Rät zur Achtsamkeit: Die neuen Lint-Züge der Bayerischen Regiobahn (BRB, oben) können laut Psychologin Kathrin Schrader (l.) auch deswegen besonders lärmend wirken, weil ihre Töne ungewohnt sind. Zuggeräusche überlisten unsere Wahrnehmung und können lauter wirken, als sie sind. Trotzdem können sie massive Gesundheitsprobleme verursachen. Für Betroffene hat Schrader Tipps, um Ruhe zu finden.
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Rät zur Achtsamkeit: Die neuen Lint-Züge der Bayerischen Regiobahn (BRB, oben) können laut Psychologin Kathrin Schrader (l.) auch deswegen besonders lärmend wirken, weil ihre Töne ungewohnt sind. Zuggeräusche überlisten unsere Wahrnehmung und können lauter wirken, als sie sind. Trotzdem können sie massive Gesundheitsprobleme verursachen. Für Betroffene hat Schrader Tipps, um Ruhe zu finden.

„Zuglärm-Leiden lassen sich mindern“

Interview: Psychologin über Lint-Proteste, selektive Wahrnehmung und Anti-Lärm-Tipps

  • Christian Masengarb
    vonChristian Masengarb
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Die Lint-Züge der BRB spalten die Meinungen. Warum Kritiker und Befürworter beide Recht haben können, erklärt eine Psychologin im Interview. Für Betroffene hat sie Tipps.

Agatharied – Während sich Anwohner aus Fischbachau über das laute Pfeifen der neuen Lint-Züge beschweren, sagt die Bayerische Regiobahn (BRB), die neuen Züge seien genauso laut wie die alten. Auch bei den Debatten um Kurven-Quietschen und Einstiegshöhen meinen die einen, alles sei viel schlimmer, andere finden es wie früher oder besser. Mit der Leitenden Psychologin Kathrin Schrader (38) von der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Agatharied haben wir darüber gesprochen, warum beide Aussagen wahr sein können und wie Zuglärm Anwohner beeinflusst.

Frau Schrader, Anwohner beschweren sich über das laute Pfeifen der neuen Lint-Züge. Die BRB sagt, sie pfeifen genauso laut wie die alten. Wer ist im Unrecht?

Möglicherweise niemand. Das hat mit dem Thema Lärm zu tun. Lärm muss nicht laut sein; und nicht alles, was laut ist, ist Lärm. Ein tropfender Wasserhahn kann nerven, obwohl uns laute Musik auf einem Konzert nicht stört. Die Frequenz, die Dauer, die Art des Tons – das alles entscheidet, ob wir Töne als Lärm wahrnehmen. Auch psychologische Faktoren spielen eine große Rolle.

Kathrin Schrader, Psychologische Psychotherapeutin und Leitende Psychologin der kbo-LMK-Agatharied

Nerven Zuggeräusche besonders?

Zuggeräusche sind aus vielen Gründen ungünstig für unsere Wahrnehmung. Großen Einfluss auf unser Lärmempfinden hat die Vermeidbarkeit. Ein Gewitter ist unvermeidbar, also stört es uns weniger. Der Umstieg auf andere Züge wäre aber in der unmittelbaren Wahrnehmung der Betroffenen vermeidbar gewesen oder hätte anders ablaufen können. Also nerven sie damit verbundene Geräusche besonders stark.

Auch, weil sie neu sind?

Ja. Der Mensch passt sich Reizen an. Das Bild über dem Sofa sehen wir irgendwann gar nicht mehr. Auch Töne blenden wir aus. Das schützt vor Reizüberflutung. Würden wir ständig alles wahrnehmen, wäre unser Gehirn überfordert. Pfeift oder quietscht der neue Zug anders, wirkt er auf uns lauter und störender als der alte – auch wenn er rein physikalisch gleich laut ist.

Waren vielleicht auch einfach die Erwartungen an die neuen Züge zu hoch?

