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Sind um Sachlichkeit bemüht: (v.l.) IHK-Chefvolkswirt Robert Obermeier, IHK-Regionalausschuss-Vorsitzende Petra Reindl und Wolfgang C. Janhsen, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Rosenheim.

Industrie und Gewerbe belegen nur 0,3 Prozent im Landkreis

Zahlen statt Emotionen: IHK wehrt sich gegen Flächenfraß-Vorwurf

Wenn sich ein Unternehmen vergrößern will, ist heutzutage schnell von Flächenfraß die Rede. Doch wie sieht es im Landkreis wirklich aus? Die IHK hat jetzt Zahlen vorgelegt.

Landkreis – Manchmal lohnt sich einfach ein Blick aus dem Fenster. „Gras, Büsche und ein paar Bäume“, sagt Wolfgang C. Janhsen, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Rosenheim, und deutet auf die große Wiese auf dem Grundstück der Sixtus Werke in Hausham. Und damit keine versiegelte Fläche, wie es die Einstufung als Gewerbegebiet eigentlich vermuten lässt.

Für die Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Miesbach Petra Reindl nur ein Beispiel, wie sehr sich subjektive Wahrnehmung von der Realität unterscheiden kann. Reindls Fazit ist klar: Vom viel zitierten Flächenfraß könne im Landkreis keine Rede sein. „Wir sind eine der grünsten Regionen in ganz Bayern“, sagte die Sixtus-Geschäftsführerin nun bei einem Pressegespräch in ihren Unternehmen.

Um diese These mit Fakten zu untermauern, hat die IHK die Daten des Landesamts für Statistik ausgewertet. Demnach sind nur 7,4 Prozent des Landkreises als Siedlungs- und Verkehrsflächen ausgewiesen (Stand 31. Dezember 2016). Der Rest sind Wälder, Wiesen, Flüsse und Gebirge. Der Anteil von Industrie und Gewerbe betrug sogar nur 0,3 Prozent – und hat sich seit 2011 nicht erhöht. Bei Handel und Dienstleistungen sind es sogar nur 0,2 Prozent. Immerhin 2,6 Prozent entfallen auf den Verkehr, 2,4 Prozent auf Wohnnutzung. „Die Wirtschaft im Landkreis geht sorgsam und effizient mit der Ressource Boden um“, folgert Reindl aus den Zahlen.

Bayernweit würden Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen rund 71 000 Hektar beanspruchen, fügt IHK-Chefvolkswirt Robert Obermeier hinzu. Das sei nur wenig mehr als die Fläche von München, Augsburg und Nürnberg. Zwischen 2011 und 2015 sei die Fläche für Industrie und Gewerbe nur um rund 290 Hektar gewachsen – weniger als die Hälfte der Insel Herrenchiemsee. Ein ehrliches Bild über die tatsächliche Versiegelung von Flächen könne man ohnehin nur über Luftaufnahmen gewinnen, betont Obermeier. Denn nicht die gesamte Siedlungs- und Verkehrsfläche sei tatsächlich zubetoniert. „Da sind auch Friedhöfe, Vorgärten und Golfplätze mit eingerechnet“, sagt Obermeier.

Nicht zuletzt angesichts dieser Zahlen lehnt die IHK eine Obergrenze für kommunale Flächenausweisung strikt ab. „Damit würden die unterschiedlichen Nutzungsarten wie Wohnen, Freizeit und Gewerbe unnötig gegeneinander ausgespielt“, erklärt Reindl. Immobilien- und Mietpreise würden durch eine Verknappung weiter steigen – und damit den Fachkräftemangel verschärfen. Denn auch Mitarbeiter müssten irgendwo wohnen.

Statt Konflikte durch „populistische Aussagen“ zu schüren, müsse man alle Interessen sorgfältig gegeneinander abwägen, finden die IHK-Vertreter. Beispielsweise über einen gemeindeübergreifendes Flächenmanagement. „Nicht jede Kommune ist ideal geschnitten für ein Gewerbegebiet“, erklärt Janhsen. Setze man sich aber an einen Tisch, könne jeder etwas mit einbringen. So brauche es ja auch Flächen für Wohnbebauung oder für die Verkehrserschließung. Den Kampf um die Gewerbesteuer könne man durch vertragliche Regelungen vermeiden. „Das ist alles lösbar“, sagt Janhsen, der bereits zwei Modellprojekte im Landkreis Rosenheim begleitet hat.

Doch auch im Kreis Miesbach ist ein Druck für weitere Gewerbeflächen vorhanden. Zwischen 2011 und 2015 ist das „sofortige Ansiedlungspotenzial“ (Erwerb und Baurecht binnen einen Jahres) um fast 65 Prozent gesunken, berichtet Reindl. Aktuell stünde im gesamten Landkreis kein Gewerbegebiet von kommunaler Seite zur Verfügung. Gleichzeitig würde laut IHK-Standortumfrage die Hälfte der befragten Unternehmen gerne weiter wachsen, ergänzt Janhsen. „Wenn sie vor Ort nichts finden, ziehen sie woanders hin.“

Die Angst vor der Ansiedlung von Riesenfirmen aus anderen Regionen sei übrigens unbegründet, meint Obermeier. 80 Prozent der Interessenten für kommunale Flächen würden aus der unmittelbaren Nachbarschaft stammen. „Das ist ein solides Unternehmertum, das sich erweitern will“, sagt Reindl. Der Erhalt einer intakten Natur liege dabei im ureigensten Interesse der Firmen, betont die Sixtus-Chefin. „Das ist ein wichtiger Standortfaktor.“

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