bei Lehrern wegen der Durchbrüche gefragt?

Schäffner: Viele denken über eine Auffrischung nach. Der eigene Schutz ist ein großes Thema, weil Grundschullehrer beispielsweise schon ab März Impfungen bekommen haben. Die sechs Monate sind bei manchen schon um. Wenn aber die Empfehlung der Politik nicht mit der des Impfzentrums übereinstimmt, dann verunsichert das die Menschen. Das Gesundheitsamt hat schon im September vor Durchbrüchen gewarnt, aber Booster-Empfehlungen wurden nicht frühzeitig kommuniziert. Bei Auffrischungswünschen nach bereits fünf Monaten rieten Ärzte ab und Politiker zu. Und bei manchen Lehrern waren die sechs Monate um, bevor Auffrischung überhaupt diskutiert wurde. Diese Unsicherheiten machen die Entscheidung nicht leichter.

Verschärft sich der Lehrermangel vor diesem Hintergrund?

Schäffner: Im Grund- und Mittelschulbereich des Landkreises sind derzeit rund 50 Lehrkräfte nicht dienstfähig. Das sind rund zehn Prozent. Manche wegen Quarantäne, manche wegen anderen Krankheiten oder Schwangerschaften. Die mobilen Reserven sind so gut wie leer. Lehrer fahren auf der letzten Welle. Und wo man früher Klassen zusammenfassen konnte, gibt es heute Betreuungsprobleme.

Wird auch das Unterrichten selbst schwerer?

Schäffner: Wir brauchen uns nichts vormachen: Es gibt momentan keinen normalen Unterricht. Der Schulalltag ist extrem von Corona-Maßnahmen und zusätzlich durch den Lehrermangel geprägt. Wenn beispielsweise ein positiver Fall auftaucht, müssen Klassen täglich getestet werden. Das ist ein wahnsinniger Aufwand – organisatorisch wie zeitlich. Dazu kommt sehr viel Aufklärungsarbeit. Wir müssen Schülern und Eltern das vermitteln, was von oben erlassen wurde. Und die Elternbriefe und -Gespräche haben zugenommen. Lehrern und Schulleitern kommt eine große Aufgabe zu. Jahrzehntelang haben wir versucht, das Verhältnis der Schulen zu Eltern zu stärken. Das ist schwieriger geworden. Und der Ton gesamtgesellschaftlich rauer.

Rauer etwa bei Masken- und Testverweigerern?

Schäffner: Wenn ich jemanden als „Verweigerer“ bezeichne, bringt uns das nicht weiter. Das große Ziel muss sein, die Pandemie nicht auf dem Rücken der Kinder auszutragen. Wir brauchen Verständnis, Dialog und müssen jeden mit all seinen Ängsten und Sorgen mitnehmen. Ob jemand partout gegen Masken oder Tests ist – und warum – ist zweitrangig. Wichtig ist der Fokus auf die Entwicklung der Schüler. Dazu gehört inhaltlicher Stoff genauso wie das soziale Miteinander. Die Spätfolgen von Bewegungsmangel, Isolation und Ausgrenzung werden uns lange begleiten. Dazu gibt es klare Studien und Aussagen von Kinderärzten.

Sie würden Kinder also gerne von den Maßnahmen ausnehmen?

Schäffner: Es ist Konsens, dass wir vulnerable Gruppen schützen müssen. Nur: Auf Dauer kann das die Schule nicht leisten. Kinder können nicht die ganze Last tragen. Dafür müssen Lösungen her.

Kinder können nicht die ganze Last tragen.

Markus Schäffner, Kreisvorsitzender BLLV

Was schlagen Sie vor?

Schäffner: Eine Bestandsaufnahme. Wir schauen seit Jahrzehnten in skandinavische Länder. Vielleicht findet sich dort ein Best-Practice-Beispiel. Schweden etwa hat das Ziel, dass Kinder so wenig wie möglich von der Pandemie mitbekommen sollen. Es wäre spannend zu wissen, welche Maßnahmen man vielleicht streichen könnte, ohne dass die Zahlen steigen. Aber beim Personalmangel und den ganzen Maßnahmen wurden Schulen noch nie so allein gelassen wie jetzt.

Klingt nach dem Wunsch eines Umbruchs.

Schäffner: So weiterzumachen wie bisher geht nicht. Wir können im nächsten Winter nicht wieder die gleichen Maßnahmen anwenden. Auf lange Sicht ist das für Schüler wenig zuträglich.

Das Gespräch führte Jonas Napiletzki.

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