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Konrad Esterl (79) mit einem Fotoalbum aus der Internatszeit. 

Missbraucht, schikaniert

Schlierseer Ex-Domspatz: "Ich bekam mehr Schläge als Essen"

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Schliersee/Regensburg - Schläge, Demütigungen, Misshandlungen: Der Schlierseer Konrad Esterl  war drei Jahre lang Regensburger Domspatz und berichtet uns von einem regelrechten Terrorregime. 

Er hat lange gezögert, sich zu offenbaren. Doch nach dem Bericht in unserer Zeitung am vergangenen Wochenende über die Opfer von Misshandlungen bei den Regensburger Domspatzen fasste sich Konrad Esterl aus Schliersee (Kreis Miesbach) ein Herz. Er setzte sich hin und verfasste für unsere Zeitung einen Brief. „Es kostet mich noch heute eine Überwindung, ob ich mich zu den damaligen Misshandlungen und brutalen Schikanen äußern soll“, schrieb der 79-Jährige. Aber ja: Er wolle reden. „Mit welcher Scheinheiligkeit, und dies geschah unter dem Kreuz, man uns behandelt hat, kann sich kaum einer vorstellen“, heißt es in dem Brief weiter. „Immer wieder kommen mir im Traum die Fratzen der grausamen Schläger, anders kann ich die Herrn Präfekten nicht bezeichnen.“

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Der Schlierseer als Domspatz (li.)

Drei Jahre, von 1947 bis 1950, war Esterl bei dem Chor. Aufgewachsen ist er in Bad Wiessee, wo er zusammen mit seinen beiden Brüdern schon bald als Sopran-Sänger auffiel. Zeitweise gab ihm der Volksmusikant Kiem Pauli Unterricht. 1947 kam er ins Regensburger Internat – damals auf der Halbinsel Unterer Wöhrd. Nur in den Ferien durfte Esterl nach Hause. „Ich habe so Heimweh gehabt, ich war doch ein Kind der Berge“, erinnert sich Esterl. Das war aber nicht das Schlimmste. Am schlimmsten waren Demütigungen und körperliche Gewalt. Die damaligen Lehrer beließen es nicht bei Watschn. Einer der Präfekten bei den Domspatzen sei „ein Schläger“ gewesen, der die Buben mit dem spanischen Rohrstock züchtigte. Einmal, erinnert sich Esterl, sei er fünf Minuten zu spät gekommen, weil er beim Geigenunterricht länger gebraucht habe. Schon hieß es, Hose runter, und es setzte Prügel. Ein beliebter Anlass für Schläge waren auch Patzer beim Ausfragen, insbesondere von Latein-Vokabeln. „Wir hatten Angst“, sagt Esterl.

Der Domkapellmeister schlug selbst zu

Verantwortlich für die Domspatzen war damals Domkapellmeister Theobald Schrems (1893-1963), der auch selber zuschlug, wie sich Esterl erinnert. Schrems war der Vorgänger von Georg Ratzinger, dem Bruder des späteren Papstes, der wie berichtet zwar körperliche Misshandlungen zugegeben hat, von sexuellem Missbrauch jedoch nichts gewusst haben will. Auch der damalige Regensburger Bischof Michael Buchberger (1874-1961) muss von den Misshandlungen erfahren, diese jedoch toleriert haben.

Neben den Schlägen erinnert sich Esterl an Hunger als dominierende Erfahrung. „Wenn am Nachmittag die Blechschüssel mit trockenem Brot durch den Aufzug in den Speisesaal hochgezogen wurde, standen wir drängend vor Hunger am Aufzug Spalier.“ Obwohl die Nachkriegszeit allgemein durch Hunger geprägt sei, war es bei den Domspatzen dabei besonders schlimm, sagt Esterl.

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Nach drei Jahren setzte bei Esterl der Stimmbruch ein. Er verließ die Domspatzen. Er will dem Chor heute nichts böses – so sei der jetzige Domkapellmeister „ein Pfundskerl“. Aber statt die Leistungen der Domspatzen zu glorifizieren, müssten „Ross und Reiter“ genannt werden.

Rechtsanwalt Ulrich Weber geht von 700 misshandelten Schülern aus

Bei Rechtsanwalt Ulrich Weber, der derzeit im Auftrag des Bistums und des Chors die skandalösen Vorgänge in Schule und Internat untersucht und von 700 misshandelten Schülern ausgeht, hat sich Esterl übrigens nicht gemeldet. Dafür sei das alles doch schon zu lange her. Weber untersucht auch nur die Zeit 1953 bis 1992 – als Esterl schon fort war. Der Schlierseer begrüßt aber die Aufklärungsarbeit. „Endlich kommt hier Licht in die Dunkelheit.“ Obwohl er gläubiger Katholik ist, hat sich Esterl seit Regensburg ein Grundmisstrauen bewahrt. „Niemals würde ich ein Kind dem Klerus anvertrauen“ – so schließt sein Brief.

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