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Wolfgang Rzehak Landrat Landkreis Miesbach
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Der Umzugskarton steht schon bereit: Wolfgang Rzehak im Landratsbüro. Zum 30. April muss er nach sechs Jahren seinen Stuhl räumen.

„Ich bin mir treu geblieben“

Wolfgang Rzehak über das Amt des Landrats, große Krisen und seine Zukunft

  • Stephen Hank
    vonStephen Hank
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Seine Wahl vor sechs Jahren war eine Sensation. Zum 1. Mai scheidet Wolfgang Rzehak aus dem Amt des Landrats. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht der Gmunder Bilanz.

Landkreis – Seine Wahl vor sechs Jahren war eine Sensation. Als erster Grüner wurde Wolfgang Rzehak an die Spitze eines oberbayerischen Landkreises gewählt – und das ausgerechnet im von den Christsozialen dominierten Landkreis Miesbach. Die Verfehlungen seines Vorgängers Jakob Kreidl (CSU) hatten es möglich gemacht. Zum 1. Mai muss der heute 52-Jährige das Büro wieder räumen. Mit nur 34,6 Prozent der Stimmen war er in der Stichwahl gegen seinen Herausforderer Olaf von Löwis (CSU) deutlich unterlegen. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht der Gmunder Bilanz.

Unser Bericht zu Wolfgang Rzehaks letzter Sitzung als Landrat: Corona: Landkreis gibt 2,5 Millionen Euro für Schutzausrüstung frei

Wolfgang Rzehak über das Amt des Landrats, große Krisen und seine Zukunft

Herr Rzehak, wie geht es Ihnen, so kurz vor dem Ausscheiden als Landrat?

Ich bin nicht glücklich, dass ich abgewählt wurde, aber es ist auch kein Weltuntergang. Ich bin mir treu geblieben und kann erhobenen Hauptes gehen.

Wie sehr überlagert die Corona-Krise diese letzten Tage im Amt?

Es ist eine skurrile Situation, weil man sich von vielen Leuten nicht verabschieden kann. Das geht aber auch anderen so. Es ist für alle schwierig.

In unserem Interview zur Halbzeit vor drei Jahren haben Sie über Ihre Wiederwahl-Chancen gesagt: „Es wird nicht daran liegen, wer die Gegenkandidaten sind, sondern wie ich durch meine Arbeit und Nähe zum Bürger überzeugen kann.“ Waren Sie demzufolge nicht überzeugend genug?

Wenn man abgewählt wird, liegt das immer an der Person. Genauso, wenn man gewählt wird. Ich bin 2014 in einer Ausnahmesituation ins Amt gekommen. Mein damaliges Potenzial von 18 000 Wählerstimmen habe ich auch diesmal wieder voll ausgeschöpft. Wegen der höheren Wahlbeteiligung hat es aber nicht gereicht. Miesbach ist ein konservativer Landkreis. Das war es aber nicht allein, dafür war der Unterschied zu deutlich. Ich habe viel angestoßen, bin aber auch viel angeeckt mit meiner ruhigen Art. Inszenieren ist nicht meine Art. Bei vielen ist das gut ankommen, bei anderen nicht.

Was meinen Sie konkret?

Die Angriffe in Sachen Wasserschutzzone waren nicht gerechtfertigt und auch nicht fair. Und auch der Wahlkampf war nicht fair. Das war aber nicht anders zu erwarten. Für die CSU musste unbedingt ein Erfolg her, sie hat unheimlich viel Geld in diesen Wahlkampf gesteckt. Und natürlich steckt da ein ganz anderer Apparat dahinter.

Ebenfalls interessant:  Alle Namen und Fraktionen: Der neue Kreistag Miesbach im Überblick

Welche Spuren hat der grüne Landrat im Landkreis hinterlassen?

Unter meiner Führung haben wir Fortschritte beim Schuldenabbau, beim Nahverkehr, im Landschaftsschutz, im Klimaschutz und bei der Förderschule gemacht. Vor allem aber bei der politischen Hygiene. 2014 hatten wir hier einen Scherbenhaufen, ich habe da unheimlich viel aufgeräumt. Mit der größte Erfolg ist, dass die Mitarbeiter des Landratsamts und der Kreissparkasse wieder stolz sind, dort zu arbeiten. Ich habe gezeigt, dass es auch anders geht – ohne Filz und ohne Skandale. Viele Seilschaften im Hintergrund bestehen aber leider immer noch.

Zum Beispiel?

Wenn reiche Unternehmer Wahlanzeigen für einen Bewerber schalten, was ist denn das für ein Signal? Ich hoffe nicht, dass es da Abhängigkeiten gibt. Wenn ich aber merke, dass sich da was entwickelt, werde ich als Kreisrat den Finger in die Wunde legen. Wer aufgeräumt hat, hat auch die Verpflichtung, dass er aufpasst, dass so etwas nicht wieder passiert.

Derzeit ist Corona das bestimmende Thema. Was war in Ihrer Amtszeit die größte Herausforderung?

Von Anfang an hat es eigentlich lauter Krisen gegeben: Kreidl, Asyl, Schneechaos und jetzt Corona. Ich glaube, ich habe es nicht schlecht gemacht und den Landkreis mit ruhiger Hand geführt.

Welche Krise war die herausforderndste?

