Handydaten decken auf

Tegernsee und Schliersee an 91 Tagen im Jahr total überfüllt - 70.000 Menschen gleichzeitig - Corona verstärkt Ansturm

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Handydaten zeigen nun endlich, was viele Anwohner an Tegernsee und Schliersee inzwischen täglich spüren: An 91 Tagen im Jahr ist die Region überfüllt - und Corona verstärkt den Ansturm.

  • Ob Tagesausflügler oder Urlauber im Landkreis Miesbach.
  • Der Andrang auf Tegernsee und Schliersee wird immer größer. 
  • Jetzt gibt es erstmals belastbare Zahlen zur Überfüllung der Gemeinden.
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Landkreis„Wegen Überfüllung geschlossen.“ Wäre der Süden des Landkreises Miesbach ein Oktoberfestzelt, würde dieses Schild ziemlich oft an der Tür hängen. An einem Viertel des gesamten Jahres, um genau zu sein. Für 91 Tage hat die (anonymisierte) Mobilfunkdaten-Auswertung der Alpenregion Tegernsee Schliersee (ATS) 2019 eine sogenannte „Kapazitätsüberschreitung“ (KÜ) ergeben.

Heißt: Mehr als 70.000 Personen haben sich zeitgleich in Schliersee, Tegernsee, Gmund, Rottach-Egern, Bad Wiessee, Kreuth, Fischbachau und Bayrischzell aufgehalten. Knapp doppelt so viel wie die addierte Einwohnerzahl der genannten Gemeinden. 

Das Smartphone als Datenquelle: Die Mobilfunkdaten-Analyse der ATS gibt aufschlussreiche Erkenntnisse zum Tagestourismus im südlichen Landkreis Miesbach – hier der Tegernsee.

Aber Achtung: Nicht nur Tagesausflügler und Urlauber, sondern auch die Wohnbevölkerung und Berufspendler fließen in die Statistik ein. Eine Kombination mit Wetterdaten zeigt jedoch, dass vor allem der Freizeitverkehr das Fass zum Überlaufen bringt, und zwar in erster Linie in der warmen Jahreszeit. 79 der Überschreitungstage liegen im Sommerhalbjahr, nur zwölf in den Wintermonaten.

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Bergwacht Rottach im Dauereinsatz Am Wochenende hatten wir kaum eine Verschnaufpause. Vormittags wurden wir zu einer verletzten Wanderin unterhalb der Baumgartenalmen gerufen. Fünf Bergretter/-innen machten sich auf den Weg die Verletzte zu retten. Die Patientin wurde erstversorgt und mittels Gebirgtstrage zu unserem Fahrzeug gebracht, mit dem Sie dann ins Tal transportiert wurde. Kurz darauf folgte die Einsatzmeldung einer allergischen Reaktion nach Insektenstich an der Neureuth. Auch dieser Patient wurder erstversorgt und ins Tal gebracht. Gegen 17:00 Uhr wurden wir dann zu einer schwerverletzten abgestürzten Person an den Rottacher Wasserfällen gerufen. Da das Gelände sehr unwegsam war, sind hier 12 Bergretter/-innen, ein Hubschrauber sowie der Kriseninterventionsdienst der Bergwacht Bayern zur Betreuung der Angehörigen im Einsatz gewesen. Näheres im Artikel der Tegernseer Zeitung: https://www.merkur.de/lokales/region-tegernsee/rottach-egern-ort29359/wanderer-foto-wasserfaelle-notruf-rettungshubschrauber-notarzt-polizei-rottach-egern-sturz-13830356.html Am Montag wurden wir noch zu einer blockierten Person am Schinder gerufen, die dann mittels Hubschrauber gerettet wurde, sowie zu einer erschöpften Person in Richtung Aueralm. #bergwacht #rettung #berge #ehrenamt #einsatz #hubschrauber #tegernsee #bergrettung #bergretter

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ATS-Digitalmanager Holger Wernet ist mit diesen ersten Auswertungen sehr zufrieden. „Damit schaffen wir es, vom Bauchgefühl wegzukommen“, sagt der Digitalmanager der ATS. Vor voreiligen Schlüssen warnt Wernet aber. Dazu sei die Analyse noch nicht tief genug. „Da wird sich in den kommenden Monaten noch viel tun. Auf Anfrage unserer Zeitung stellt Wernet aber die ersten Ergebnisse schon mal vor. Und die sind – vor allem heruntergebrochen auf die einzelnen Gemeinden – durchaus spannend.

Handydaten zeigen Ausflügleranstrum am Schliersee

Was die Schlierseer schon immer vermutet haben, ist jetzt mit Zahlen belegt: Die Marktgemeinde ist Rekordhalter bei den Tagesausflüglern. 8800 strömten an einem schönen Tag im Sommer vergangenen Jahres an Schliersee und Spitzingsee. Und das, obwohl die Kapazität bereits ab 5000 erschöpft ist.

Bereits im Winter prangerte ein Miesbacher das Verkehrschaos am Skigebiet Spitzingsee an - Zum Schock von Anwohnern.

Legt man die Zeitreihen mit den anonymisierten Daten für die einzelnen Gemeinden übereinander, ergibt sich ein gutes Bild, welche Orte wann im Jahr wie stark überfüllt sind und wie der Vergleich ausfällt.

