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Hat trotz des leeren Saals eine Menge zu tun: Isabella Krobisch, Leiterin des Waitzinger Kellers. Wie ihr, ergeht es auch den Chefs anderer Kulturhäuser im Landkreis. 

Zig Veranstaltungen abgesagt

Wie die Kulturhäuser in der Corona-Krise arbeiten

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Die Kulturhäuser sind geschlossen, viele Veranstaltung abgesagt. Dennoch haben die Verantwortlichen viel zu tun. 

Miesbach/Holzkirchen – Absagen auf unbestimmte Zeit, ausfallende Einnahmen, dafür Rückerstattungen, und – als Branche, in der ohnehin zumeist finanziell auf Kante genäht ist – in den seltensten Fällen ein gutes Polster: Die Kultur traf die Corona-Krise mit als erstes mit voller Wucht. Das gilt auch für die beiden großen kommunalen Kulturzentren im Landkreis, die vorerst bis 19. April sämtliche Veranstaltungen absagen mussten. Hinter den Kulissen wird weiter gerödelt, damit die Kultur nach der Krise stark weitermachen kann.

Waitzinger Keller in Miesbach musste 23 Veranstaltungen verschieben oder absagen

„Schmerzlich sind natürlich die fehlenden Einnahmen bei Vermietungen und aus dem Kartenverkauf“, erklärt Isabella Krobisch, Kulturamtschefin in Miesbach und Leiterin des Waitzinger Kellers. „Wir mussten bisher 23 Veranstaltungen verschieben oder absagen.“ Krobisch und ihr Team hofften anfänglich noch, das große Premieren-Wochenende des Freien Landestheaters Bayern (FLTB) mit dem Musical „Anatevka“ retten zu können (wir berichteten). Nicht nur, weil das FLTB neben Volkshochschule und Gastronomie eine tragende Säule des Waitzinger Kellers ist, sondern weil finanziell sehr viel für das Theater auf dem Spiel steht und jeder Aufführungstermin für die Gesamtproduktion eminent wichtig ist. „Aber die Entwicklung hat uns überrollt“, erklärt Krobisch. Das Kulturhaus wolle sich nicht gegen die gebotenen Vorsichtsmaßnahmen stellen. „Jetzt herrscht Ausnahmezustand, und wir müssen geduldig der Dinge harren.“

Kultur im Oberbräu in Holzkirchen: Termine bis ins Jahr 2021 abgesagt

Ähnlich sieht die Lage beim Kultur im Oberbräu aus, das heuer eigentlich sein zehnjähriges Bestehen feiern wollte (wir berichteten). Leiterin Ingrid Huber hat bis dato 26 Veranstaltungen abgesagt oder verschoben – zum Teil bis ins Jahr 2021. „Man kann jetzt noch nicht absehen, wie groß die finanziellen Ausfälle sind“, sagt Huber. Aber es helfe auch nichts, sich darüber aufzuregen. „Ändern würde das auch nichts“, meint sie pragmatisch. Schließlich könne es ja auch sein, dass man noch länger geschlossen bleiben müsse.

Absagen bedeuten organisatorischer Kraftakt

Wer glaubt, dass die Mitarbeiter der Kulturhäuser deshalb eine ruhige Kugel schieben könnten, irrt gewaltig: Die Absagen bedeuteten organisatorisch einen erheblichen Mehraufwand. „Wir haben alle Leute, die Tickets gekauft hatten, verständigt und haben ihnen das Geld zurücküberwiesen“, berichtet Huber. Das sei relativ unkompliziert erledigt gewesen, weil das Kultur im Oberbräu ein unabhängiges, auf das Haus zugeschnittenes Kassensystem habe. „Das war unser Vorteil“, sagt Huber.

Das Publikum zeigt sich solidarisch

Der Waitzinger Keller, der unter Hochdruck nach Ersatzterminen im bereits bestehenden Termingerüst bis April 2021 und darüber hinaus sucht, arbeitet mit den Ticket-Services CTS Eventim und München Ticket zusammen. In den meisten Fällen haben diese Unternehmen die Besucher via E-Mail informiert und gegebenenfalls Ersatztermine kommuniziert. „Die allermeisten versuchen, die angebotenen Ersatztermine wahrzunehmen“, berichtet Krobisch. „Unsere Besucher wollen nur ganz vereinzelt ihre Tickets zurückgeben.“ Für den Fall, dass jemand auf die Rückerstattung verzichtet, hat das Team des Waitzinger Kellers eine Spendenbox vorbereitet, in die die Tickets eingeworfen werden können – allerdings erst nach dem 19. April, denn derzeit ist das Büro für den Besucherverkehr freilich erst einmal geschlossen. Mit dieser Spendenbox folgt der Waitzinger Keller der inzwischen bundesweiten Aktion „Deine Tickets für Kultur“, mit der Kultur-Veranstalter die Einnahmen aus dem Ticketverkauf trotzdem gutgeschrieben bekommen. So können sie die überwiegend freischaffenden Künstler, ihre Techniker und Crewmitglieder weiter bezahlen und versuchen, ihren Betrieb zu sichern – Schadensbegrenzung auf freiwilliger Basis also. Auch in Holzkirchen haben die Besucher vereinzelt ihre Tickets gespendet. Mit der Begründung „Weil die Kultur es brauchen kann“ haben einige auf die Rücküberweisung verzichtet, erklärt Huber.

Aktuelles zur Corona-Krise finden Sie in unserem Ticker.

Auch die Kulturhäuser müssen mit der Unsicherheit umgehen. „Es ist alles offen. Wir sind aufgefordert, dazu beizutragen, das Virus nicht weiter zu verbreiten“, stellt Huber fest. „Wir planen auch gar nicht, sondern warten ab.“ Die Holzkirchner Kulturhaus-Chefin schildert, dass die Absagen für die Künstler teilweise sehr happig waren. Wie Ladenbesitzer zum Beispiel jetzt auch, stehen auch die Künstler vor der Herausforderung, eine Durststrecke von unbekannter Dauer durchzustehen.

Noch gibt’s viel zu tun

Aktuell arbeiten Huber und ihr Team alles in aller Ruhe auf, was liegen geblieben ist, oder was man sich schon lange vorgenommen hat, für das bislang aber stets die Zeit fehlte. Auch im Waitzinger Keller und im Kulturamt mit Tourismusförderung und Stadtarchiv gibt es bislang genug zu tun. Die Akquise neuer Veranstaltungen hat das Team aber momentan ausgesetzt. Nicht nur wegen der unabsehbaren Dauer der Corona-Krise, sondern auch, um Lücken für Verschiebungen zu lassen. Im Technikbereich nutzt man die veranstaltungsfreie Zeit in Miesbach derzeit für Wartungsarbeiten und ein lange geplantes neues Beschilderungssystem. Wenn die Schließung absehbar länger anhält, soll auch der Mooreichenboden im Saal frisch gewachst werden.

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Krobisch schwört ihr Team, die Kulturschaffenden und Kulturfreunde darauf ein zusammenzuhalten: „Nur miteinander sind wir stark. Geriet in den vergangenen 23 Jahren das Gefüge im Kulturzentrum ins Wanken, hat das Schiff immer wieder aus eigener Kraft Fahrt aufgenommen“, erinnert sie. Dennoch fühle sich die Ungewissheit gerade jetzt in der Passionszeit wie ein langer Kreuzweg an. „Und dieses Jahr wird die Auferstehung wohl etwas länger auf sich warten lassen.“

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