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Eine echte Pionierleistung: Georg Hahn (r.), Koordinator der Initiative Zivilcourage Miesbach, schlägt 2008 die Pflöcke für das erste Schild des Bündnisses gegen Agrogentechnik am Irschenberg in die Erde. Neben (vorne v.l.) Peter Hinterseher und Heinrich Schwabenbauer sind noch viele weitere Unterstützer gekommen.

Zehn Jahre Zivilcourage Miesbach

Gesunde Lebensmittel: Warum der Kampf noch nicht zu Ende ist

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Seit zehn Jahren kämpfen 30 Gruppen für saubere Lebensmittel im Landkreis Miesbach. Zum Jubiläum erklärt Zivilcourage-Sprecherin Anneliese Blümel, warum der Kampf noch nicht vorbei ist.

Landkreis – Jeder hat sie schon einmal gesehen: Die grünen Schilder an Weiden und Ställen, die auf einen agro-gentechnik-freien Landkreis hinweisen. Aufgestellt hat sie einst die Initiative Zivilcourage Miesbach, die sich seit mittlerweile zehn Jahren gegen „jegliche Patente auf Leben“ einsetzt. Mehr als 30 Vereine, Verbände und Organisationen haben sich dem Bündnis angeschlossen. Am morgigen Donnerstag steigt ab 17 Uhr die große Jubiläumsfeier im Festzelt in Niklasreuth. Warum die Zivilcourage Miesbach heute noch genauso gebraucht wird wie vor zehn Jahren, verrät Sprecherin Anneliese Blümel (65) aus Neuhaus im Interview.

Frau Blümel, der Landkreis Miesbach ist Modellregion für Öko und Naturtourismus. Der Kreistag hat Gentechnik abgelehnt und seit Kurzem auch Glyphosat. Hat die Initiative Zivilcourage überhaupt noch etwas zu tun?

Blümel: Aber selbstverständlich. Die genannten Punkte sind wichtige Meilensteine gewesen, die ohne unser Bündnis wohl nicht erreicht worden wären. Zurücklehnen können wir uns deshalb nicht. All die Absichtserklärungen müssen erst umgesetzt werden. Das begleiten wir, zusammen mit Verbrauchern, Landwirten und den anderen Initiativen. Wir beobachten aber auch die überregionale Politik. Und wir reagieren, wenn beispielsweise auf Druck von Lobbyisten Entscheidungen getroffen werden, die zwar den Interessen der Konzerne, nicht jedoch dem Gemeinwohl und dem Erhalt der Lebensgrundlagen dienen.

Trotzdem haben sich Ihre Themen über die Jahre verändert, oder?

Blümel: Das mag sein. Unser Themenbereich ist ja sehr komplex. Der Kerngedanke ist aber immer noch der gleiche: Wir setzen uns dafür ein, die Schöpfung und die Natur zu erhalten – und damit die bäuerliche Landwirtschaft. Die Risiken der Grünen Gentechnik und die drohende Abhängigkeit von Großkonzernen haben vor zehn Jahren den Stein nur ins Rollen gebracht.

Sie meinen die Diskussion um den Genmais?

Blümel: Genau. Damals wurde den Bauern erzählt, dass man Genmais nicht spritzen muss und er die Arbeit erleichtert. Dass er aber selbst Giftstoffe produziert, die sich negativ auf den Boden, die Artenvielfalt und die Gesundheit von Mensch, Pflanze und Tier auswirken, wurde lange verschwiegen – auch von der Politik. Das war eine heiße Zeit, aber die Miesbacher Landwirte sind früh aufgewacht. Sie haben freiwillige Selbstverpflichtungserklärungen abgegeben, dass sie auf den Einsatz genmanipulierter Organismen verzichten. Daraus hat sich dann unsere Initiative entwickelt. Nicht nur Bauern und Verbraucher, sondern auch Naturschutzverbände, kirchliche und andere Gruppen haben sich angeschlossen. Eine breite, gesellschaftliche Bewegung ist entstanden...

...die dann letztlich auch die Politik erfasst hat.

Blümel: Der Kreistags-Beschluss 2009 war unser erster großer Erfolg, der sogar überregionale Wirkung gezeigt hat. Auf diesen Zug ist auch die Staatsregierung aufgesprungen. Die Auszeichnung des Landkreises Miesbach als gentechnikanbaufreie Kommune war ein deutliches Zeichen. Diesen Schwung haben wir mitgenommen und uns auch auf komplexe Themen wie die Freihandelsabkommen TTIP und CETA gestürzt.

Warum?

Blümel: Weil sie Nachteile für die bäuerliche Landwirtschaft, den Umwelt- und den Verbraucherschutz bringen. Auch hier ist es uns gelungen, mit einer Podiumsdiskussion 2014 im Miesbacher Bräuwirt viele Bürger zu mobilisieren. Der Saal war wirklich brechend voll. Dass auch der Kreistags-Beschluss „Glyphosatfreier Landkreis Miesbach“ auf unsere Initiative zurückgeht, ist dagegen leider ein bisschen untergegangen in der Öffentlichkeit.

Weil es der Landrat als seinen Erfolg verkauft hat?

Blümel: Nein, damit hatte es nichts zu tun. Wir sind auch froh und dankbar, dass Herr Rzehak den Punkt auf die Tagesordnung gebracht hat. Wir als Zivilcourage Miesbach haben dafür im Vorfeld die Idee kommuniziert sowie alle Fraktionssprecher angeschrieben. Das einstimmige Votum hat gezeigt, dass wir Erfolg hatten. Und wir haben einmal mehr erfahren, dass es ohne Dialog und Aufklärungsarbeit nicht geht.

Wobei man manchmal den Eindruck hat, dass der Verbraucher eher wieder etwas träger geworden ist.

Blümel: Das erleben wir anders. Die Nachfrage nach regionalen, rückstandsfreien und tierwohlgerechten Produkten steigt. Weil jedoch vieles von der großen Politik beschlossen wird, hat man manchmal das Gefühl, dass eh schon alles abgekartet ist und Widerstand nichts bringt. Das Gegenteil ist der Fall: Wir können das sehr wohl beeinflussen, wenn wir gezielt einkaufen, uns an Petitionen und Aktionen beteiligen und die Umsetzung unserer Forderungen von den Volksvertretern einfordern. Auch dafür wird die Arbeit der Zivilcourage weiter gebraucht.

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