Die Installation von Künstler Erwin Wiegerling wurde am Freitag auf dem Weinberg vorgestellt. Darauf steht unter anderem: „Dass ich verbinde, wo Streit ist“ – symbolisch für die versöhnende Rolle des Denkmals.
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Die Installation von Künstler Erwin Wiegerling wurde am Freitag auf dem Weinberg vorgestellt. Darauf steht unter anderem: „Dass ich verbinde, wo Streit ist“ – symbolisch für die versöhnende Rolle des Denkmals.

Weinberg

Annaberg-Denkmal in Schliersee ist künftig „Ort der Erinnerung“ - Installation eingeweiht

  • Jonas Napiletzki
    VonJonas Napiletzki
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Die öffentliche Vorstellung der neuen Annaberg-Gedenkstätte in Schliersee verlief ohne Zwischenfälle - und mit viel Lob seitens der Verantwortlichen.

Schliersee – Die Annaberg-Gedenktafel in Schliersee hat ihren neuen Platz auf dem Weinberg bekommen – eingearbeitet in einer Steinwand. Dort wurde die umstrittene Tafel mit Texten zum geschichtlichen Hintergrund ergänzt. Ein Ortsbesuch bei dem Werk, das künftig gleichermaßen erinnern wie versöhnen soll.

Die helle, leicht gekrümmte Steinwand thront über dem Schliersee. Insgesamt 3,8 Tonnen wiegen die 27 von Künstler Erwin Wiegerling verarbeiteten Steine – die neue Gedenkstätte strahlt eine gewisse Imposanz aus. Nicht minder beeindruckend war die Zahl der erschienenen Gäste bei ihrer Einweihung am Freitagnachmittag. Rund 50 Besucher, Redner, Fernseh- und Pressevertreter waren zu dem Termin gekommen, auf den Ehrenamtliche, Wissenschaftler und Kirchen- wie Gemeindevertreter lange Jahre hingearbeitet hatten.

Die Vorgeschichte in Kürze - Gedenkfeiern wurden von Rechtsextremen heimgesucht

Die Gedenktafel dürfte an Menschenmengen gewöhnt sein. Seit 1956 war sie wenige Meter neben der neuen Installation in der Kapellenwand auf dem Weinberg eingelassen und erinnerte an die 52 gefallenen Kämpfer des Freikorps Oberland. Heute ist die paramilitärische Organisation als eng umwoben mit antisemitischen Gruppierungen verrufen (wir berichteten). Nachdem Gedenkfeiern, die sich auch an Oberschlesier richteten, von rechtsextremen Besuchern heimgesucht wurden, begann 2016 der jüngste Teil der Aufarbeitung, deren Ergebnis nun auf dem Weinberg steht.

Das kirchliche Statement: „Feiern instrumentalisiert“

Das an die Einweihung angeschlossene Friedengedenken unterschied sich in puncto Besuchern wesentlich von den früheren Gottesdiensten: Es hatten sich keine rechtsextremen Gäste unter die Anwesenden gemischt – ein erstes Zeichen für den Erfolg der Aufarbeitung.

Armin Wouters, Direktor des Erzbischöflichen Ordinariats München, nahm auf die Umstände früherer Gedenkfeiern Bezug. Er sagte: „Das scheinbar einfache Gedenken an in einer Schlacht gefallenen Soldaten ging weit über das anteilnehmende Erinnern hinaus.“ Der Ordinariatsdirektor betonte, die Feiern seien instrumentalisiert worden für eine Menschen entwürdigende und missachtende Ideologie. „Und für eine geschichtsvergessene und Zusammenhänge relativierende, scheinbare Erinnerungskultur.“ Heil und Unheil in der Vergangenheit würden sich in der Gegenwart auswirken. Deshalb sei die Erinnerung ein wesentlicher Bestandteil christlich-jüdischer Kultur. Wouters Fazit richtete sich an die anwesenden Beteiligten: „Ich bin dankbar, dass Sie sich nach unseren ersten Gesprächen mit Mut und Tatkraft auf eine solche Erinnerungsarbeit eingelassen haben.“

Die aus der Bevölkerung eingegangenen Vorschläge zum Umgang mit der Gedenkstätte wurden unter anderem von einem dreiköpfigen Gremium gesichtet.

Die Statements weltlicher Vertreter: „Prozess in Schliersee von beispielhafter Bedeutung“

Dazu gehörte neben Wolfgang Foit, Geschäftsführer des Katholischen Bildungswerks Miesbach, auch Thomas Schlemmer vom Institut für Zeitgeschichte und der Historiker Professor Hermann Rumschöttel. Letzterer diente als Vermittler unter den kontroversen Positionen.

Er sagte zur Eröffnung: „Umgang mit Geschichte kann schwierig sein, insbesondere dann, wenn es sich um öffentliche Erinnerungen mit Erinnerungspolitik und Geschichtspolitik handelt.“ Bei verschiedenen Aufarbeitungsprozessen schwierigen historischen Erbes habe er festgestellt, dass jedes Problem individuell sei. „Es gibt keine Handlungsanleitungen, die einfach übertragen werden können.“

Was aber übertragen werden könne, seien die Prozesse. „Und dieser Prozess hier in Schliersee ist schon von beispielhafter Bedeutung“, lobte der Historiker. „Die Kombination von ungeheurer Ernsthaftigkeit, Sensibilität, wissenschaftlicher Intensität und die Kooperation von Kirche, Gemeinde und Öffentlichkeit“ freute Rumschöttel besonders – und auch „die Demokratisierung des Prozesses“. Das alles zusammen sei für ihn ein noch nirgends so erlebter Vorgang gewesen.

Oberschlesier nahmen an Einweihung teil - Bürgermeister Schnitzenbaumer: „Freue mich, dass sie heute da sind.“

Der Historiker sagt: „Ich habe in der Vorstandssitzung des historischen Vereins von Oberbayern empfohlen, dass dieses Schlierseer Beispiel in einem Aufsatz aufbereitet und einer breiteren und interessierten Öffentlichkeit in Bayern zur Verfügung gestellt wird.“ Rumschöttels Fazit: „Sie haben Vorbildliches geleistet – ich gratuliere.“ Ferner lobte Rumschöttel die Aufarbeitung auch als „Zuschütten eines Schützengrabens im deutsch-polnischen Verhältnis“. Für die Aussöhnung und Verständigung der Völker habe Schliersee einen wichtigen Beitrag geleistet.

Schliersees Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer sah das ähnlich – er freute sich besonders über die Anwesenheit einiger Oberschlesier. „Ich bin froh dass sie heute da sind.“ Das zeige und mache bewusst, dass die Einweihung kein Schlusspunkt sei, sondern ein Punkt in einer Reihe. „Wir werden weiterhin über diese Themen diskutieren müssen.“ Das Wichtigste – und das, was allen am Herzen liegen müsse, sei die Verteidigung der Demokratie, der Werte und des Menschenbildes. Schnitzenbaumer betonte: „Das ist das Wichtigste, nicht nur in Schliersee, sondern europa- und weltweit.“

Jens Zangenfeind, stellvertretender Landrat, hält die Gedenkstätte dafür für gut. Er sagte: „Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln.“ In der Aufarbeitung sei eine beispiellose Zusammenarbeit aus kirchlicher und weltlicher Gemeinde entstanden – mit einem wichtigen Ergebnis. „Nur wer weiß, was früher war, kann den richtigen Weg in die Zukunft finden.“

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