Was mich bewegt – unsere Kolumne zum Wochenende

Wie ich mich durch die gesperrte Johannisbrücke neu entdeckt habe

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Kann eine Brückensperrung Anstoß für eine tiefgreifende psychologische Erfahrung sein? Kann sie, meint unser Autor. Er hat in sieben Monaten Umleitung viel über sich gelernt.

Muss man sich wirklich drüber aufregen, wenn man mal ein paar Minuten länger in die Arbeit braucht? Als ich früher noch jeden Tag nach München gependelt bin, hätte ich dieses „Problem“ nur müde weggelächelt. Ich war abgehärtet. Seit ich aber in meinem Wohnort Miesbach arbeite, bin ich da nicht mehr ganz so locker, wie ich während der Sperrung der Johannisbrücke festgestellt habe. Handgestoppte drei Minuten mehr hat mich die Umleitung gekostet – pro Strecke, wohlgemerkt. Bei vier Fahrten am Tag – ja, ich verbringe meine Mittagspause zuhause – sind das schon zwölf Minuten. Und bei viel Verkehr im schlimmsten Fall noch deutlich mehr.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, während Sie im Zug oder in der S-Bahn sitzen, werden Sie sich wahrscheinlich fragen, ob der Autor keine anderen Probleme hat. Früher hätte ich Ihnen da sogar Recht gegeben. Aber der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier – und ich ganz besonders. So gesehen war die Brückensperrung eine sehr aufschlussreiche Erfahrung für mich. Ich habe gewissermaßen alle Phasen eines Prozesses durchlebt, den Psychologen als „Veränderungsmanagement“ bezeichnen.

Zuerst war da die Ablehnung. Vielleicht ist die Brücke ja doch noch einen Tag länger offen, dachte ich mir beim Start der Bauarbeiten. War sie nicht. Ich wechselte in die kreative Phase, suchte nach Schleichwegen. Zwar ohne Erfolg, aber immerhin mit dem Mehrwert, dass ich jetzt sämtliche Routen über die Schlierach kenne. Letztlich habe ich mich dann mit dem Unvermeidlichen arrangiert. Und festgestellt, dass man sich an fast alles gewöhnen kann. Sogar die Bauarbeiten für den Breitbandausbau, die meine Umleitungsstrecke bisweilen in einen echten Zick-Zack-Kurs verwandelt haben, konnten mich jetzt nicht mehr abschrecken. Ich war tiefenentspannt.

Falls Sie sich jetzt fragen, ob ich nicht mal drüber nachgedacht habe, zu Fuß zu gehen oder mit dem Radl zu fahren: Ja, habe ich. Tatsächlich wäre ich dank der Fußgängerbrücke damit sogar schneller gewesen. Aber was ist, wenn es regnet? Oder ich für einen spontanen Termin in eine Nachbargemeinde muss? Und wo packe ich meine Sporttasche hin? Ohne Auto geht es nicht, dachte ich mir. Die Wahrheit ist: Ich bin nicht nur ein Gewohnheits-, sondern auch ein Faultier.

Sei’s drum. Die Brückensperrung ist seit Montag Geschichte. Voller Freude fahre ich nun durch die Innenstadt in die Arbeit – bis ich von der Bahnschranke ausgebremst werde. Aber was soll’s: Sind ja nur ein paar Minuten. An die werde ich mich auch wieder gewöhnen.

Rubriklistenbild: © Andreas Leder

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