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Der heiße Draht: Mit seinen zahlreichen Funkgeräten hält Hans Peter Greil, Vorsitzender der Haushamer Amateurfunker, Kontakt zur Welt.

Neuer Antennenmast am Brenten

Haushams Amateurfunker rüsten für den Ernstfall auf

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Agatharied - Amateurfunker können im Katastrophenfall zu Lebensrettern werden. Der Haushamer Ortsverband will sich dazu in ein neues Netzwerk einklinken.

DJ1CC gibt Laut. „Schöne Grüße“ tippt Hans Peter Greil auf der Tastatur seines Laptops. Er klickt auf „Senden“ und drückt zwei Schalter auf einem schwarzen Kasten, der aussieht wie ein aufgebohrtes Autoradio. Es surrt, klackert, piepst. Die Box, ein so genannter Transceiver, wandelt die Buchstaben in Tonsignale um und bläst sie über den zehn Meter hohen Antennenmast in Greils Garten in Agatharied über Kurzwellenfunk in die Welt hinaus. „Er sucht sich einen beliebigen freien Server“, erklärt der 65-Jährige mit dem Rufzeichen DJ1CC.

Ja, der Vorsitzende des Ortsverbands Hausham im Deutschen Amateur-Radio-Club (DARC) hätte seine „schönen Grüße“ auch als stinknormale E-Mail verschicken können. Was aber, wenn der Strom ausfällt? Wenn Festnetztelefone sofort tot sind und sämtliche Handys spätestens vier Stunden danach ebenfalls verstummen? Dann schlägt sie, die Stunde der Amateurfunker. Dann sind sie es, die den Kontakt zwischen der Bevölkerung und den Rettungskräften aufrechterhalten. Damit hat sie sogar das Bayerische Innenministerium betraut. „Wir haben auch einen Kooperationsvertrag mit dem Landesverband des Technischen Hilfswerks“, betont Greil stolz. Dank einem Solarkollektor auf dem Balkon und einer 100 Kilogramm-Batterie hängt Greil selbst dann noch am Netz, wenn rundherum längst die Lichter aus sind.

Doch die Amateurfunker müssen umrüsten. Weil ihnen kommerzielle Sendeanstalten immer mehr Frequenzen abspenstig machen, wollen sie sich in ein neues Netzwerk einklinken. Es heißt „HAMNET“ („Highspeed Amateurradio Multimedia Network“) und funktioniert wie ein eigenes Internet, über das sich nicht nur Sprache und Text, sondern sogar Bilder und andere Daten austauschen lassen. Gut tausend Stationen von Slowenien bis Holland sind angeschlossen. Komplett unabhängig vom World Wide Web, wie Greil erklärt. „Das ist im Katastrophenfall entscheidend.“

Damit die Haushamer bei HAMNET mitfunken können, brauchen sie eine Antenne mit Sichtkontakt zum Hohenpeißenberg – Luftlinie 63 Kilometer – und zu ihrer Relais-Station auf einem Schuppendach im fünf Kilometer entfernten Hintereck. Mit ihrem alten, neun Meter hohen Mast am Brenten ist das nicht möglich. Anders 30 Meter weiter südlich. Hier, an einem Wasserhochbehälter in exponierter Lage, wollen die Amateurfunker einen neuen Drei-Meter-Mast errichten. „Das reicht, um über Büsche und Kühe rauszukommen“, sagt Greil. Die Notstromversorgung übernimmt eine Batterie. Weil die Antenne nur ein Watt zieht, reicht das für 48 Stunden. Auch ihre alten Serverschränke aus dem Jahr 1999 wollen der Vorsitzende und seine 23 Mitglieder austauschen und mit einem kleinen Gartenhäuschen vor Wind und Wetter schützen.

Weil die dafür nötigen Flächen der Gemeinde Hausham gehören, stellte Greil das Vorhaben nun im Hauptverwaltungsausschuss vor. Der Tenor war positiv. „Das ist eine sehr gute Sache“, lobte Bürgermeister Jens Zangenfeind (FW). „Auch wenn wir uns an die modernen Kommunikationsmittel gewöhnt haben, sind sie in einem Krisenfall keinesfalls selbstverständlich.“ Die übrigen Ausschussmitglieder funkten auf derselben Wellenlänge und genehmigten den Antennenbau auf dem Brenten einstimmig. Bis der neue Masten steht, bleibt Greil über die unzähligen weiteren Frequenzen mit den mehr als drei Millionen anderen Amateurfunkern auf der Welt in Kontakt.

Es rauscht, wenn er sich mit einem Drehknopf an seinem Empfänger durch das 40 Meter-Band wühlt. Plötzlich sind verzerrte Stimmen zu hören. Greil dreht nochmal, dann sind sie klar wie aus dem Radio. „Ein Franzose“, sagt der 65-Jährige und sucht weiter. Sekunden später der nächste Treffer: ein Italiener. „Stationen erarbeiten“ nennen die Amateurfunker dieses Hobby. Zur Bestätigung ihres Kontakts schicken sie sich Postkarten mit ihrem Rufkennzeichen zu. Bei Greil füllen sie bereits mehrere Schuhkartons.

Es sind diese Zufallsbegegnungen, die den gelernten Elektriker seit Jahrzehnten ans Funkgerät fesseln. „Das ist eine Familienkrankheit bei uns“, sagt er und lacht. Aus vielen Stimmen – darunter auch Finnen und Kolumbianer – sind mittlerweile Freunde geworden. Gegenseitige Besuche eingeschlossen.

Greils „Schöne Grüße“ haben es übrigens vom österreichischen Amstetten bis nach Halifax in Amerika geschafft, nur um Sekunden später wieder als normale E-Mail in Agatharied anzukommen. Gut zu wissen, dass das im Notfall auch mit „Brauche Hilfe“ funktioniert.

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