Amtsgericht: Schlierseer fährt Radlerin um – Richter: Saarbrücker hat „Stein ins Rollen gebracht“
+
Amtsgericht: Schlierseer fährt Radlerin um – Richter: Saarbrücker hat „Stein ins Rollen gebracht“

Schwerer Unfall wegen höflicher Geste?

Amtsgericht: Schlierseer fährt Radlerin um – Richter: Saarbrücker hat „Stein ins Rollen gebracht“

Ein Schlierseer (77) hat in Neuhaus eine Münchner Radlerin umgefahren. Am Amtsgericht gab Richter Leitner einem dritten Verkehrsteilnehmer einen Teil der Schuld.

Schliersee/Miesbach – Er soll beim Linksabbiegen mit seinem Auto eine Radfahrerin übersehen und erfasst haben, sodass die sich eine Lendenwirbel- sowie eine Kreuzbeinfraktur zuzog. Wegen dieses Vorfalls vom August 2020 musste sich nun ein 77-Jähriger aus Schliersee wegen fahrlässiger Körperverletzung vor dem Miesbacher Amtsgericht verantworten.

Lesen Sie auch: Jetzt für Sie zum Nachlesen: Das antworten unsere Experten auf die Fragen unserer Leser zur Corona-Impfung

Amtsgericht: Schlierseer fährt Radlerin um – Richter: Saarbrücker hat „Stein ins Rollen gebracht“

Der Unfall geschah in Neuhaus, als der Schlierseer von der Bayrischzeller Straße kommend in die Josefsthaler Straße abbiegen wollte. „Ich habe sie einfach nicht gesehen“, sagte der Angeklagte, der sehr langsam gefahren sein will. Die Radfahrerin hingegen soll „mit hoher Geschwindigkeit“ angerauscht gekommen sein. Verteidiger Franz Xaver Paul meinte, die Radfahrerin sei wartepflichtig gewesen. Auch gebe es an der Unfallstelle „möglicherweise einen Fehler in der Straßenplanung“.

Das Unfallopfer brachte eine weitere Person ins Spiel: „Ein Auto blieb an der Abzweigung stehen“, erinnerte sich die Münchnerin (62). Sie dachte, dieses wolle nach rechts abbiegen. Stattdessen verzichtete der Autofahrer auf seine Vorfahrt und ließ dem Schlierseer den Vortritt.

Die Nettigkeit des stehen bleibenden Autos verwirrte scheinbar den nach links abbiegenden Schlierseer. „Ich dachte, der wird doch bremsen“, berichtet das Unfallopfer über den Moment, in dem sein Wagen auf sie zurollte. Sie habe versucht auszuweichen, „doch dann bin ich durch die Luft geflogen“.

Zusammenstoß vor dem Netto in Schliersee: Roller-Fahrer kollidiert mit Polo

Es sei ein „gigantischer Schmerz“ gewesen, den sie durch den Unfall ertragen habe. Sieben Tage sei sie stationär im Krankenhaus Agatharied gewesen. „Heute kann ich noch immer nicht lange sitzen – radeln geht überhaupt nicht“.

Der Saarbrücker (67), der anhielt, um den Schlierseer passieren zu lassen, stellte sich klar auf dessen Seite. „Die Radfahrerin kam mit enormem Tempo angerast, während er nach links abgebogen ist.“ Die Münchnerin sei dann „gegen die A-Säule des Autos gefahren, ihr Hinterrad klappte nach vorne und sie flog hin“.

Richter Walter Leitner verstand das Handeln des Saarbrückers nicht. Er sprach von „gefährdender Höflichkeit“, die einen Anteil daran habe, dass der Schlierseer nun angeklagt wurde.

Diesen stand jedoch nicht das erste Mal vor Gericht. Im Jahr 2019 wurde wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs verurteilt. Damals fiel er am Steuer seines Wagens in Sekundenschlaf und stieß mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen.

Diese Vorstrafe war Staatsanwalt Jungwirth ein Dorn im Auge: „Jetzt haben wir wieder ein Straßenverkehrsdelikt. Diesmal gab es saubere Frakturen und die Frau ist bis heute eingeschränkt.“ Ohnehin glaubte der Staatsanwalt der Aussage des Unfallopfers. „Als Linksabbieger sind Sie in der wartepflichtigsten Position, vor allem gegenüber einer Radlerin“, sagte er zum Angeklagten. „Selbst wenn Sie Vorfahrt gehabt hätten, dürfen Sie sie trotzdem nicht über den Haufen fahren.“ Er forderte 60 Tagessätze à 40 Euro Geldstrafe.

Das brachte Verteidiger Paul in Rage: „Sie haben hier kunterbunt alles durcheinandergebracht, Herr Staatsanwalt. Ihre letzte Aussage macht mich sprachlos.“ Bei der Verhandlung ginge es um Fahrlässigkeit, keinen Mord. Weil sein Mandant Vorfahrt gehabt hätte, müsse es Freispruch geben.

Einen solchen bekam der am Ende des Prozesses sehr reuige Schlierseer zwar nicht, Leitner brummte ihm aber nur 35 Tagessätze zu je 40 Euro auf. In rechtlicher Hinsicht sei es eben eine fahrlässige Körperverletzung, verdeutlichte der Richter. Vielmehr ärgerte er sich aber über das Verhalten des höflichen Gefährders. „Seine Aktion hat den Stein erst ins Rollen gebracht.“

von Philip Hamm

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare