KiBu-Vorsitzender Dr. Stefan Razeghi
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Kennt die Sorgen: Kinderarzt Dr. Stefan Razeghi hat täglich Kontakt mit Kindern und Eltern. Er fordert: Die Schulen sollten mehr Präsenzunterricht anbieten. Bis es so weit ist, müsse sich der Online-Unterricht bessern.

„Wir sollten die Schulen schneller öffnen“

Vorsitzender des Kinderschutzbundes: „Schulen schneller öffnen!“

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Kinder sind besonders stark von den Corona-Beschränkungen betroffen, sagt Dr. Stefan Razeghi (50). Der Miesbacher Kinderarzt und Vorsitzender des Kinderschutzbunds fordert mehr Präsenzunterricht.

Landkreis – Kinder sind besonders stark von den Corona-Beschränkungen betroffen, sagt Dr. Stefan Razeghi (50). Der Miesbacher ist Kinderarzt und Vorsitzender des Kinderschutzbunds Miesbach. In unserem Gespräch erklärt er die Folgen der Pandemie für die Jüngsten im Landkreis, warum hier vieles besser gelaufen ist als anderorts und warum mehr Präsenzunterricht seiner Meinung nach jetzt angebracht wären.

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Vorsitzender des Kinderschutzbundes: „Schulen schneller öffnen!“

Herr Razeghi, Experten sagen, Schulschließungen bereiten Kindern Probleme. Auch im Landkreis?

Ja. In meiner Praxis spreche ich bei Impfungen und Behandlungen täglich mit Kindern und Eltern. Außerdem kenne ich die Sorgen der Erwachsenen, die sich beim Kinderschutzbund melden. Derzeit gibt es vor allem drei Probleme: Den Kindern fehlen der geregelte Tagesablauf und soziale Kontakte. Außerdem tun sich schulische Lücken auf. Alles bremst sie in ihrer Entwicklung. Bei allem könnte mehr Präsenzunterricht helfen. Das gilt auch für überlastete Eltern.

Sollten wir also zurück zum normalen Unterricht?

Nicht sofort. Ich bin selbst hin und hergerissen. Ich sehe die Familien, die Arbeit und Homeschooling nicht unter einen Hut bringen, und die, die wegen Berichten über schwer erkrankte Kinder Angst haben. Es ist eine Gratwanderung. Aber wenn wir einen Kompromiss aller Punkte wollen, müssen wir die Bildung der Kinder mehr bedenken. Die kommt derzeit zu kurz.

Das heißt?

Bei Corona ändert sich die Datenlage von Woche zu Woche. Erst hieß es, Masken brauchen wir nicht, dann doch. Ähnlich ist es bei Schulschließungen: Die sind aus den Erfahrungen bei der Grippe entstanden. Veröffentlichungen der Uni München und aus der Schweiz lassen aber nun vermuten, dass Kinder das Virus in geringem Ausmaß verbreiten und Schulschließungen bei Corona weniger helfen als vermutet. Also muss man die Maßnahme überdenken. Wir sollten die Schulen schneller öffnen als geplant.

Meinen Sie, die Eltern im Landkreis ziehen mit?

Die Lage hat sich in den vergangenen drei Monaten verändert. Anfang März kamen die Bilder aus Norditalien, alle hatten Angst. Dann entstanden die Infektionsherde in Schulen und Kindergärten. Viele bekamen Panik: Was passiert mit meinem Kind? Die Schulschließungen kamen zur richtigen Zeit.

Und jetzt?

Die Gegenmaßnahmen haben im Landkreis exzellent funktioniert. Verdachtsfälle oder Patienten wurden rasch getestet, das Virus eingedämmt. Durch den Erfolg hat sich die Lage der Eltern geändert. Ich merke zwar nicht, dass die Stimmung gegen die Beschränkungen kippt. Aber die Leute machen sich andere Sorgen. Wie sie die Betreuung ihrer Kinder schaffen sollen. Dass bei Schülern Wissenslücken bleiben. Dass Kinder mit Sprachproblemen Schwierigkeiten haben, weil sie lange nicht zum Therapeuten durften. Außerdem haben viele Kinder im Vorschulbereich keine Einschulungsuntersuchung bekommen. Deswegen wäre mehr Präsenz-Unterricht wichtig.

Nun dürfen Landkreise mit wenig Neuinfektionen Schulen aber nicht schneller öffnen als andere.

Stimmt. Deswegen kann ich nur versuchen, auf das Thema aufmerksam zu machen. Virologen und die Wirtschaft sind in der Diskussion gut vertreten. Die Bildung der Kinder weniger. Das muss sich ändern.

Was kann der Landkreis tun, um die Schüler trotz Begrenzungen gut zu unterrichten?

Ich habe den Eindruck, hier läuft weniger über Video als in den Nachbarlandkreisen. Es geht eher um Mails und Daten hochladen. Das ist ein Problem, weil der direkte Kontakt zum Lehrer fehlt. Mein größter Wunsch ist, dass der Online-Unterricht schnellstmöglich ausgebaut wird. Wir brauchen mehr Gruppen-Meetings und direkte Gespräche.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie zum derzeitigen Online-Unterricht?

Das Feedback auf das Homeschooling ist kritisch. Es fehlen klare Linien. Manche Kinder lernen gut, weil sich die Lehrer Mühe geben. Aber es gibt auch Kinder, bei denen es scheitert. Wegen der Lehrer, weil die Schüler keine Lust haben, weil der Schule die technische Ausstattung fehlt oder weil die Eltern nicht genug darauf achten.

Was könnte helfen?

In den Gesprächen merke ich: Schüler und Eltern brauchen eine Perspektive, einen langfristigen Plan. Wenn wir zweifeln, dass das nächste Schuljahr normal läuft, brauchen wir besseren Online-Unterricht.

Merken Sie bei den Kindern Sorgen?

Die Sorgen ziehen sich durch alle Altersklassen. Obwohl ich schon das Gefühl habe, bei den Abschlussklassen geht es noch einigermaßen. Sie sind bald fertig und haben es teilweise fast hinter sich. Aber die, die ein Jahr vor dem Abschluss stehen, sorgen sich, ob sie es schaffen. Bei manchen entscheidet die Abschlussnote über die gesamte Berufslaufbahn. Da können schon kleine Lücken große Probleme verursachen.

Wie ist es bei Jüngeren?

Auch bei Grundschülern fürchten die Eltern, ihren Kinder könnten Wissenslücken bleiben, die ihnen ihr für die Schullaufbahn Probleme bereiten könnten.

Welche Folgen hat Corona im Landkreis noch? Kommen weniger Kinder zu Ihnen in die Praxis?

Von anderen Folgen wurden wir hier glücklicherweise verschont. Weil Patienten mit Corona-Symptomen früh von allen anderen getrennt wurden, habe ich zum Beispiel kaum gemerkt, dass Menschen aus Angst vor dem Virus nicht zum Arzt gehen.

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