In der jeweiligen Situation ist jede Krise die schlimmste. Da ist es wichtig, eine gute Verwaltung zu haben. Als Landrat ist man gut beraten, bei der Bewältigung einer Krise mitzuhelfen und ansonsten der Verwaltung den Rücken zu stärken und nicht reinzupfuschen. Politiker haben ja oft das Bedürfnis, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Eine Führungspersönlichkeit zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie auch anderen mal einen Erfolg gönnt.

Apropos Führung: Sie stehen an der Spitze einer Behörde von rund 400 Mitarbeitern. Das ist zum Monatsende vorbei. Wie geht es mit Wolfgang Rzehak beruflich weiter?

Ich habe ein Rückkehrrecht zur Stadt München. Momentan ist in der Klärung, was ich künftig mache. Voraussichtlich werde ich wieder beim Kreisverwaltungsreferat arbeiten.

Eine ziemliche Umstellung.

Zweifellos. Für mich und auch für meine Kollegen dort. Es wird nicht mehr so sein wie früher. Aber ich habe da keine Bedenken. Das Schöne ist, dass ich nicht mehr so ferngesteuert und fremdbestimmt bin wie in den vergangenen Jahren. Nicht falsch verstehen: Mir hat das Amt sehr viel Freude gemacht.

Und Sie auch physisch und mental gefordert, wie Sie vor zweieinhalb Jahren im Interview zu Ihrem 50. Geburtstag verraten haben.

Ein Politiker wäre unehrlich, wenn er die Belastung nicht zugeben würde. Man arbeitet 60 bis 80 Stunden pro Woche, man sieht sich Angriffen ausgesetzt, das schlaucht schon. Aber es war eine spannende Zeit. Man erlebt in sechs Jahren komprimiert, was andere in 30 Jahren nicht erleben. Ich habe viel an Lebenserfahrung gewonnen.

Die Sie jetzt weiter auch im Kreistag einbringen wollen. Werden Sie bei der konstituierenden Sitzung am 13. Mai gar als stellvertretender Landrat kandidieren? Am Wahlabend hatten Sie ja angemerkt, dass das Amt den Grünen als zweitstärkster Fraktion zustehen würde.

Wenn man selber Landrat war, wird man nicht Vizelandrat. Ich strebe auch nicht den Fraktionsvorsitz an, sondern werde als einfacher Kreisrat konstruktiv und kritisch mitarbeiten. Für beide Posten haben wir in der Fraktion mehrere geeignete Personen. CSU und FWG sollten jetzt nicht den Fehler machen und ihre Mehrheit ausnützen, sondern das gute Wahlergebnis der Grünen bei der Abstimmung über den Posten des Vizelandrats auch berücksichtigen.

Kommt für Sie ein Parteiamt infrage?

Bislang gab es noch keine Anfrage von den Grünen. Ich schließe aber nicht aus, dass ich mich überregional engagiere. Derzeit ist durch Corona aber ein Vakuum entstanden, wir müssen jetzt erst mal diese Krise überstehen. Vor allem müssen wir schauen, dass durch die einschneidenden Beschränkungen die Demokratie keinen größeren Schaden nimmt. Das ist eine Herausforderung für alle Parteien.

Wie sieht’s mit anderen Ehrenämtern aus, beispielsweise bei Ihrem Lieblingsverein TEV Miesbach?

Zunächst nicht. Ich muss jetzt erst mal an mich denken. In nächster Zeit will ich vor allem für meine Familie da sein. Auch das ist ein großer Erfolg meiner Amtszeit: dass ich trotz der Belastung immer noch mit meiner Frau zusammen bin (lacht).

Was würden Sie als Ihre größte Niederlage bezeichnen?

An eine politische Niederlage kann ich mich nicht erinnern. Ich kann Olaf von Löwis den Landkreis in einem guten Zustand übergeben. Ich verspüre aber eine persönliche Enttäuschung über Menschen, die sich in dieser Zeit verändert und mich angegangen haben. Das Scheitern des Erörterungsverfahrens zur Wasserschutzzone sehe ich nicht als Niederlage für mich, sondern für das, was staatliches Handeln ausdrücken soll. Ich bin gespannt, wie der neue Landrat mit der Sache umgehen wird. Da hat er ja viel versprochen. Es wird spannend, wie er aus dieser Nummer rauskommt. Einst hat man die Wasserschutzzone ja auch ausgewiesen, um während der Cholera-Epidemie sauberes Trinkwasser für München zu haben. Ich glaube nicht, dass gerade in Corona-Zeiten wegen ein paar betroffener Landwirte die Bereitschaft besteht, davon abzurücken.

Wie lief und läuft die Amtsübergabe mit Ihrem Nachfolger?

Wir hatten ein paar Mal Kontakt, eine Übergabe hat es bislang aber noch nicht gegeben. Ich möchte mich aber auch gar nicht aufdrängen oder einmischen. Es ist schwierig, wenn der Alte dem Neuen seinen Stempel aufdrücken möchte. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Ich stehe bei Rückfragen immer zur Verfügung, aber ungebetene Ratschläge sind mehr Schläge als Rat.

Und wenn er nun um einen Ratschlag bitten würde?

Ich würde ihm raten, nicht auf Einflüsterer zu hören. Es wird Leute geben, die unter dem Deckmäntelchen des öffentlichen Interesses auf ihn zukommen, aber damit letztlich nur ihre persönlichen Ziele verfolgen. Er sollte gegenüber den Bürgermeistern auch selbstbewusst und unabhängig auftreten. Ihm muss bewusst sein, dass er jetzt eine andere Rolle hat.

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