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Beim Zuchtviehmarkt in der Miesbacher Oberlandhalle wird das Fleckvieh den Käufern vorgeführt. Diese Kuh geht brav mit ihrem Züchter mit. Das ist nicht bei allen Rindern so.

19.800 Euro für Stier „Wennwilli“

Züchter bis aus Holland: Die besten Gene gibt‘s in Miesbach

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Fleckvieh-Züchter bis aus den Niederlanden kommen nach Miesbach, um dort Rinder einzukaufen. Was aber ist das Besondere an dem Viehmarkt und wie hat er sich über die Jahre verändert? Ein Besuch zum Jubiläum.

Miesbach – Die vier Spitzen-Stiere werden in den Ring geführt, die Ränge in der Miesbacher Oberlandhalle füllen sich. Zuchtleiter Franz Gasteiger beschreibt einen Nachkomme der berühmten Fiona-Linie und präsentiert einen Humpert-Sohn, von dem im vergangenen Jahr die meisten Besamungen stammten. Der Jungbulle mit der Nummer zehn ist es aber, der sie alle aussticht. Er wird später beim 800. Zuchtviehmarkt den Höchstpreis erzielen. Kein Wunder bei seinen Genen.

14 Zuchtviehmärkte finden jedes Jahr in der Oberlandhalle statt. „Durch unser Grünland haben wir immer viel Jungvieh, das verkauft wird“, sagt Gasteiger. Zwar gibt es in Bayern noch zehn andere Marktorte. Doch in Miesbach gibt es die größte Auswahl. Das zieht auch Käufer an, die nicht aus der Region kommen. Etwa ein Drittel des oberbayerischen Alpenfleckvieh bleibt in der Region, ein Drittel geht ins übrige Bayern und der Rest nach Südtirol, Österreich, die Niederlande und Belgien. Gasteiger sagt: „Schon beim Hallenbau war unser Argument: Miesbach ist durch den Zuchtverband weltweit bekannt.“

Als es um die Versteigerung von Stier Nummer zehn geht – einen Name bekommt er erst vom neuen Besitzer – hebt Andrea Weismeier in Reihe vier immer wieder die Hand. Sie schaut sich nach ihrem Mitbieter um, irgendwann ist sie allein. Für stolze 19 800 Euro gehört der Jungbulle, der ein Urenkel des bekannten Manitoba ist, nun dem Besamungsverein Neustadt an der Aisch. „Einer von uns ist meistens hier beim Zuchtmarkt“, sagt Weismeier. Immerhin ist der Verein 250 Kilometer entfernt.

Züchter Auke van Knapen kommt seit sechs Jahren nach Miesbach

Wie weit wäre Weismeier mit ihrem Gebot für den Jungbullen, den sie nun Wennwilli taufen, nach oben gegangen? Weismeier lächelt. Das verrät beim Viehmarkt niemand. Dass aber noch deutlich mehr gezahlt wird als die knapp 20 000 Euro zeigt die Vergangenheit: Der teuerste Stier wechselte für 96 000 Euro den Besitzer. Gasteiger lacht. „Das war war aber eine einmalige Summe.“

Ein Käufer, der noch weiter anreist, ist Auke van Knapen. Der Niederländer sitzt in der ersten Reihe der Tribüne, viele Zettel liegen vor ihm. Er hat zuhause einen eigenen Zuchtbetrieb und kommt beinahe zu jedem Markt nach Miesbach. Einen Bulle und drei Kühe hat er schon ersteigert. Am Ende des Marktes werden es mehr als 20 Rinder sein. „Hier hat es immer eine hohe Stückzahl“, erklärt er, warum er die knapp 1000-Kilometer-Reise auf sich nimmt. Seit sechs Jahren fährt er nach Miesbach, meist mit einem Kollegen. „Die Tiere hier sind durch das Wetter und die Berge stärker.“

Beim 800. Zuchtviehmarkt erhielten langjährige Viehkäufer einen Präsentkorb für ihre Treue. Diese überreichten (v.r.) Verbandsvorsitzender Balthasar Biechl und Zuchtleiter Franz Gasteiger. Andrea Weismeier ersteigerte an diesem Tag den teuersten Stier. Die weiteste Anreise hat Auke van Knapen (stehend 7.v.l.) aus Holland.

Ein lauter Knall im Ring. Die Kuh mit der 159 auf dem Rücken kracht gegen die Bande, die Zuschauer springen erschrocken zur Seite. Die Jungkuh will nicht so wie ihr Züchter. „Das wirkt sich schon negativ auf den Käufer aus, wenn sich die Tiere nicht führen lassen“, gibt Gasteiger zu. Auf anderen Märkten würden die Tiere oft nicht geführt sondern dürften frei im Ring laufen. „Bei uns ist das schon ein Aufwand, bis die Tiere hergerichtet und führig gemacht sind.“ Ab sofort können Züchter selbst entscheiden, ob sie die Tiere führen oder im Ring laufen lassen.

Zuchtleiter Gasteiger: „Früher waren große Euter beliebt“

Seit den Anfängen des Zuchtverbands im Jahre 1892 hat sich gerade beim Viehmarkt viel geändert. Zu Beginn wurden die Märkte an der Schlierach, dort wo heute das Eisstadion ist, unter freiem Himmel abgehalten. Erst 1910 baute der Zuchtverband eine Halle. Bis vor 25 Jahren gab es statt wie heute 14 lediglich sechs Märkte im Jahr. „Die gingen über zwei Tage“, sagt Gasteiger. Der ehemalige Amtstierarzt aus Irschenberg ist seit zehn Jahren Zuchtleiter, er ist auch für Weilheim und Traunstein zuständig.

Was macht eigentlich ein Zuchtleiter? Gasteiger besucht die Betriebe und bewertet das Fleckvieh. Dafür gibt es spezielle Kriterien. „Ich mache Paarungsvorschläge“, erklärt Gasteiger. Angenommen: Eine Kuh ist beinahe perfekt, nur das Euter könnte etwas besser sein. „Die kann man dann mit einem Stier paaren, der gute Euter vererbt.“ So einfach ist das. Daran halten muss sich der Landwirt natürlich nicht, es ist eben nur ein Vorschlag.

Seine Bewertung gibt Gasteiger an die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Grub weiter. Dort wird der Zuchtwert berechnet. „Der ist jetzt das Kriterium, früher ging es nur um die Abstammung. Auch sonst haben sich die Vorlieben geändert. Bio-Kühe sind total gefragt, und solche, mit einem straffen Euter. „Früher waren große Euter beliebt“, erinnert sich Gasteiger. „Der Trugschluss war, dass mehr Milch Platz hat.“ Heute ist wichtig, dass das Euter klein und straff ist. Groß wird es mit der Zeit von selbst.

Online-Märkte konnten sich bei Züchtern nicht durchsetzen

Heute, das ist auch in Zeiten von Amazon und Ebay. In Zeiten des Online-Handels. Während im Ring eine Kuh nach der anderen vorgeführt wird, sitzt Gasteiger auf der Tribüne und nickt. „Wir hatten tatsächlich mal die Bestrebung, das online zu machen.“ Das sei aber kläglich gescheitert und zwar schlichtweg an der Realität. „Ein Landwirt will doch nicht sozusagen die Kuh im Sack kaufen.“ Sehen und anfassen gehört bei einem Markt dazu. Online kann das nicht bieten, deshalb gibt es den Zuchtmarkt schon zum 800. Mal. Wobei: wohl eher schon öfter. Begonnen zu zählen wurde nämlich erst zur Nazi-Zeit.

Etwa eine Stunde vor der Versteigerung: Durch die Stallreihen tönt lautes Muhen. Einige der Rinder haben sich hingelegt. Die meisten stehen einfach da und warten. Worauf, wissen die Zuchttiere vermutlich nicht. Potenzielle Käufer laufen durch die Reihen, suchen zu den Nummern der Rinder die passenden Angaben im Heft. Angaben zu Haltung, Herkunft und alles, was einen Züchter interessiert. Später bei der Auktion müssen sie sich dann entscheiden, was ihnen das Tier wert ist. Dabei kommt es nicht nur auf äußere Werte an. Was zählt, sind vor allem die Gene.

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