Blick ins Studio: Keinen technischen Aufwand gescheut hat die Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee um ihren Vorstandsvorsitzenden Martin Mihalovits (l.) für das vollständig digitale FIT-Forum 2021.
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Blick ins Studio: Keinen technischen Aufwand gescheut hat die Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee um ihren Vorstandsvorsitzenden Martin Mihalovits (l.) für das vollständig digitale FIT-Forum 2021.

Diskussion beim FIT-Forum der Kreissparkasse

Verkehrschaos im Landkreis Miesbach: Experten sehen Lösung in Daten und Dienstleistungen

  • Sebastian Grauvogl
    VonSebastian Grauvogl
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Wie entkommt der Landkreis der Staufalle? Beim FIT-Forum der Kreissparkasse haben nun Verkehrsexperten Ideen erörtert. Der Schlüssel liegt für sie in Daten und Dienstleistungen.

Landkreis - Bis ins 19. Jahrhundert hinein sei ein durchschnittlicher Mann jeden Tag zehn bis 20 Kilometer zu Fuß gegangen. Heute seien es eher 500 bis 900 Meter. „Außer in der Freizeit in den Bergen natürlich“, sagte MVV-Geschäftsführer Bernd Rosenbusch gestern bei der Online-Veranstaltung „Letzte Meile – Mobilitätskonzepte für den Landkreis auf dem Prüfstand“ im Rahmen des Forum Innovation und Transformation (FIT) der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee. Als „bequem und zeitoptimiert“ charakterisierte Rosenbusch das moderne Mobilitätsverhalten. Nur wenn man dafür entsprechende Angebote schaffe, könne die Verkehrswende gelingen. Das Ziel müsse sein: von Haustür zu Haustür mit einem (preislich attraktiven) Ticket und einer einfach zu bedienenden App, die einen durch die verschiedenen Transportmittel lotse.

Worte und Erkenntnisse, die auch von einem Psychologen oder Sozialforscher hätten stammen können. Genau dieser auf den ersten Blick fachfremde Ansatz zog sich durch fast alle Redebeiträge in der Runde, die sich damit perfekt in das Thema des diesjährigen FIT-Forums einfügte: „New Normal“, die neue Normalität (siehe unten). Mit frischen Ideen altbackene Systeme aufbrechen, die durch die Corona-Krise ohnehin in ihren Grundfesten erschüttert wurden. Wie die aussehen könnten, erörterten Moderator Florian Zibert, Landrat Olaf von Löwis und Unternehmerin Sabine Stang im Studio im Hotel Bachmair Weissach in Kreuth. Digital zugeschaltet waren neben Rosenbusch auch die Verkehrsexperten Klaus Bogenberger von der Technischen Universität München und Wolfgang Kieslich vom Kommunalen Dienstleistungszentrum Oberland.

Daten und Dienstleistungen als Weg aus der Staufalle?

Wenn man die Aussagen des durchweg spannenden Austausches in einem Satz zusammenfassen müsste, würde der wohl so lauten: Der Weg aus dem Verkehrschaos führt nicht über neue Straßen und Schienen, sondern über Daten und Dienstleistungen. Und damit auch nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben. Nur wenn Informationen wie Fahrpläne, Parkplatzkapazitäten oder Baustellen vor Ort lückenlos erhoben würden, könnten sie in die Apps oder Navigationssysteme der großen Anbieter eingespielt werden und so zur Lenkung der Verkehrsteilnehmer beitragen, erklärte Kieslich. Bei einer temporären Überlastung müsse man auch Alternativen aufzeigen. Eine Leistung, die letztlich die Kommunen und Landkreise selbst erbringen müssten. Um auch den Wechsel zwischen privatem Pkw und öffentlichen Verkehrsmitteln zu erleichtern, brauche es auch hier noch mehr Abstimmung, ergänzte Rosenbusch. „Die große Hürde sind da die Autohersteller“, seufzte der MVV-Chef.

