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Eine Miesbacher Tracht schneidern: Um das zu lernen sind Kristin Simonsen (l.) und Jutta Hugel (r.) vom Schlierachtaler Stamm New York extra in die Trachtenschneiderei von Annamirl Raab nach Schliersee gereist.

GTEV Schlierachtaler Stamm New York

Warum zwei New Yorkerinnen Miesbacher Tracht schneidern

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Frauen in Miesbacher Tracht – nur eben nicht in Miesbach sondern in New York. Ein Ableger des GTEV Schlierachtaler Stamms hält in Amerika die bayerische Tradition hoch. Zwei Mitglieder waren nun in Schliersee zu Gast, um dort das Schneidern zu lernen.

Wenn Jutta Hugel (60) übers Schuhplatteln spricht, klingt das fast drollig. Hugel kommt aus New York und spricht englisch mit breitem amerikanischen Akzent. Schuhplatteln sagt sie trotzdem auf Deutsch, eine Übersetzung gibt es nicht. Sie sagt auch, sie sei die „First Trachtenmutter“, die erste also. Trachtenmütter kennt der englische Sprachgebrauch auch nicht.

Da sitzt sie also mit ihrer mitgereisten Freundin Kristin Simonsen (55) in der Trachtenschneiderei von Annamirl Raab in Schliersee und fachsimpelt in einem Mix aus Bairisch und Amerikanisch über Trachten und Gaufeste. Die beiden Frauen gehören zum Schlierachtaler Stamm in New York und wollen bei Raab lernen, wie man die Miesbacher Tracht schneidert. Es ist bereits ihr zweiter Kurs, das Wissen wollen die New Yorkerinnen an die jüngeren Mädels in ihrem Verein weitergeben.

Zwischen gelben Maßbändern, die aus einem Korb an der Decke hängen, und zig Stoffresten auf den Werktischen sitzen Hugel und Simonsen am Fenster der Schneiderei und zeichnen. „Wir suchen noch das beste Muster für uns“, sagt Hugel auf englisch. Deutsch versteht sie zwar schon, beim Sprechen tut sie sich aber schwer. Wie alle anderen in dem New Yorker Trachtenverein hat sie deutsche Wurzeln. Sie wurde in Hessen geboren, der Vater ihres Mannes Bob kommt aus Bad Endorf. Simonsens Eltern waren auch mal Bayern.

Verwurzelt ist der amerikanische Verein vor allem mit Hausham. Ein Bergarbeiterstreik 1910 veranlasste einige Mitglieder des ursprünglichen Schlierachtaler Stamms dazu, auszuwandern. Mit ihnen siedelten Tracht und Tradition nach Übersee und blieben dort bis heute. „Wir wollen unsere Kultur lebendig halten“, sagt Simonsen.

Deswegen kochen Hugel und sie auch oft deutsch. „Das habe ich von meiner Mutter gelernt“, erzählt Hugel und zählt alles auf, das auf einer bayerischen Speisekarte nicht fehlen darf: Knödel, Sauerbraten, Rouladen, Schnitzel – nur klingt es aus ihrem Mund eben nicht ganz so bayerisch. Lange lässt sie sich nicht aber nicht durch Fragen ablenken, dann wendet sie sich wieder ihren Mieder-Zeichnungen zu.

In der gemütlichen Schneider-Stube läuft Volksmusik, Raabs fertige Gewänder hängen auf Kleiderbügeln. Kurse im Miedermachen gibt Raab schon lange, erst in München und seit acht Jahren in ihrer Wahlheimat Schliersee. Besuch aus Amerika ist sie gewohnt. Selbst war sie aber auch schon drüben. Zum vergangenen Gaufest ist sie nach Amerika geflogen, nach Florida. Heuer findet eines in Buffalo statt. „Ich soll dann ein Maßband mitnehmen“, erzählt sie und lacht. Ob sie sicher dabei ist, weiß Raab noch nicht.

Die Gaufeste sind für Hugel und Simonsen immer ein Höhepunkt. Die Männer schuhplatteln, ihre Frauen tanzen und tragen dabei die Miesbacher Tracht. „Selbstgemacht sitzt sie aber besser“, sagt Hugel und streicht über den Stoff, der vor ihr liegt. Mieder machen kann ihr in den USA keiner beibringen. Da hat es sich gut getroffen, dass sie vor einigen Jahren auf der Wiesn Raab kennengelernt hat. Doch auch wenn Hugel und Simonsen zig Kilometer entfernt ein Dirndl mit Haushamer Farben tragen, gibt es einen gravierenden Unterschied. „Für uns ist das ein Hobby“, sagt Hugel. „Hier ist es ein Lifestyle.“

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