+
Geballter Unmut: Amtsrichter Klaus-Jürgen Schmid hat der Medienrummel um das abgehängte Kreuz jede Menge Anfeindungen, Beleidigungen und Drohungen beschert.

“Volksverräter“ und Galgen-Bilder:

Richter wird wegen Kreuz-Aktion mit Hasspost überschüttet - und reagiert überraschend

  • schließen

Ein Miesbacher Richter hängt das Kreuz während der Verhandlung gegen einen Muslimen ab - und erntet einen Hass-Sturm aus ganz Deutschland. Seine Reaktion darauf überrascht.

Miesbach - Es sind Briefe und E-Mails voller Hass und Verachtung, die Richter Klaus-Jürgen Schmid, Direktor des Amtsgerichts Miesbach, bekommen hat: „Feigling“, heißt es da. „Idiot“. „Volksverräter“. „Abgehängt gehört nicht das Kreuz, sondern Sie“. „Blanke Wut auf Dich“. „Sie sind eine Schande für das Amtsgericht Miesbach“. „Zieh in ein islamisches Drecksloch“.

Das wohl übelste Pamphlet ist eine Karte im Kuvert – auf der Vorderseite klebt das Foto eines Gemäldes vom letzten Abendmahl, auf der Rückseite ein Foto von einem Galgen. Daneben stehen die Worte: „Der göttliche Richter hat dich zum Tode verurteilt.“ Der Absender: ein Pfarrer aus München. Angeblich.

Es ist ein Shitstorm, auf den Schmid auf ungewöhnliche Weise reagiert hat: Er steckte eine Handvoll dieser Briefe – zum Teil ungeöffnet – in ein Briefkuvert und schickte es an die Redaktion des Miesbacher Merkur. Verbunden mit der Bitte, dies zum Thema eines Artikels zu machen. „Dabei geht es nicht um mich“, betont Schmid, „sondern darum, dass verstanden wird, was ich mit diesem Handeln bezwecken wollte.“

Wie berichtet, hatte Schmid bei einer Verhandlung nach dem Jugendstrafrecht gegen einen afghanischen Asylbewerber, der einem anderen Flüchtling wegen seines christlichen Glaubens unter anderem gedroht haben soll, das Kruzifix abgenommen.

Im Interview mit unserer Zeitung erklärte Schmid seine Beweggründe, doch allein das Abhängen des Kreuzes schlug medial hohe Wellen: Die Bildzeitung schoss gegen Schmid („Geht’s noch, Herr Richter?“), die Deutsche Presseagentur berichtete, und das Bayerische Fernsehen kam mit einem Kamerateam in die Kreisstadt. Auf einmal sorgte der Fall bundesweit für Aufsehen. Politiker und Experten wurden dazu befragt, gaben ihre Expertisen ab.

Und entsprechend hagelte es Zuschriften am Miesbacher Amtsgericht. An die 200 Mails hat Schmid bekommen, dazu rund ein Dutzend Briefe. „Es kamen auch positive Briefe, aber das meiste war unter der Gürtellinie.“ Doch das sei nicht der Punkt.

Schmid geht es darum, dass sein Handeln richtig wahrgenommen wird, damit das Vertrauen der Bürger in das Gericht als Institution keinen Schaden nehme. „Es war nie mein Bestreben, Politik zu machen oder dem Islam entgegenzukommen“, erklärt er. „Ich habe lediglich versucht, auf einen Gewalt androhenden jungen Mann so einzuwirken, dass er zukünftig nicht mehr mit Gewalt droht oder sie gar anwendet.“

Wie Schmid berichtet, hatte der jugendliche Angeklagte eine große Feindseligkeit gegen das Christentum. „Indem ich das Kreuz abgenommen habe, wollte ich ihm verdeutlichen, dass hier der Rechtsstaat urteilt und nicht das Christentum. Ich wollte ihn nicht in seinem Weltbild bestärken.“

Sein Ziel als Richter sei es auch, die Bürger und die freie Religionsausübung zu schützen. Deshalb sei es falsch interpretiert, er habe das Kreuz abgenommen, um nicht die religiösen Gefühle des jungen Afghanen zu verletzen. „Für mich war die zentrale Frage: Wie bringe ich den Angeklagten dazu, keine Straftat mehr zu begehen? Wie bringe ich das Feuer aus ihm heraus?“ Zumal dem jungen Mann auch vorgeworfen worden sei, er sympathisiere mit einer radikal-islamistischen Organisation und könne gar ein Schläfer sein.

Auch verweist Schmid darauf, dass er in diesem Fall das Strafmaß zur Gänze ausgeschöpft habe. Da es die erste Verurteilung des Angeklagten war, sei eine Bewährungsstrafe angemessen gewesen.

Seine Ankündigung, das Kreuz im Gerichtssaal gar nicht mehr aufhängen zu wollen, hat Schmid inzwischen revidiert: „Ich habe die Vorschrift, dass keine religiösen Symbole am Körper des Richters hängen dürfen, nicht differenziert.“ Im Saal sei das Kreuz an jedweder Stelle erlaubt. Und so hängt es nun wieder im Gerichtssaal und nicht – wie vorübergehend – im Wartesaal. In den war es nicht zuletzt wegen des Presserummels versetzt worden, wie Schmid erklärt: „Die Symbole sollen nicht mehr Bedeutung haben als das Handeln im Gerichtssaal.“

ddy

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Liebe Brautpaare, lasst Euch bitte nicht stressen
Der Hochzeitstag sollte der schönste Tag im Leben eines jeden Paares sein. Nicht selten mutiert er jedoch zu einem der stressigsten. Das muss nicht sein, findet unser …
Liebe Brautpaare, lasst Euch bitte nicht stressen
Volles Programm beim Schlierseer Kulturherbst
Der Schlierseer Kulturherbst geht in seine zweite Dekade – mit neuem Ort und großen Namen. Die elfte Auflage von 4. bis 28. Oktober 2018 wartet unter anderem mit Erwin …
Volles Programm beim Schlierseer Kulturherbst
Neue Wirtin in TEV-Gaststätte: Los geht‘s schon im September
Der TEV Miesbach hat eine neue Wirtin für seine Gaststätte im Eisstadion gefunden. Die ist gut bekannt. Und auch der beliebte Schweinsbraten soll wieder auf der …
Neue Wirtin in TEV-Gaststätte: Los geht‘s schon im September
Sicherheit in Asylunterkünften: Landratsamt lässt Möbel kontrollieren
Asylsuchenden Privatsphäre geben, aber gleichzeitig ihre Sicherheit gewährleisten – das ist das Ziel von Möbelkontrollen in Asylunterkünften. Das Landratsamt hat solche …
Sicherheit in Asylunterkünften: Landratsamt lässt Möbel kontrollieren

Kommentare