Plädiert für eine Attraktivierung des Lehrerberufs: Markus Schäffner, Kreisvorsitzender des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV).
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Plädiert für eine Attraktivierung des Lehrerberufs: Markus Schäffner, Kreisvorsitzender des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV).

„Defizite nicht so ohne Weiteres aufzuholen“

Schulstart in Bayern: BLLV-Kreisvorsitzender warnt vor Lehrermangel - und Überregulierung

  • Sebastian Grauvogl
    VonSebastian Grauvogl
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Es ist der zweite Schuljahresstart unter Pandemiebedingungen. Im Interview erklärt BLLV-Kreisvorsitzender Markus Schäffner, warum der Lehrermangel gerade jetzt zum Problem wird.

Miesbach – Das Kultusministerium sieht die Schulen gut für das große Ziel gerüstet: möglichst viel Präsenzunterricht bei bestmöglichem Infektionsschutz. Gleichzeitig berichtet das Schulamt von Personalengpässen bei den Lehrkräften. Mit welchen Gefühlen diese zurück ins Klassenzimmer kehren, haben wir den Kreisvorsitzenden des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV), Markus Schäffner, im Interview gefragt.

Herr Schäffner, Distanzunterricht taucht in den Planungen des Kultusministeriums vorerst nicht mehr auf. Wie realistisch ist ein Schuljahr komplett in Präsenz?

Markus Schäffner: Das muss sich zeigen. Pädagogisch ist es aber der einzig richtige Weg. Die vergangenen Monate haben klar gezeigt, dass der Unterricht im Klassenzimmer nicht gleichwertig zu ersetzen ist. Die dabei entstandenen Defizite lassen sich nicht so ohne Weiteres aufholen.

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Auch nicht in der sogenannten Sommerschule?

Markus Schäffner: Nein. Es macht schon einen Unterschied, ob die Klassenlehrer selbst unterrichten oder externe Kräfte, wie es eben beim Förderprogramm „Gemeinsam Brücken bauen“ der Fall ist. Gerade an den Grund- und Mittelschulen geht es ja nicht nur darum, fachliche Inhalte zu transportieren, sondern auch viel um andere Kompetenzen. Dafür braucht es entsprechende pädagogische und didaktische Methoden, die man eben nur im Lehramtsstudium ausreichend intensiv vermittelt bekommt. Dass fachfremdes Personal keinen gleichwertigen Ersatz darstellt, hat sich ja auch bei den so genannten Team-Lehrkräften gezeigt.

...die aber auch in diesem Schuljahr wieder eine wichtige Verstärkung zur Aufrechterhaltung des Unterrichtsbetriebes sind.

Markus Schäffner: Das ist richtig. Und unser Schulamt bemüht sich wirklich nach Kräften, gute Leute zu finden. Eins muss aber allen klar sein: Um die Qualität im Bildungswesen langfristig sicherzustellen, braucht es wieder mehr ausgebildete Lehrer. Sie sind es, die die Schüler unterrichten, nicht das Geld oder die Stunden, die die Staatsregierung zur Verfügung stellt.

Andererseits lassen sich Lehramtsanwärter nicht einfach herzaubern.

Markus Schäffner: Genau deshalb müssen wir das Studium, aber auch den Beruf attraktiver machen. Beispielsweise, indem Besoldung und Aufstiegsmöglichkeiten von Grund- und Mittelschullehrern und die Verhältnisse bei Realschule und Gymnasium angeglichen werden. Dann könnte man auch schon im Studium einen universellen Grundstock vermitteln und hätte so am Ende mehr personelle Flexibilität. Also exakt das, woran es momentan fehlt.

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Mangelnde Flexibilität wird oft auch dem Rahmenhygieneplan unterstellt. Zu recht?

Markus Schäffner: Es ist schon so, dass die Regeln wenig Spielraum bei der Umsetzung an den Schulen vor Ort lassen und obendrein immer wieder verändert werden. Das erzeugt natürlich einen Rechtfertigungsdruck gegenüber den Eltern. Ich würde mir hier einen weiteren Blick wünschen, der auch mal über die Grenzen hinausgeht. In den skandinavischen Ländern beispielsweise herrscht der Grundsatz, dass die Schüler in den unteren Jahrgangsstufen nichts von den Infektionsschutzvorgaben mitbekommen dürfen, um nicht davon beeinträchtigt zu werden.

Und die Lehrer? Wie viel kann man denen abverlangen?

Markus Schäffner: Die Lehrer leisten ohnehin schon viel. Sie sind es, die den Spagat zwischen bestmöglichem Unterricht und Infektionsschutz bewältigen müssen. Die zuletzt aufgekommene Debatte über eine Impfpflicht oder eine Pflicht zur Offenlegung des Impfstatus bei Lehrern kann ich dementsprechend überhaupt nicht nachvollziehen. In kaum einer anderen Berufsgruppe (außer vielleicht im medizinischen und pflegerischen Bereich) dürfte die Impfquote so hoch sein wie hier. Alle anderen müssen sich täglich testen lassen. Zudem ist es gut belegt, dass die meisten Infektionen an Schulen nicht im Klassenzimmer selbst entstanden sind, sondern von außerhalb dorthin hineingetragen wurden.

sg

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