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„Stehen in Deutschland ohne Plan da“: Kommunen können Pflegebedarf nur schwer ermitteln

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Senioren-Tagespflege
Wertvolle Entlastung: Während Senioren in einer Tagespflege gut versorgt sind, können sich pflegende Angehörige um andere wichtige Dinge kümmern. © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Einen pflegebedürftigen Angehörigen zu Hause versorgen anstatt eine Unterbringung im Heim zu wählen – immer wieder entscheiden sich Menschen für diesen Weg. Wie können Kommunen dabei helfen?

Landkreis – Am Landratsamt Miesbach ist der Anfang dieses Jahres neu geschaffene Fachbereich Senioren „Ansprechpartner“ für Betroffene. Was die Mitarbeiter dort wissen: Pflegende Familienangehörige brauchen auch mal eine „Auszeit“, um Kraft schöpfen zu können. Die Aktion „Leser helfen Lesern“ möchte ihnen das ermöglichen (siehe Kasten).

Doch wie ist es in den Gemeinden vor Ort? Welche Möglichkeiten haben sie, für ihre Bürger die „Pflege zuhause“ zu erleichtern? Ein Stichpunkt ist dabei: den Pflegenden und Pflegebedürftigen eine Stimme geben. Liest man etwa den 2016 veröffentlichten Altenbericht der damaligen Bundesregierung, dann ergibt sich als zentrale Aufgabe für die Gemeinden, älteren und pflegebedürftigen Menschen Kanäle zu bieten, über die sie ihre Bedürfnisse äußern können.

Kommunen haben es nicht leicht

So gibt es in vielen Kommunen im Landkreis Seniorenbeauftragte. Doch die hätten es nicht unbedingt leicht, berichtet Holzkirchens Bürgermeister Christoph Schmid. Oft sei es schwer, an die Zielgruppe heranzukommen. „Die Menschen, oft alleinstehend, bleiben unter dem Radar. Sie schreien ja nicht danach, bespaßt zu werden“, sagt er. Ein Weg, der ihm parallel sehr wichtig ist: „Wir bleiben in Kontakt mit den Einrichtungen“, sagt Schmid. Man wolle hören, was die Bedürfnisse sind, wo Probleme bestehen.

Christoph Schmid, Bürgermeister von Holzkirchen.
Christoph Schmid, Bürgermeister von Holzkirchen. © Thomas Plettenberg

Tatsache ist: Viele Menschen wollen länger zu Hause bleiben, auch im Alter. Tagespflegen und ambulante Dienste werden deshalb immer wichtiger. Haushams Bürgermeister Jens Zangenfeind (FW) ist erfreut, dass in seiner Gemeinde in Bahnhofsnähe das „Haus der Gesundheit“ entsteht, wo unter anderem eine Tagespflege untergebracht ist. „Dies wird für unsere Bevölkerung ein großer Gewinn sein“, sagt Zangenfeind. Die Demografie bestätigt die zunehmende Bedeutung derartiger Einrichtungen.

Ein anderes Stichwort wird im Zusammenhang mit Pflege immer wieder genannt: bezahlbarer Wohnraum. Denn zu jeder Pflege gehören Fachkräfte, welche ambulante Dienste übernehmen. Aber: „Es ist schwer, bezahlbaren Wohnraum für das Pflegepersonal zu finden“, berichtet Schmid. Pflegekräfte seien oft schlecht bezahlt, und neuen Wohnraum gibt es nicht genug. Auch Zangenfeind betont die Notwendigkeit, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Man sei mit dem Landkreis in Kontakt, um für das Kreiskrankenhaus Agatharied ein Wohnbauprojekt zu verwirklichen. So könne ein wesentlicher Beitrag dazu geleistet werden, dringend benötigte Pflegekräfte zu finden, ist sich Zangenfeind sicher.

Konkreter Pflegebedarf schwer ermittelbar

Eine weitere Frage stellt sich: Können die Kommunen auch in eigener Initiative Pflegeplätze schaffen oder die Ansiedelung von Pflegeeinrichtungen unterstützen? Es ist nicht leicht, wie die Nachfragen zeigen. Zangenfeind berichtet von Gesprächen mit Trägern von Seniorenheimen, die sich aber gegen den Standort Hausham entschieden hätten. Von diesen Schwierigkeiten kann man auch in Holzkirchen ein Lied singen. Im Frühjahr hatte sich der Holzkirchner Gemeinderat dafür entschieden, nicht selbst eine Senioren-WG im neuen Wohnquartier am Valleyer Weg zu betreiben, sondern die Quest-AG, die das Quartier baut, mit der Suche nach einem Träger für die „Demenz-WG“ zu beauftragen (wir berichteten).

Jens Zangenfeind, Bürgermeister von Hausham.
Jens Zangenfeind, Bürgermeister von Hausham. © Thomas Plettenberg

Den Kommunalpolitikern sind in vielen Belangen die Hände gebunden. Für die Kommunen sei es schwer, den konkreten Pflegebedarf zu ermitteln und zu adressieren, sagt Schmid und gibt den Ball an die große Politik weiter: „Wir stehen in Deutschland ohne Plan da.“ Zangenfeind bemängelt zudem die Entlohnung im Pflegesektor: „Letztlich wird man es nur schaffen, mehr Menschen für die Pflegeberufe zu begeistern, wenn sich die Gesamtbedingungen verändern. Hierzu zählt natürlich die Vergütung und auch die Arbeitsbedingungen.“ (Von Andreas Wolkenstein und Christine Merk)

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