Das kann sein. Wenn Menschen hohe Erwartungen hatten, schauen sie anders hin. Wie verhalten sich andere Menschen, wie Unternehmen? Solche sozialen Bewertungen sind wichtig, können aber auch dazu führen, dass wir bei Enttäuschungen negative Informationen selektiv herausfiltern und in eine Art Schwarz-Weiß-Denken abrutschen. Schlimmstenfalls gerate ich in einen Teufelskreis: Ich nehme den Reiz wahr, ärgere mich und nehme ihn deswegen noch mehr wahr. Das kann gefährlich werden, weil wir so unser Lärmempfinden verstärken.

Wie gefährlich ist Lärm?

Lärm ist ein riesiges Problem. Er kann zu Bluthochdruck und Verdauungsproblemen führen, auch zu psychischen Schwierigkeiten wie Stress, Schlaflosigkeit und Aggressivität, schlimmstenfalls zu Depressionen.

Was beeinflusst unser Lärmempfinden noch?

Da gibt es viele Faktoren. Wer am Flughafen lebt, den nervt der Fluglärm weniger, wenn er auch am Flughafen arbeitet. Auch der Zug stört mehr, wenn ich selbst nicht mit dem Zug fahre und nicht von den Ausflüglern profitiere. Entscheidend ist auch der Unterschied zur eigenen Aktivität: Wenn ich selbst Motorrad fahre, stört mich der Auspufflärm weniger, als wenn ich mich gerade im Garten ausruhe. Wenn ich schlafen will, aber der Zug pfeift, ist der Unterschied am größten.

Das Leiden der Betroffenen kann also auch echt sein, wenn die Züge nicht lauter geworden sind?

Genau. Es kommt auf den empfundenen Lärm an. Der lässt sich nicht allein durch physikalische Eigenschaften beschreiben, sondern hängt von vielen psychologischen Faktoren ab. Aber Betroffene spüren ihn immer.

Nun werden das Pfeifen an Bahnübergängen und das Gleis-Quietschen wohl noch einige Zeit bleiben. Was empfehlen Sie Menschen, die das stört?

Der erste Schritt ist, zu sehen: Was kann ich verändern? Das haben die Menschen gemacht: Sie haben Presse und Öffentlichkeit eingeschaltet, die BRB angeschrieben. So senken sie ihr Gefühl des Ausgeliefertseins. Der zweite Schritt ist, sich das Leben parallel dazu ein wenig leichter zu machen.

Also nach außen kämpfen, nach innen Ruhe finden?

So in der Art. Veränderungen brauchen Zeit. Wenn ich merke, mehr verändern kann ich gerade nicht, muss ich schauen, wie ich in der Zwischenzeit das Beste aus der Situation mache. In der Therapie nennen wir das „Radikale Akzeptanz“: Ich nehme die Dinge so an, wie sie sind, und habe wieder mehr Energie für anderes.

Wie schaffe ich das?

Es kann helfen, sich abzulenken. Das kennen wir von Tinnitus-Patienten: Auch sie leiden unter dem ständigen Reiz, der stört. Den lindern Achtsamkeit und Genussübungen: Zum Beispiel bewusst Musik lauschen oder Schokolade essen. Macht man das regelmäßig, kann man lernen, den Aufmerksamkeitsfokus wieder gezielt zu verändern und besser mit dem störenden Reiz zu leben.

Hilft es, die innere Einstellung zu ändern?

Ja. Ich kann mich fragen: „Kann ich die Situation aus einer anderen Sicht betrachten, die mir den Umgang damit erleichtert?“

Freunde von mir, die neben einem Güterbahnhof leben, haben die Zugarten nach Tieren benannt, die ähnlich wie sie klingen. Mit ihrer Tochter freuen sie sich, wenn ein Elefanten-Zug vorbei fährt.

Das kann helfen. Es geht nicht darum, alles blind hinzunehmen. Aber man muss sich das Leben nicht selbst schwer machen. Zuglärm-Leiden lassen sich mindern.

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