Bereit für die Alm: Landwirt Sebastian Blindhuber aus Parsberg umringt von seinem Jungvieh.
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Bereit für die Alm: Landwirt Sebastian Blindhuber aus Parsberg umringt von seinem Jungvieh.

Nach Sichtung am Seehamer See

Nach Wolf-Sichtung in der Nähe: Landwirte treiben Vieh unter Angst auf die Alm

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Endlich sind die Wiesen schneefrei und der Almauftrieb 2021 kann starten. Für viele Landwirte schwingt heuer aber auch eine Sorge mit: die Angst vor dem Wolf.

Parsberg/Spitzingsee – Schon am Abend spürte Sennerin Annerl Heiß, dass Unheil im Anmarsch war. „Die Viecher waren sehr unruhig“, erzählt Landwirt Sebastian Blindhuber (62) von jenem Zwischenfall, der den Sommer 2020 auf der Petzing Alm im Spitzinggebiet überschatten sollte. Am nächsten Morgen musste die Sennerin mit Schrecken feststellen, dass sie ihr Gefühl nicht getäuscht hatte. Eine Kalbin lag regungslos am Boden, mit einer tödlichen Bisswunde am Hals. Zwei weitere Tiere hatten Kratzspuren am Hinterteil erlitten.

Ob es wirklich ein Wolf war, der in der besagten Nacht durch den Pfanngraben streifte, hat Blindhuber nie zweifelsfrei herausbekommen. Bei einer Untersuchung der Bisswunde habe man ihm mitgeteilt, dass diese auch von einem Hund hätte stammen können. Doch der Bauer aus Litzelau bei Parsberg ist überzeugt, dass seine Herde tatsächlich vom Wolf attackiert wurde. Entsprechend mulmig ist Blindhuber zumute, wenn er an diesem Wochenende seine gut 50 Jungviecher wieder auf die Alm treibt. „Da ist schon immer eine gewisse Unsicherheit dabei“, sagt Blindhuber. Da gehe es aber allen Almbauern gleich. „Man weiß ja nie, wo und wann er auftaucht.“ Die aufsehenerregende Sichtung eines Wolfs am Seehamer See Ende April trägt da nicht gerade zur Beruhigung bei.

Wegen Verkehr zum Spitzingsee nur kurzer Almauftrieb

Gänzlich verderben lassen wollen sich die Blindhubers ihre Vorfreude auf den Almauftrieb aber nicht. Auch wenn sie ihre Tiere seit ein paar Jahren nicht mehr komplett zu Fuß auf die Petzing Alm bringen, sondern sie mit einem Viehtransporter bis in die Valepp fahren lassen. „Man muss manchmal auch ein bisschen mit der Zeit gehen, um eine Tradition zu erhalten“, weiß der Landwirt. Der heutige Autoverkehr in Richtung Spitzingsee sei einfach zu gefährlich.

Oben auf 1119 Meter ist aber alles wie immer. Und gut vorbereitet sowieso. Blindhuber und sein Sohn Sebastian (33) haben die Wassertröge sauber gemacht und die Zäune (teils Stacheldraht, teils Elektro) gezogen. Auch die Wiesen stehen trotz des kühlen Frühjahrs gut im Saft. „Immerhin gibt’s heuer genug Wasser“, sagt Blindhuber. Die ersten beiden Monate bleibt der Landwirt selbst auf der Alm, dann übergibt er wieder an seine Sennerin, die sonst in Au daheim ist. Sie alle hoffen, dass es ein guter Sommer ohne traurige Zwischenfälle wie im vergangenen Jahr wird.

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Landwirt hält Schutzzäune nicht für sinnvoll

Einen echten Schutz gegen den Wolf sieht Blindhuber nicht. Die immer wieder diskutierten Zäune hält er nicht für sinnvoll. Damit sie den Wolf wirklich aufhalten können, müssten sie mindestens 1,50 Meter hoch sein. Kaum auszudenken, wie teuer die Anschaffung für die Petzing Alm mit einer Fläche von 40 Hektar wäre. Vom Landschaftsbild und den Folgen für Wanderer oder Mountainbiker ganz zu schweigen. Wenn man andererseits nur einen kleinen Bereich für die Nacht einzäunen würde, wäre es jeden Abend ein beträchtlicher Aufwand, die Tiere dort hineinzutreiben. „Dann könnten wir sie auch gleich in den Stall holen“, sagt Blindhuber. Dann aber wäre der eigentliche Charme des Almsommers nicht mehr gegeben. Und an dieser Tradition möchten die Landwirtsfamilie und ihre Sennerin wahrlich nicht rütteln.

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