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Wo unser Fleisch herkommt: Trend zur Direktvermarktung – Kunden verlangen Regionalität

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Von: Marlene Kadach

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„Das ist der richtige Weg“: Leonhard Reischl betreibt neben seiner Landwirtschaft ein Schlachthaus in der Gemeinde Hausham.
„Das ist der richtige Weg“: Leonhard Reischl betreibt neben seiner Landwirtschaft ein Schlachthaus in der Gemeinde Hausham. Reich werde man damit nicht. Es gehöre schon ein Stück Idealismus dazu. © Thomas Plettenberg

Direktvermarktung, Fleisch aus dem Landkreis: Die Region bietet ideale Voraussetzung, um nachhaltig hergestelltes Fleisch zu kaufen. Wir zeigen, wo unser Fleisch herkommt.

Landkreis – Die Preisschlacht mit den Discountern „können die kleinen Metzgereien nicht gewinnen.“ Das erklärt Uli Hofherr, Vize-Obermeister bei der Metzgerinnung Miesbach-Bad Tölz-Wolfratshausen. Er führt selbst einen Betrieb in Königsdorf. Dort kostet ein Kilo gemischtes Hackfleisch 14,49 Euro. Bei einem Discounter ist es schon für 4,66 Euro zu haben. „Deshalb setzen immer mehr Betriebe auf das Alleinstellungsmerkmal Regionalität“, sagt Hofherr. So auch die rund zwölf Metzgereien im Landkreis Miesbach. Außerdem: „Immer mehr Kunden wollen wissen, woher das Fleisch kommt.“ Nicht erst seit dem jüngsten Corona-Fleischskandal bei Tönnies.

Direktvermarktung

Laut Stephanie Stiller, Managerin bei der Öko-Modellregion Miesbacher Oberland (ÖMR), gibt es etwa 1000 Direktvermarkter im Landkreis. Davon erzeugen gut 100 Fleisch, das sie am eigenen Hof verkaufen. Beim ÖMR-Projekt Miesbacher Weidefleisch machen 18 Landwirte mit. Neun davon sind bio-zertifiziert. Der Rest wirtschafte extensiv, erklärt Stiller. Dabei werden weniger Tiere gehalten. „In der Corona-Zeit ist die Zahl der Direktvermarkter, die mit uns zusammenarbeiten, gestiegen.“ Es wurde viel verkauft, die Rückmeldungen waren durchweg positiv. „Übrig blieb nie etwas.“

Zum einen liege das daran, dass die Verbraucher durch den Fleischskandal „aufgerüttelt wurden“. Und seitdem mehr darauf achten, dass sie regionales Fleisch kaufen. Während des Lockdowns mussten sie zudem zuhause essen, konnten nicht ins Restaurant. Privatleute würden mehr bei Direktvermarkter einkaufen als Gastronomen.

Andererseits sei es ein allgemeiner Trend, dass immer mehr Landwirte auf Direktvermarktung bei Fleisch umsteigen. Denn gerade kleine Betriebe könnten sich mit Milchviehwirtschaft nicht mehr über Wasser halten. Und wechseln in die Fleischerzeugung. Davon abgesehen gebe es einige Überzeugungstäter, die sich zum Beispiel in der Initiative Biokalb Oberland zusammengetan haben.

Schlachtung im Kreis

Laut Hofherr beziehen die meisten Metzgereien in der Region ihre Ware bei einem großen Schlachthof, etwa in München. „Sie können dabei aber Tiere aus dem Landkreis verlangen.“ Darüber hinaus gibt es laut Stiller im Landkreis unterschiedliche Arten der Schlachtung. Einige Metzger – zwei in Fischbachau, einer in Bayrischzell, einer in Kreuth sowie einer in Otterfing – schlachten noch selbst im Betrieb. Auch als Dienstleister für Direktvermarkter. Oft bekommen die Kunden dort also Fleisch aus der Nachbarschaft. Den Großteil mache Rindfleisch aus, einige Höfe bieten auch Lamm, Ziege, Huhn und Schwein an. Ferner gibt es zwei Schlachthäuser, eines in Irschenberg und eines in Hausham.

