Gibt auch Tipps zu Kopf- und Körperhaltung: Den Gesang kann Julian Heyder bei den Chorproben nicht dirigieren. Wegen unterschiedlicher technischer Voraussetzungen ist ein synchrones Singen online nicht möglich.  Foto: thomas plettenberg
+
Gibt auch Tipps zu Kopf- und Körperhaltung: Den Gesang kann Julian Heyder bei den Chorproben nicht dirigieren. Wegen unterschiedlicher technischer Voraussetzungen ist ein synchrones Singen online nicht möglich.

Gemeinsam ohne Hörerlebnis

Wie der Chor- und Orchesterverein trotz Corona den Kontakt hält und singt

  • Alexandra Korimorth
    vonAlexandra Korimorth
    schließen

Der Chor- und Orchesterverein Miesbach lässt sich von Corona und den Abstandsregeln nicht schrecken – und sich auch das Gemeinschaftserlebnis nicht nehmen.

Miesbach – Der Chor- und Orchesterverein Miesbach lässt sich von Corona und den Abstandsregeln nicht schrecken – und sich auch das Gemeinschaftserlebnis nicht nehmen. Der Chor probt seit dem ersten Lockdown online über eine Videokonferenz-Plattform.

Wie der Chor- und Orchesterverein trotz Corona den Kontakt hält und singt

Es ist eigentlich so wie immer: Die montägliche Chorprobe des Chor- und Orchestervereins Miesbach beginnt schon um 20 Minuten vor 19 Uhr und damit vor dem offiziellen Probenstart. Doch anstatt sich leibhaftig im Probenraum im Miesbacher Seniorenheim vorab zu begrüßen und zu ratschen, was die Woche so gebracht hat, gehen heute auf dem Bildschirm nacheinander die Fenster der Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf. Das Hallo und die Anteilnahme am Befinden der anderen Chormitglieder ist digital genauso groß, die Stimmung genauso herzlich wie analog. Vielleicht sogar ein bisschen verbindlicher als sonst.

Denn seit der Chor online probt, tut er das nicht mehr nur alle zwei Wochen, sondern wöchentlich. Und es nehmen auch Mitglieder daran teil, die das sonst nicht könnten, weil sie gerade im Ausland verweilen – wie Vereinsvorstand Georg Sollfrank, der sich aus der Türkei aus dem Haus seiner Tochter zugeschaltet hat. Er hat leider schlechte Nachrichten: „Wir hatten dieses Jahr durch Corona viele Rückschläge. Es hat uns unser 175. Jubiläum und auch unser Herbstkonzert verhagelt. Und jetzt muss ich Euch mitteilen, dass auch unser Weihnachtssingen, das wir seit 1960 jedes Jahr im Krankenhaus anbieten, dieses Jahr nicht stattfinden kann.“ Er hoffe aber immer noch auf das Friedhofssingen, dass der Chor seit 1955 bestreiten. Bevor sich die allgemeine Enttäuschung breit machen kann, schaltet sich Chorleiter Julian Heyder ein: „Wie auch immer. Es hat noch nie geschadet, Weihnachtslieder einzuüben“, spricht er und leitet zum obligatorischen Einsingen über. „Hahahahaleluja, Hohohosianna“ und „Tante Trude tanzt nur Tango, Twist und Tarantella“. Danach geht es ans Weihnachtslied Adeste Fidelis – und zwar zunächst für jede Stimmlage einzeln, am Ende alle gemeinsam.

Hören kann das Julian Heyder aber nicht: „Ich habe alle auf stumm gestellt. Durch die unterschiedliche Technik und Verbindungsqualitäten kommt es zu Zeitverzögerungen, ein wirklich gemeinsamer Chorgesang der verschiedenen Stimmen ist nicht möglich. Deshalb singt jeder für sich alleine.“ Heyder, der vorsingt und für alle anderen hörbar ist, sagt, dass er nur erahnen könne, wie und was die Chormitglieder singen. Deshalb gibt er Tipps zur Kopf- und Körperhaltung und weist in den Noten, die vorneweg per Mail verschickt wurden, auf delikate Stellen hin – bei Adeste Fidelis: „Takt zwei und Takt sechs, die Phrasierung bei Takt fünf – und bitte auf vier zum kurzen ‚M‘ bei Bethlehem kommen. Und dieses ‚M‘ bitte so, wie wenn einem was schmeckt.“

Als gemeinsame Chorprobe für einen Auftritt, bei der sich Sopran, Alt, Tenor und Bass punktgenau abwechseln, überlagern oder in genau gleichem Tempo abstimmen, eignet sich die Konferenzschaltung nicht. Aber die Auftritte werden seit Corona sowieso abgesagt, und ohnehin geht den Mitgliedern mehr um den Austausch. Lena, mit 24 Jahren das jüngste Mitglied und seit drei Jahren dabei, sagt: „Es ist einfach so schön, die Leute, die Du gern hast wieder zu sehen und sehen, dass es ihnen gut geht. Hier erfährt man eine Herzlichkeit, die in diesen Zeiten selten geworden ist.“

Auch wenn der eine oder andere aus Gründen der mangelnden Technik nicht an den Online-Proben teilnimmt, so konnte der Miesbacher Chor auf der anderen Seite schon ein neues Mitglied genau wegen dieses Angebots gewinnen. Und Gerda, mit 79 Jahren die älteste Chorsängerin und sichtlich stolz die Technik ganz allein im Griff zu haben, lobt das neue Probenformat, nicht allein wegen der Sicherheit: „Offengestanden singe ich hier zu Hause aus vollem Hals mit. Das würde ich mich im Chor so gar nicht trauen. Ich bin überzeugt, dass ich an Selbstbewusstsein gewonnen habe.“ Und an die übrigen zehn Teilnehmer an dieser Chorprobe sagt sie lachend: „Ihr werdet Euch wundern, wenn wir wieder richtig miteinander proben.“

Auch interessant

Kommentare