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Kolibakterien im Wasser

„Schlamperei vom Feinsten“

Miesbach  - Die Aufregung um das verkeimte Trinkwasser in Miesbach ist weiterhin groß. Eine Ursache gibt es bislang nicht und glücklicherweise auch keine schwereren Erkrankungen. Die Abkochverordnung besteht weiter.

Am Tag nach Bekanntwerden herrscht Fassungslosigkeit in Miesbach. Die Menschen können nicht glauben, dass die Stadt die Information über das mit Kolibakterien belastete Trinkwasser zwei Tage lang nicht veröffentlicht hat. Auf der Internetseite www.miesbacher-merkur.de ist die Empörung groß. „Grob fahrlässige Handlung! Wer so mit der Gesundheit seiner Mitbürger spielt, dem sollten rechtliche Schritte ins Haus stehen!“, schreibt ein User. „Das ist doch Schlamperei vom Feinsten und grob fahrlässig. Es ist doch skandalös, wenn Frau Pongratz meint, dass das alles nicht so schlimm ist“, meint ein anderer. Und weiter: „Ich als Vater eines Kleinkindes und eines Säuglings bin fassungslos!"

Auch Bürgermeisterin Ingrid Pongratz (CSU) bekam gestern zahlreiche Anrufe und E-Mails. „Natürlich kann ich die Leute verstehen“, sagt sie leicht genervt. „Aber es ist jetzt auch ein bisschen eine Hysterie da.“ Michael Wohlfahrt, Leiter des Gesundheitsamt, habe ihr nochmals bestätigt, dass keine große Gesundheitsgefahr bestehe.

Bislang sind auch keine Fälle von schwereren Erkrankungen bekannt. Einige Bürger meldeten Magen-Darm-Beschwerden. Kinderarzt Stefan Razeghi hatte keine Patienten mit Symptomen in seiner Miesbacher Praxis. Die Situation kann er daher nur schwer einschätzen. „Von den coliformen Keimen gibt es viele, das ist ein großes Spektrum“, erklärt der Mediziner. „Solange nicht differenziert ist, um was für Keime es sich handelt, kann man nicht mit 100-prozentiger Sicherheit eine Aussage treffen.“

Coliforme Keime entstehen durch Fäkalien im Wasser, erklärt Razeghi. „Das ist der gleiche Effekt, wie wenn man sich nach der Toilette nicht die Hände wäscht und dann jemanden die Hand schüttelt.“ Razeghi sagt daher: „Es ist sicher ein Hygenie-Problem. Ob daraus ein medizinsches wird, muss man abwarten“, sagt der Arzt. „Aus ärztlicher Sicht ist es nicht so problematisch.“

Bürgermeisterin Ingrid Pongratz will den Notfallplan überarbeiten.

Dass es ein Fehler war, die Bürger zwei Tage lang nicht zu informieren, räumte Pongratz gestern nochmals ein. Die Ursache für Verkeimung sei definitiv nicht festzustellen. „Das kann durch Dünger passiert sein oder durch den Starkregen“, erklärt sie. Überlegungen, das Trinkwasser nun öfter zu untersuchen, erteilt Pongratz eine Absage. „Wir proben einmal jeden Monat – wie gesetzlich vorgeschrieben.“ Mit Sicherheit werde aber der Notfallplan überarbeitet. Ob ein solcher auch für Wochenenden existiere, kann Pongratz nicht sagen.

Über die Informationskette macht man sich auch im Landratsamt Gedanken, sagt Sprecher Gerhard Brandl. „Es muss erst sowas auftreten, damit die Dinge hinterfragt werden.“ Gestern Abend veröffentlichte das Gesundheitsamt noch die Art der Keime. „Bei den aktuell gefundenen handelt es sich um Indikatorkeime, die einen fäkalen Eintrag im Trinkwassernetz anzeigen“, sagt Brandl. Die Keime selbst seien nicht zwingend krankheitserregend, könnten aber in Kombination mit anderen Keimen eine Schädigung der Gesundheit verursachen, besonders bei Immungeschwächten und Kleinkindern.

Brandl weißt daher nochmals daraufhin, dass das Trinkwasser solange abgekocht werden muss, bis die Proben einen einwandfreien Befund ergeben. Damit alle Keime restlos abgetötet sind, sollte das Wasser wenigstens ein bis zwei Minuten richtig aufsprudeln. „Der Befund liegt voraussichtlich Anfang nächster Woche vor.“ Damit es dann bald nicht mehr heißt, wie ein Internetuser schreibt: „Miesbach – immer wieder ein Ort für Pleiten, Pech und Pannen.“

Julia Pawlovsky

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