Am Haken: Ein Autokran hebt die Angels Share aus dem Hafenbecken von List. An der Unterseite des Whisky-Schiffs ist der starke Muschelbefall zu erkennen. Foto: Privat
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Am Haken: Ein Autokran hebt die Angels Share aus dem Hafenbecken von List. An der Unterseite des Whisky-Schiffs ist der starke Muschelbefall zu erkennen. Foto: Privat

Ausgemustert aus Altersgründen

An Schliersee oder Tegernsee: Slyrs sucht Liegeplatz für Whisky-Schiff aus Sylt

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Fünf Jahre lang lag die Angels Share im Hafen von List auf Sylt. In ihrem Bauch: Whisky-Fässer. Jetzt soll das alte Schiff ein neues Zuhause bekommen – an einem oberbayerischen See.

  • Das schwimmende Whisky-Lager der Slyrs-Destillerie in Sylt wird ausgetauscht.
  • Jetzt suchen die Whisky-Macher einen Liegeplatz an einem oberbayerischen See.
  • Auf Sylt soll dafür eine eigene Produktionsstätte für den SILD entstehen.

Update, Montag, 28. September: Erste Angebote schon da

Das Whisky-Schiff hat sich als guter Köder erwiesen. Nur wenige Tage, nachdem Anton Stetter seine Suche nach einem Liegeplatz für die Angel’s Share der Sylt-Destillerie am Tegernsee oder Schliersee in unserer Zeitung öffentlich gemacht hat, haben die ersten Interessenten angebissen.

Unter anderem seien zwei Angebote aus Rottach-Egern sowie je eines aus Tegernsee und Bad Wiessee eingegangen, berichtet Stetter. Eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen – auch nicht für den See. Ausschließen könne er lediglich, dass das Schiff am Spitzingsee, Seehamer See oder Grünsee seinen Ruhestand verbringt, meint Stetter und lacht. Welche Formalien es auf dem Weg zum neuen Liegeplatz für die Angel’s Share noch zu erfüllen gibt, kann der Whisky-Experte noch gar nicht genau sagen. „Ich hab gedacht, ich mach es mir leicht und lasse das die Leute klären, die mir ein Angebot machen“, feixt Stetter. „Die sollten sich da ja eigentlich gut auskennen.“

Was den Ersatz für die durch Muschelbefall arg in Mitleidenschaft gezogene Angel’s Share auf Sylt anbelangt, nimmt Stetter die Sache lieber selbst in die Hand. Wie berichtet, hatten die Whisky-Macher bereits einen Kutter mit Baujahr 1962 im Auge. Nun ist Stetter aber spontan nach Venedig gereist, um sich im dortigen Hafen ein paar gebrauchte Schiffe als potenzielle Fasslagerstätten anzuschauen. Eine durchaus angenehme Art von Geschäftsreise, meint Stetter und lacht. „Es ist ja grad so schön ruhig in Venedig.“

Schliersee/List – Anton Stetter war klar, dass ein guter Whisky auf Feinschmecker eine nahezu magnetische Anziehungskraft ausübt. Dass dies aber offenbar nicht nur für Menschen gilt, musste der Geschäftsführer der Sylt-Destillerie GmbH im Hafen von List feststellen. Unzählige Muscheln hatten das schwimmende Fasslager der Neuhauser Whisky-Macher, den früheren Fischkutter „The Angels Share“, in Beschlag genommen. „Das ist eine regelrechte Plage auf Sylt“, weiß Stetter heute. Die Folgen für die Angels Share sind dramatisch. Die Muscheln gefährden das Holz des historischen Schiffs, das bereits 1946 erstmals in See gestochen ist.

Wie berichtet, hatten sich Stetter und Slyrs-Geschäftsführer Hans Kemenater vor gut fünf Jahren mit dem Sylter Wein- und Spirituosenhändler Alexander Sievers zusammengetan, um den ersten auf der rauen Nordseeinsel gereiften, rauchigen Whisky zu produzieren, den SILD. Wegen der hohen Grundstückspreise entschieden sie sich zuerst für ein Lager auf dem Wasser.

Gut 50 Fässer liegen seitdem im Bauch der Angels Share im Hafen von List. Nach eineinhalb Jahren werden sie ausgetauscht. „Durch das ständige Schaukeln wird der Whisky sonst zu schnell reif.“ Die zweite Hälfte ihrer Lagerzeit verbringen die Fässer mit dem aus Sylter Gerste und Quellwasser gebrannten, hochprozentigen Getränk deshalb an Land. Abgefüllt werden sie dann wieder daheim in Neuhaus.

An den Transport einmal längs durch Deutschland habe man sich längst gewöhnt, berichtet Stetter. Doch die Muscheln setzten der Angels Share immer mehr zu. So sehr, dass sich die Whisky-Macher dazu entschieden, ihr schwimmendes Fasslager aus dem Wasser zu holen. Über seinen Cousin, der in Geretsried ein Schwertransport-Unternehmen betreibt, organisierte Stetter einen riesigen Autokran, der den Kutter aus dem Lister Hafenbecken auf einen Tieflader hievte. Der brachte das arg in Mitleidenschaft gezogene Schiff dann zur Frischzellenkur in die Werft von Büsum.

Ersatzschiff ist aus Stahl

Nach Sylt zurückkommen wird die Angels Share wohl nicht mehr, sagt Stetter. „Dafür ist sie zu betagt.“ Ein Ersatz ist jedoch schon gefunden: die Angels Share II. Ein Kutter in vergleichbarer Optik, allerdings mit Baujahr 1962 etwas jünger und mit einem deutlich robusteren Bauch aus Stahl. So soll das Lager künftig deutlich besser vor whisky-süchtigen Muscheln geschützt sein. Ein bisschen größer ist es auch, sodass künftig bis zu 100 Fässer unter Deck heranreifen können.

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Dabei soll es jedoch nicht bleiben. Stetter und sein Team sind drauf und dran, ihren Traum von der eigenen Destillerie auf der berühmten Nordseeinsel zu verwirklichen. In ein bestehendes Gebäude (Details will Stetter nicht verraten, da der Deal noch nicht ganz fix ist) soll ein kleiner Bruder zum Hauptsitz in Neuhaus entstehen – nach Möglichkeit mit Erlebniswelt und Café.

Slyrs plant eigene Destillerie für den SILD auf Sylt

Damit der dort produzierte SILD dann auch noch die für Insel-Whisky typische Torfnote bekommt, haben sich Stetter, Kemenater und Sievers vom Sylter Naturschutzverein eine Lizenz zum Torfstechen besorgt. „Wir sind die einzigen, die das da dürfen“, berichtet Stetter stolz. Somit wird die Gerste für den SILD bald nicht mehr über Buchenholz-, sondern ganz authentisch über Torffeuer gebrannt.

Ausgemustertes Whisky-Schiff soll Platz im Schliersee oder Tegernsee bekommen

Und was wird aus der alten Angels Share, mit der alles begonnen hat? Auch für sie hat Stetter einen Plan. Nach der Aufbereitung soll sie ihre wohl weiteste Reise antreten. „Ich würde mir wünschen, dass sie ihren verdienten Ruhestand in einem oberbayerischen See verbringen kann“, sagt Stetter mit einem vielsagenden Lächeln. Am liebsten natürlich im Schliersee oder Tegernsee. Was fehlt, ist ein Liegeplatz für den rund elf Meter langen, vier Meter breiten und 1,5 Meter tiefen Kutter. Konkrete Anfragen hat Stetter bislang noch nicht rausgeschickt. „Ich werfe erst mal so die Angel aus, vielleicht meldet sich ja jemand“, sagt er und lacht. Nur als Museumsstück soll die Angels Share I übrigens nicht dienen. Stetter kann sich vorstellen, an Deck Whisky-Tastings anzubieten oder gar eine Bar einzurichten.

Und wer weiß: Vielleicht bleibt ja sogar noch Platz für ein paar Fässer, die dort heranreifen. Dann zwar ohne Wellengang und raue Nordseeluft, aber dafür auch ohne Muschelgefahr.

sg

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