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Die Umgebung zählt: Friseur Hans Wolf will sein Dachgeschoss mit Quergiebeln besser belichten, doch da funkt der Ensembleschutz des Marktplatzes dazwischen. Diese Elemente verwässern die Denkmalaussage.

Verwaltungsgericht beurteilt Fassaden

Ortstermin am Marktplatz: Ensembleschutz als Krux

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Miesbach - Die denkmalgeschützten Fassaden am Miesbacher Marktplatz sind aus historischer Sicht ein Schatz. Wer dort aber zeitgemäß bauen will, für den ist der Ensembleschutz ein Fluch. Ein Ortstermin.

Hans Wolf darf ein Wohnhaus in exponierter Lage sein Eigen nennen – am südlichen Rand des Miesbacher Marktplatzes. Im Erdgeschoss ist sein Friseurgeschäft untergebracht, der erste Stock wurde vor Kurzem umgebaut und renoviert. Eine Rechtsanwaltskanzlei ist dort eingezogen. Bleibt das Dachgeschoss. Auch das soll neu genutzt werden – den Wolfs schweben zwei Wohnungen vor. Eigentlich eine gute Sache, denn Wohnen am Marktplatz bedeutet, dass dort auch außerhalb der Ladenzeiten Leben herrscht.

Doch so leicht ist es nicht. Das Dach muss ausreichend belichtet werden, doch die vorhandenen Dachluken reichen dafür nicht aus. Wolf beantragte deshalb etwas für Miesbacher Verhältnisse ganz Schlimmes: zwei Quergiebel, die das Längsdach zu einem Kreuz umformen und die Dachlandschaft in Unruhe bringen. Den Bauantrag lehnte das Landratsamt ab – der Bauherr klagte.

Bei der öffentlichen Verhandlung auf dem Marktplatz ist auch für Passanten ersichtlich, wie viele Seiten ihre Belange berücksichtigt wissen wollen. Neben dem Verwaltungsgericht der Kläger nebst Anwalt und Architekt, das Bauamt der Stadt Miesbach, die Bauabteilung des Landratsamts nebst Kreisbaumeister sowie das Landesamt für Denkmalpflege.

Im wahrsten Sinn werden Standpunkte abgearbeitet. Zuerst zeigt die Klägerseite der Vorsitzenden Richterin Cornelia Dürig-Friedl einige Bezugsfälle in der Nachbarschaft, die ebenfalls Quergiebel aufweisen: das benachbarte Haus Marktwinkl 6 mit Post und Teehaus, die Bäckerei Grabmaier am Marktplatz 8, der Anbau am Marktplatz 2 und das Waizmann-Haus Fraunhoferstraße 4 mit Quergiebel und Dachgauben. Unregelmäßig sei die Dachlandschaft – es gebe Ausreißer, aber keine Regel.

Warum das Ensemble Miesbacher Marktplatz keine weiteren untypischen Merkmale vertrage, erklärt Denkmalschützer Christoph Scholter. Die Gruppe steht mittlerweile vor dem Café Huatfabrik, Marktplatz 1 – mit direktem Blick auf das Wolfsche Dach. Gut erkennbar ist es und deshalb extrem Ensemble-prägend. „Das Besondere an diesem Marktplatz ist“, erläutert der Fachmann, „dass dieser städtische Bauernhaustyp genau dem Stil auf dem Land entspricht.“ Drei Bauphasen gebe es zu unterscheiden, und alle drei seien am Marktplatz zu finden. Auch eine vierte Phase sei vorhanden – „die, in der das Bauernhaus stilistisch verlassen wird“. Genannt werde das Schweizer Stil. Dazu gehören Quergiebel und holzornamentale Verzierungen, bei denen sich die Gruppe umgangssprachlich auf den Begriff Laubsägearbeiten einigt. Weitere Aufweichungen seien nicht vertretbar, stellt Scholter fest und verweist auf die sonst drohende „Verarmung an Denkmalaussage“.

Im Gegensatz dazu sei das Haus des Klägers klassizistisch – „biedermeierlich“ –, stellt die Vorsitzende fest. Quergiebel seien damit nicht typisch und im Interesse des Ensembles nicht zu genehmigen.

Doch auch beim Ensembleschutz sind Kompromisse möglich. „Was man nicht sieht, stört das Ensemble nicht“, hatte die Vorsitzende bereits eingangs festgestellt. Während die Nordseite des Wolfschen Hauses prägend ist, habe die Südseite keinen dominanten Charakter. Sie ist laut Dürig-Friedl „weniger gewichtig“. Und sie gibt einen Tipp für einen Kompromiss: „Dachgauben finde ich charmant.“

Die gebe es in der Umgebung, und der Denkmalschutz könne damit leben. Kreisbaumeister Werner Pawlovsky, sonst erklärter Gaubengegner, signalisiert, dass einzelne dieser Ausbuchtungen südlich eine Option sein könnten, „aber keine Quergiebel“.

Die fachlichen Diskussionen verfolgt der Bauherr aus der zweiten Reihe. Als Schlusswort verweist er auf die Gegenwart: „Es geht doch auch um Wohnqualität.“ Das Ensemble sei schützenswert, keine Frage, aber die Wohnansprüche seien heute andere als damals. „Die Zeiten ändern sich. Man wohnt heute anders als damals. Und man wird in 50 Jahren anders wohnen als heute.“ Es ist ein kurzes Schlusswort, dann löst sich die Versammlung auf. Das Urteil wird im August zugestellt.

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