Biber am Kanal
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Entspannt statt erschöpft: einer der beiden Biber am Kanal.

Passanten hatten Feuerwehr und Polizei verständigt

Biber im Werkskanal in Müller am Baum: Warum sie gar nicht gerettet werden wollen

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Zwei augenscheinlich erschöpfte Biber im Werkskanal in Müller am Baum haben für einen Rettungseinsatz gesorgt. Doch wie sich dann herausstellte, hätte es das gar nicht gebraucht.

Müller am Baum – Nach entspanntem Mutter-Kind-Planschen sah es nicht aus, was Spaziergänger am vergangenen Mittwochabend an einem Werkskanal in Müller am Baum beobachteten. Zwei Biber schwammen dort umher. Wie das Landratsamt Miesbach auf Nachfrage mitteilt, handelte es sich wohl um ein etwa ein Jahr altes Jungtier und vermutlich dessen Mutter. Was die Passanten beunruhigte: Die Biber wirkten erschöpft, das Jungtier wurde gar immer wieder von der Strömung gegen den im Kanal installierten Rechen gedrückt.

Weil sie daher vermuteten, dass die beiden Tiere in dem von steil ansteigenden Betonwänden begrenzten Wasserweg gefangen sind, verständigten sie Polizei und Feuerwehr. Auch ein Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt machte sich auf den Weg nach Müller am Baum. Vor allem die Feuerwehr Wall zeigte sich „sehr engagiert“, wie das Landratsamt lobend erwähnt. Die Retter versuchten erst, die Biber mit Netzen zu befreien. Als dies nicht gelang, schafften sie Holz herbei und zimmerten eilig eine kleine Leiter zusammen, um den Tieren eine Steighilfe zu bieten. Doch auch diese Befreiungsaktion scheiterte.

Jungtier springt freiwillig zurück in Kanal

Am Donnerstag schaute der Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde erneut am Kanal vorbei, um nach den Bibern zu sehen. Zuerst entdeckte er aber nur die Mutter. Das Jungtier war scheinbar spurlos verschwunden. Als der Experte wieder von dannen ziehen wollte, folgte die Überraschung: Das Biberjunge tauchte plötzlich neben ihm auf – und hüpfte zur Mutter in den Kanal.

Die Experten beraten sich am Werkskanal in Müller am Baum. Links von ihnen ist einer der Biber zu erkennen.

Letztlich eine gute Nachricht, teilt das Landratsamt mit. „Es ist also davon auszugehen, dass die Tiere selbst wieder aus dem Kanal kommen“, sagt Pressesprecherin Sophie Stadler. Das bestätigen laut Stadler auch die Betreiber des Kanals, die Stadtwerke München. So hätten sich schon Biber in den Kanal verirrt, hätten aber allesamt von selbst wieder herausgefunden.

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„Die Tiere sind so gescheit und geschickt, dass sie in so einer Situation keine Hilfe von uns Menschen brauchen“, erklärt Max Wolf, der Biberberater für den Landkreis Miesbach, auf Nachfrage unserer Zeitung. Selbst bei Frost und damit eisglatten Betonwänden hätten sie sich wieder befreien können. „Sie haken sich mit ihrem Krallen ein und saugen sich mit den Flossen fest“, erklärt Wolf. Auch die Zäune, die Wild und auch den Menschen am Betreten des Kanals hindern sollen, seien keine unüberwindbare Hürde für die Biber. „Da zwängen sie sich unten durch.“ Dass die beiden Nager überhaupt in den künstlich angelegten Wasserlauf gekommen sind, liegt laut Wolf vermutlich an den Bauarbeiten, die gerade am Wasserkraftwerk in Müller am Baum laufen. „Dahinter haben sie einen Bau.“

Biber waren lange fast ausgerottet im Landkreis Miesbach

Nachdem sie rund 100 Jahre lang quasi ausgerottet waren, leben seit 2006 wieder rund 50 Biber im Landkreis Miesbach. „Sie sind Vagabunden ohne festen Wohnsitz“, erklärt Wolf. Da die Jungtiere von ihren Eltern bald aus dem Bau geschmissen werden, sind sie gezwungen, sich ein eigenes Revier zu suchen. Und dabei geraten sie nicht selten in Konflikt mit menschlichen Interessen. Beispielsweise, wenn sie Obstbäume fällen und der Eigentümer auf dem Schaden sitzen bleibt, weil dieser laut Wolf als „Naturgewalt“ zählt.

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Durch seine Aktionen sorge der geschützte Biber aber andererseits auch selbst für Artenvielfalt, indem er mit seinen Bauten Eisvögel, Spechte und zahlreiche Fischarten auf den Plan anlocke. Der Mensch sollte sich hingegen weitgehend raushalten, betont Wolf. „Die Natur braucht keinen Besen.“ Und auch zu übereilten Rettungsaktionen wie der am Kanal in Müller am Baum hat der Experte eine klare Meinung: „Das ist zwar gut gemeint, aber dem Biber ist es am liebsten, man lässt ihn einfach in Ruhe.“

sg

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