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Stiller Abmarsch: Die Besatzer führen einen Zug aus deutschen Kriegsgefangenen über den Haindlberg in die Münchner Straße.

Zum Kriegsende vor 70 Jahren

Miesbach: Dankbarkeit in dunklen Stunden

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Miesbach - Im Mai 1945 kamen die alliierten Truppen nach Miesbach. Wir werfen einen Blick in die Aufzeichnungen des damaligen Ortspfarrer Johann Trasberger.

Am Ende blieb es bei der Angst. Doch die steigerte sich in den letzten Kriegstagen in Miesbach immer mehr. Das unheilvolle Dröhnen der Kampfflieger der Alliierten, bevor sie ihre tödliche Fracht über der Landeshauptstadt München abwarfen – ein Schrecken, der sich tief ins Gedächtnis der Miesbacher bohrte. „Wie furchtbar müssen doch die Leiden gewesen sein in Orten mit wirklichen Fliegerangriffen bei Tag und Nacht, wochen- und monatelang“, schreibt der damalige Miesbacher Stadtpfarrer Johann Trasberger in seiner Chronik vom 30. Juli 1945, die in dem von Peter Pfister herausgegebenen Buch „Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Erzbistum München und Freising“ erschienen ist.

Pfarrer Johann Trasberger.

Es war diese Angst, die die Bevölkerung aber auch dankbar werden ließ, dass sie vom Bombenhagel verschont geblieben war. „Alles, was fremde Besatzung bringen mag, kann kaum schwerer sein oder werden, als was uns sonst erwartet hätte“, berichtet Trasberger. Es sind Worte, die ein sanftes Licht der Hoffnung in die so dunkle Zeit in Miesbach werfen. Tatsächlich sei es im Pfarrbezirk „sehr gnädig abgegangen – ohne nennenswerten Schaden, ohne Tote, die im Orte selbst einem feindlichen Angriff zum Opfer gefallen wären“.

Trotzdem gab es auch in der Kreisstadt Opfer zu beklagen. So habe der „Wahnsinn der SS“ nach dem Einmarsch der Amerikaner am 2. Mai 1945 vom Stadelberg aus noch einige Schüsse Richtung Stadt abgefeuert. Eine Granate sei in ein Haus im Norden Miesbachs eingeschlagen, eine zweite in eine Straße. Dabei habe es einer Frau auf dem Gehsteig durch den Luftdruck die Lunge zerrissen, schreibt Trasberger. „Sie war sofort tot.“

Auch an der Johannisbrücke über die Schlierach hätte eine verzweifelte Aktion der SS einem Bergmann und weiteren mutigen Frauen und Männern fast das Leben gekostet. Die Gruppe um Josef Seitz, Karl Förg, Franz Hailer und Anton Kohlndorfer widersetzte sich am 1. Mai dem Befehl, die Brücke aus taktischen Gründen zu sprengen – und musste dabei laut Trasberger „unglaubliche Foltern und Bedrohungen aushalten“. Doch schließlich habe die Vernunft gesiegt und der anschließende Einmarsch der Besatzer habe sich „ruhig und ohne Reibung“ vollzogen. Es sei zwar von einem oder zwei toten Soldaten am Ortseingang an der Tölzer Straße die Rede gewesen, berichtet der Pfarrer weiter, „man hat aber weiter nichts mehr erfahren, ob es Amerikaner oder SS waren und was mit ihnen geschehen ist“.

Über einen anderen Zwischenfall acht Tage später herrscht dagegen traurige Gewissheit: Ihre „kindliche Unvorsichtigkeit“, so Trasberger, habe drei Schulbuben auf tragische Weise das Leben gekostet. Sie hätten in einer Wiese an der Straße nach Baum eine Panzerfaust gefunden und in die Hand genommen. Als sie sie wieder wegwarfen, sei die Ladung explodiert. Mit schrecklichem Ende: Zwei Buben seien „bei fürchterlichen Verstümmelungen“ sofort tot gewesen, ein dritter am selben Abend im Krankenhaus gestorben.

In den folgenden Wochen hatte Miesbach laut Trasberger „eine recht harte Besatzung, wie wohl kein Ort in der Umgebung, auszuhalten“. Vor allem die französischen de Gaulle-Truppen hätten „reichlich geplündert, in manchen Häusern Einrichtungsgegenstände demoliert, gestohlen, geraubt sowie bei Tag auf offener Straße Uhren und Ringe abgenommen“, schreibt Trasberger. Vereinzelt habe man von Vergewaltigungen gehört. „Bis heute ist die Besatzung noch recht groß, viele Familien sind außerhalb ihrer Wohnungen recht dürftig untergebracht.“ Auch wenn Angst und Unsicherheit die Miesbacher nach Kriegsende noch einige Wochen fest im Griff hatten: Am Ende überwog die Dankbarkeit, dass die Schrecken des Zweiten Weltkriegs vorbei waren. So berichtet auch Trasberger: „Viele Leute sagen froh und erleichtert: ,Und wir haben doch gesiegt.‘“

Zum Pfarrer

Johann Trasberger aus Miesbach wurde am 29. März 1889 in Niederham geboren und am 29. Juni 1915 zum Priester geweiht. Nach Stationen in Salzburghofen, Kirchdorf am Haunpold, München Milbertshofen und Giesing wirkte er von 1932 bis 1956 als Stadtpfarrer in Miesbach. Hier starb er am 20. Juli 1964.

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