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Angekommen am Altar: Christian Gerl (M.) aus Miesbach bei seiner Primiz in der Schweiz. Am Sonntag kommt er für einen Gottesdienst in die Heimat.

Er war sogar mal Buddhist

Vom Aussteiger zum Priester: Wie Christian Gerl (48) zur Kirche zurückgefunden hat

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Er lebte als Aussteiger, trat aus der Kirche aus und versuchte sich sogar als Buddhist. Jetzt hat Christian Gerl (48) aus Miesbach zu Gott zurückgefunden. Er ist Pfarrer.

Miesbach – Die Spur des coolen Surferboys verliert sich auf Christian Gerls altem Führerschein. „Das war das letzte Foto, auf dem man mich mit langen Haaren sieht“, sagt der 48-jährige Miesbacher und lacht. Als er nun in der Nähe von Davos in der Schweiz seine erste Stelle als Pfarrvikar antreten durfte, tauschte er das Dokument gegen ein neues ein. Der endgültige Schlussstrich unter seine Vergangenheit als Aussteiger und Weltenbummler. „In alten Zeiten schwelgen bringt einen nicht weiter“, sagt Gerl. Er wollte frei sein für sein neues Leben – an der Seite von Gott.

Seit 6. April ist dies offiziell besiegelt. An diesem Tag wurde Gerl von Bischof Vitus Hounder zum Priester für das Schweizer Bistum Chur geweiht. Seine Nachprimiz feiert der gebürtige Miesbacher in seiner alten Heimat. Am Sonntag, 26. Mai, hält er in der Stadtpfarrkirche – wo er einst getauft wurde – einen Festgottesdienst. Auf zu viel Aufhebens mit Fahnenabordnungen & Co. wollte er bewusst verzichten, betont Gerl. So habe er als junger Mann Miesbach bald den Rücken gekehrt.

Heute erscheint dem 48-Jährigen dieses „andere“ Leben sehr weit weg. Damals war es eher die Kirche. „Ich habe einfach so dahingelebt, wie es heute viele Menschen tun“, erinnert er sich. Nach dem Abitur folgte Gerl erst den Fußstapfen seines Vaters und ließ sich zum Versicherungskaufmann ausbilden. Nach einigen Jahren aber wagte er den Absprung. Als Triathlet und Windsurfer gab er sich voll seiner Leidenschaft für den Sport hin – und schließlich auch seiner Abenteuerlust. Mit einem zum Wohnmobil umgebauten Lieferwagen tourte Gerl durch Spanien, Südafrika und viele andere Länder.

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Der „Weckruf“, wie es Gerl heute nennt, ereilte ihn im Alter von 32 Jahren. Seine geliebte Mutter wurde urplötzlich und im Alter von nur 57 Jahren schwer krank. Der Miesbacher, der zu dieser Zeit wie durch Zufall mal wieder daheim war, pflegte sie zusammen mit seinem Vater zuhause. Doch die Krankheit war unerbittlich. Nach nur sieben Wochen erlag Gerls Mutter ihrem Leiden. „Sie ist in meinen Armen gestorben“, sagt er.

Auf einmal stellte er sich eine Frage, die ihm früher nie gekommen wäre: Was ist der Sinn des Lebens? Im katholischen Glauben vermutete Gerl die Antwort nicht. Im Gegenteil: Er trat aus der Kirche aus – und machte sich wieder auf die Reise. Diesmal allerdings spirituell. Der Miesbacher beschäftigte sich mit allen möglichen Ansätzen, „wühlte“ sogar in der Esoterik und im Schamanismus, auch praktizierender Buddhist war er eine Weile.

Vier Jahre dauerte Gerls Suche. Sie endete, als er vom Wirken des Pater Pio erfuhr. Eine Mesnerin gab ihm eine auf Kassette aufgezeichnete Predigt des 1968 in Italien verstorbenen Ordenspriesters. Dessen Worte seien „streng und scharf“ gewesen, erinnert sich Gerl. „Aber damit hat er mich erwischt.“

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Nachdem er viele Jahre keinen Fuß mehr in eine Kirche gesetzt hatte, ging der Miesbacher zur Beichte, besuchte Gottesdienste, sprach mit Pfarrern – und kehrte schließlich mit „wehenden Fahnen in den Schoß von Mutter Kirche“ zurück. „Ich war ein Saulus, habe viele Gebote gebrochen“, erzählt Gerl. Und doch hätte er ohne diesen Weg vielleicht nie zu seiner Berufung gefunden, ist er überzeugt.

2007 begann der Miesbacher sein Theologiestudium in Wien. Über weitere Stationen – unter anderem auch ein Philosophiestudium im Schwarzwald – schloss Gerl vor zwei Jahren in Regensburg seine Priesterausbildung ab. Nach einem Pastoraljahr in der Diözese Eichstätt und in der Schweiz hat er nun seine erste Priesterstelle angetreten.

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Auch wenn er sich von seinem früheren Leben längst verabschiedet hat: Prägend für seine pastorale Arbeit war es dennoch. Gerl weiß, wie sich Menschen fühlen, die keinen Zugang mehr zur Kirche finden. Ihnen wieder die Tür zu öffnen, sieht er als eine seiner Aufgaben. „Ich bin immer noch kein Heiliger“, sagt der Miesbacher und lacht. Sein Vater habe ihm nach seiner unerwarteten Rückkehr in die Kirche vielmehr eine andere Eigenschaft zugesprochen, erzählt Gerl und lacht: „Du selbst bist das größte Wunder.“

Seine Nachprimiz

feiert Neupriester Christian Gerl am Sonntag, 26. Mai, in der Stadtpfarrkirche in Miesbach. Der Chor Mosaik übernimmt die musikalische Gestaltung der Feier, im Anschluss besteht die Möglichkeit zum Einzelprimizsegen. Beginn ist um 10.30 Uhr.

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