Letzteres betreibt Leonhard Reischl auf seinem Hof Heiß am Rain. „Ich habe meine Kapazitäten vor Kurzem erweitert“, erklärt der 34-Jährige. Das neue Kühlhaus bietet Platz für fünf Rinder. Reischl schlachtet nicht selbst, dafür hat er einen Metzger engagiert. Das Schlachthaus gebe es seit 30 Jahren, vor fünf Jahren übernahm Reischl den Hof von seinem Vater. „Die Kriterien wurden immer mehr verschärft.“ Früher hätten viele Bauern selbst geschlachtet. Doch vor allem die strengen EU-Richtlinien zwangen viele zum Aufhören. „Bei uns waren damals keine baulichen Veränderungen nötig.“ Also machte die Familie weiter. Reich werde man damit nicht. Bei jeder Schlachtung müsse das Veterinäramt zur Fleischbeschau vorbeikommen. Pro Rind kostet das laut Reischl gut 26 Euro. Diesen Aufwand sowie die Kosten für die Resteentsorgung trage der Betreiber, was gerade kleinere Schlachthäuser belaste und ihnen einen Wettbewerbsnachteil gegenüber der größeren Konkurrenz beschere. „Aber ich halte das trotzdem für den richtigen Weg.“ Ein bisschen Idealismus gehört da dazu.

„Die Kunden finden es gut, was wir machen.“ Aber: „Ich mache bewusst keine Vermarktung über Facebook“, erklärt Reischl. „Damit ich nicht von irgendwelchen Leuten im anonymen Internet angefeindet werde.“

Einen besonderen Service bietet Josef Killer an. Der Metzger aus Wall fährt mit einer mobilen Schlachtbox zu den Höfen. „Da spart man sich den Lebendtransport“, erklärt Stiller. Dieser wird von Tierschützern oft kritisiert. Das Tier werde vor Ort betäubt und geschlachtet. Dann bringt Killer es zu seinem Schlachthof in Wall, wo er es zerlegt, weiterverarbeitet und lagert. Diese Methode sei stressfrei für die Tiere und verbessere die Fleischqualität. Denn bei Stress schütte ein Tier Adrenalin aus. „Das merkt man dem Fleisch an.“

Die Idee eines zentralen Schlachthofs im Landkreis sei auf Eis gelegt worden, nachdem zu wenig Schlachtungen stattfinden, sagt Stiller. Falls mehr Landwirte umsteigen, gäbe es eine Chance.

Tipps für Verbraucher

„Der gute Verbraucher ist der, der beim Metzger nachfragt, woher das Fleisch kommt und was in der Wurst drin ist“, sagt Hofherr. Die Kunden sollen sich ruhig trauen, damit erhöhen sie zugleich die Rückverfolgbarkeit. Die Betriebe seien sogar dazu verpflichtet, bei Nachfrage Auskunft zu geben. Anhand von Ohrmarken und Co. würden sie stets wissen, woher das Tier stammt, wie es transportiert und wo es geschlachtet wurde. Seit Kurzem sei es Metzgern wieder erlaubt, an der Theke die Herkunft anzupreisen. Hofherr: „Wir sind dankbar dafür.“

Bleibt die Herkunft trotzdem unbekannt, lohne es sich, bio-zertifiziertes Fleisch zu kaufen, vor allem bei Rind und Schwein, rät Stiller. „Da ist man auf der sicheren Seite, was Haltung und Schlachtung betrifft.“ Hier könne man sich auf EU-weite Standards verlassen. Eigene Labels, die Discounter anbieten, seien hingegen mit Vorsicht zu genießen. „Das ist oft Verbrauchertäuschung.“

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