Dass die Zahlen für die Marktgemeinde derart durch die Decke gehen, hat laut Wernet mehrere Gründe. Zum einen sei hier die wetterabhängige Schwankungsbreite größer. Kombiniert man diese Info mit den Altersdaten, zeigt sich, dass Schliersee vor allem jüngere Leute und Familien anlockt. Und die wiederum ziehe es vor allem an sonnigen Wochenenden oder Feiertagen für Outdoor-Aktivitäten in die Gemeinde, erklärt Wernet. Anders als etwa in Tegernsee oder Bad Wiessee, deren eher ältere Gäste auch unter der Woche (Rentner) anreisen (siehe unten).

Zum anderen sei der Einzugsbereich von Schliersee mit seinem Ortsteil Spitzingsee im Vergleich zu den fünf einzelnen Gemeinden im Tegernseer Tal vergleichsweise groß. Wer Berge und See will, kommt im Schlierachtal an Schliersee nicht vorbei.

Ausflügler im Leitzachtal

Etwas entspannter sieht es in Bayrischzell und Fischbachau aus. Doch der Schein trügt: Auch hier gibt es –wenngleich auf niedrigerem Niveau – Spitzentage mit klarer Überlastung im Ort (bis zu 3900 Tagesausflügler und KÜ ab 2500 in Fischbachau, 3300 und KÜ ab 1750 in Bayrischzell). Interessant ist laut Wernet vor allem, dass die Ausschläge im Winter in Bayrischzell deutlich größer sind – wegen des Skigebiets am Sudelfeld. „In Fischbachau braucht es schon sehr viel Schnee, damit man hier einen Effekt merkt“, erklärt Wernet. Eben, wenn das Langlaufen auf den Loipen im Tal möglich ist.

Lesen Sie auch: Am Brückentag: Ausflügler verursachen immenses Verkehrschaos - selbst SEV-Busse stecken fest

Handydaten zeigen Verkehrschaos und Ansturm am Tegernsee

Die Ausreißer in Schliersee können die Gemeinden im Tegernseer Tal zwar nicht toppen. Schaut man sich aber den Durchschnitt übers ganze Jahr an, haben Bad Wiessee und Rottach-Egern die Nase vorn. 2850 Ausflügler kommen im Schnitt täglich nach Wiessee (Rekord bei 6500, KÜ ab 4500), 2700 nach Rottach-Egern (Rekord bei 6900, KÜ ab 4500). In Schliersee liegt der Tagesdurchschnitt hingegen „nur“ bei 2500.

Wesentlich mehr Schwankungsbreite findet man hingegen in den Daten von Gmund. Obwohl der Schnitt von 1900 Personen im Talvergleich eher niedrig ausfällt, toppt die Gemeinde mit einem Rekord von 6700 (KÜ ab 4000) sogar Bad Wiessee. Noch größer ist die Spreizung in Kreuth (Schnitt bei 2200, Rekord bei 6600, KÜ ab 3500). Unerwartet ruhig scheint es gar in Tegernsee selbst zu sein. Im Schnitt kommen nur 1600 Tagesausflügler in die Stadt, der Rekord liegt ebenfalls bei vergleichsweise bescheidenen 3600. Allerdings ist hier die Kapazität auch schon ab 2500 Gästen überschritten.

+++ Ebenfalls spannend zum ThemaAusflugsverkehr - Da hilft höchstens intelligente Verkehrssteuerung +++

Coronavirus-Effekte: Plus von 366 Prozent im Landkreis Miesbach

Ein weiteres Gefühl der einheimischen Bevölkerung bestätigt sich beim überregionalen Vergleich. Mit einem Plus von 366 Prozent habe der Landkreis Miesbach die höchsten „Nach-Corona-Bewegungswerte“ in ganz Deutschland. Als Referenztage dienten die Sonntage, 22. März und 17. Mai. An Christi Himmelfahrt (21. Mai) waren die Werte sogar um fast 400 Prozent höher als während des Lockdowns. „Das zeigt, dass wir einer der Landkreise sind, die die höchsten Tagestourismusraten aufnehmen“, erklärt Wernet.

Zahlen zeigen Ansturm an Tegernsee und Schliersee - Das können die Daten

Erstmals liegen als belastbare Zahlen über den Tagestourismus im südlichen Landkreis Miesbach vor. Doch pauschaler Ärger in Richtung München und Co. als vermeintliche Verursacher der Chaostage sei nicht angebracht, betont Wernet. Da die Herkunft der Mobilfunknutzer nicht anhand der Autokennzeichen, sondern anhand ihrer Logins in Postleitzahl-Gebieten ermittelt werde, würden auch Ausflügler innerhalb des Landkreises als Tagesgäste gewertet. Beispielsweise also ein Miesbacher, der zum Skifahren an den Spitzingsee fährt oder ein Schlierseer, der zum Baden einen Abstecher an den Tegernsee macht. Schwierig sei ferner die Unterscheidung von Übernachtungsgästen und Wohnbevölkerung oder Durchreisende, die sich mangels Aufenthalt nicht ins örtliche Funknetz einwählen, aber dennoch Verkehr verursachen.

Am Ende würden aber die Vorteile klar überwiegen, so Wernet. Die anonymisierten Daten würden stundengenaue Informationen liefern, wodurch sich sogar große Veranstaltungen messen lassen. Auch Ski- und Badetage seien erkennbar. Langfristiges Ziel sei, aus der Analyse eine Prognose zu machen und so die Grundlage für intelligente Verkehrsleitsysteme zu schaffen.

sg

Rubriklistenbild: © Thomas Plettenberg

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