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Um den Menschen den Verzicht aufs Auto schmackhaft zu machen, sei auch Kreativität und Experimentierfreude gefragt, betonte Bogenberger. Erlebnisse könnten helfen, die Attraktivität beispielsweise des Fahrrads zu erhöhen. Als Beispiel nannte Bogenberger ein autofreies Wochenende im Tegernseer Tal, am besten kombiniert mit einem Seefest. Von weiter her anreisende Besucher könnten ihre Autos auf einem improvisierten Park & Ride-Parkplatz auf einer Wiese abstellen und dann in Shuttle-Busse steigen. Einheimische müssten dann aber selbstverständlich auch ihre Pkw in der Garage lassen. „Den Stau vor unserer Haustür verursachen wir schon auch selbst“, mahnte Bogenberger, der in Gmund lebt.

Landrat: „Schulterschluss“ mit Fachleuten und Bürgern

Dass einen das „Zwei-Klassen-Denken“ nicht weiterbringe, bestätigte Landrat Löwis und versprach, sich gern als Netzwerker einzubringen. Alleine lösen könne die Politik die Probleme aber nicht. „Das geht nur im Schulterschluss mit den Fachleuten und natürlich den Bürgern selbst“, sagte Löwis.

Dass es auch hier bereits vielversprechende Ideen gibt, zeigte der Vorschlag von Sabine Stang, im Rahmen des Bauprojekts ihrer Firma an der Kreuzstraße ein Logistikzentrum fürs gesamte Tal zu schaffen. Überregionale Lieferanten könnten hier ihre Pakete und Paletten abstellen, bevor diese – vielleicht mit einer Transport-Ringlinie, im Idealfall mit Elektrofahrzeugen – ins Tal gebracht werden. Nicht nur diesen Vorstoß kommentierte der Landrat abschließend mit einem klaren Arbeitsauftrag: „Am besten aufstehen und sofort anfangen.“

„Neue Normalität“ als Chance nutzen

Sport war das Leben von BMX- und Mountainbike-Freerider Tarek Rasouli (47). Doch genau dieser Sport war es auch, der sein Leben 2002 auf null zurücksetzte. Rasouli stürzte bei Filmdreharbeiten und ist seitdem querschnittsgelähmt. Heute managt er Veranstaltungen, nimmt mit Rollstuhl und Handbike an Wettbewerben teil und trainiert mit einem Exoskelett das aufrechte Gehen. „Ich möchte etwas dafür tun, damit ich die Welt nicht für immer aus einer Höhe von 1,30 Meter erleben muss“, sagte Rasouli gestern zum Auftakt des FIT-Forums der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee.

Während Rasouli seit 2002 in seiner „New Normality“ (neue Normalität) lebt, tut die Kreissparkasse dies seit Ausbruch der Corona-Pandemie 2020. „Wir mussten in kürzester Zeit weitreichende Entscheidungen treffen“, berichtete Vorstandsvorsitzender Martin Mihalovits im Interview mit Moderator Martin Kloss. Für einen trägen, weil hochregulierten „Tanker“ wie die Sparkasse sei dies eine große Herausforderung gewesen. Doch man habe die Chancen der Digitalisierung erkannt und gehe diesen Weg konsequent. „Dieser Zug lässt sich nicht mehr stoppen“, sagte Mihalovits. Mit dem diesjährigen FIT-Forum, das als reine Online-Veranstaltung ebenfalls eine Premiere sei, wolle man den Menschen und Unternehmen im Landkreis Perspektiven aufzeigen, wie auch sie frühzeitig darauf aufspringen können.

Fünf Stunden später resümierte der Sparkassen-Chef, dass das mutige Experiment geglückt sei. Als „inhaltlich dicht und unheimlich wertvoll“ sowie „stringent und lösungsorientiert“ lobte er die einzelnen Diskussionsrunden zu Themen wie Tourismus, Wohnungsbau oder Talentmanagement (weitere Berichte folgen). Die digitale Variante habe die Reichweite des FIT-Forums erhöht. Als Fazit zog Mihalovits, dass sich „mia san mia“ zwar ganz nett anhöre, die großen Herausforderungen des Landkreises aber nur gemeinsam zu bewältigen seien. „Das muss die Maxime sein.“

sg

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