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Letzte Gesprächsrunde: (v.l.) Wolfgang Foit, Thomas Schlemmer, Pfarrer Hans Sinseder und Werner Hartl. 

Veranstaltungsreihe „gedenken - umdenken - versöhnen“

Was tun mit der belasteten Gedenkstätte?

Sechs Vorträge waren im Schlierseer Pfarrheim zum Thema Annaberg-Gedenktafel zu hören. Jetzt werden Vorschläge zum weiteren Umgang mit der belasteten Gedenkstätte gesucht. Immer wieder hatte sie rechtsextreme Kreise angelockt.

Schliersee – Phase eins ist Geschichte: In sechs Vorträgen haben sich Fachreferenten im Schlierseer Pfarrheim mit der Annaberg-Gedenktafel, dem Freikorps Oberland und verwandten Themen befasst. Jetzt soll es konkret darum gehen, wie Schliersee mit der Gedenkstätte an der St. Georgs-Kapelle auf dem Weinberg umgeht. Nächster konkreter Termin ist der 14. September. Bis dahin kann jeder Vorschläge ans Katholische Bildungswerk (kbw) Miesbach schicken, das den Prozess mit dem Titel „gedenken – umdenken – versöhnen“ federführend begleitet.

Dem Anschein nach – das legen die Wortmeldungen bei den Vorträgen nahe – ist die Auffassung mehrheitsfähig, dass der Status quo nicht mehr tragbar ist. Seit 1956 ist in der Kapelle auf dem Weinberg die Tafel eingelassen, mit der an die 52 gefallenen Kämpfer des Freikorps Oberland erinnert wird. Jahrzehntelang fand jährlich ein Gottesdienst statt – stets unter Beteiligung von Personen und Gruppen aus dem rechtsextremen Lager. Ob dies der damalige Pfarrer Josef Wiedholz nicht wahrgenommen hat oder nicht wahrnehmen wollte – diese Frage blieb bislang unbeantwortet. Sie zeigt aber einen Teil der Problematik, der sich Schliersee stellt. Viele fürchten, dass das Andenken des langjährigen Pfarrers beschmutzt werden soll.

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Fest steht, dass Wiedholz 1956 die Weinberg-Kapelle für das Anbringen der Tafel zur Verfügung stellte, was der Gemeinderat Jahre zuvor abgelehnt hatte. Der Weinberg galt in diesem Zusammenhang als Ort von Nazi-Aufmärschen schon damals als belastet. Die Erstürmung des Annabergs 1921 war für die Nazis ebenso wie der Hitlerputsch 1923 von zentraler Bedeutung, und das Erinnern daran war immer – letztlich bis heute – von stramm völkisch-nationalistischen Haltungen begleitet.

Während für Wiedholz’ Handeln wohl familiäre Gründe ausschlaggebend waren – sein älterer Bruder hatte am Annaberg gekämpft – war dies bei August Bierling anders. Er hatte als Redaktionsleiter des Miesbacher Merkur 1953 zum Spenden für die Tafel aufgerufen (wir berichteten) – Neutralität vorgebend. „Damit hat man den Bock zum Gärtner gemacht“, sagt Thomas Schlemmer vom Institut für Zeitgeschichte. Bierling – seit 1926 Mitglied der NSDAP und späterer Kreisleiter in Bad Aibling – habe vier Jahre benötigt, um bei der Entnazifizierung vom Hauptschuldigen zum Mitläufer abgestuft zu werden und sei auch nach dem Krieg bestens ins rechtsextreme Lager vernetzt gewesen. Bei der Einweihung der Tafel 1956 war er nicht mehr in Miesbach tätig, kam aber zum Weinberg und ergriff dort auch das Wort. Zu dieser Zeit wurde das Gedenken selbst allerdings nicht als problematisch empfunden, sondern auch von politischer Seite mitgetragen (wir berichteten).

Wie Schlemmer sagte, wurde die anfangs noch vorhandene Schnittmenge von konservativ-bürgerlichem Gedenken und rechtsextremer Agitation immer kleiner. Doch erst Mitte der Nuller-Jahre regte sich wahrnehmbar öffentlicher Widerstand. Seitdem gedenkt die Kameradschaft (jetzt: Traditionsverband) Freikorps und Bund Oberland eher im Geheimen. Leiter der Gruppierung ist inzwischen – wie Werner Hartl, Ex-Leiter der IG Metall-Jugendbildungsstätte, es im Schlierseer Pfarrheim darstellte – der im Kreis Miesbach aufgewachsene Vinzenz J. Der hatte die Gedenktafel nach wiederholten Schmierereien auch gereinigt.

Der Widerstand regt sich seit Jahren: Annaberg-Gedenktafel soll weg Unermüdlicher Kampf gegen Nazi-Tradition

Und so sehen die nächsten Schritte aus: Über die eingehenden Vorschläge beugt sich noch im September ein dreiköpfiges Gremium. Dazu gehört neben kbw-Leiter Wolfgang Foit und Schlemmer auch der Historiker Professor Hermann Rumschöttel, ein „erfahrener Vermittler, wenn es um kontroverse Positionen zum Umgang mit belasteten Gedenkorten geht“, wie es im Programm heißt. Das Trio sichtet und sortiert die Vorschläge. Am 10. November soll bei einem Tagesworkshop die Grundlage für eine spätere Entscheidung erarbeitet werden. Eingeladen werden auch Vertreter aus dem Kreis derer, die Vorschläge eingereicht haben. Idealerweise, so Foit, finde sich bei den Vorschlägen das gesamte Spektrum wieder – vom Unverändert-Lassen über das Umgestalten bis hin zum ersatzlosen Entfernen, vor allem aber viele Ideen, die zwischen den beiden Extremen liegen.

Auch das gab‘s (das Verfahren wurde übrigens eingestellt): Kunstaktion ist Sachbeschädigung Annaberg-Tafel: Schlierseer Pfarrer stellt Strafantrag

Die Entscheidung soll dann ein Gremium fällen, in dem Vertreter von Pfarrei, Kirchenverwaltung, Gemeinderat, Bildungseinrichtungen, Kunst und Kultur und auch ein Vertreter der Opferperspektive sitzen. Weitgehend steht dieser Personenkreis. Doch ändern kann sich immer etwas. Unter Umständen wird es auch weitere Info-Veranstaltungen geben.

Daniel Krehl

Vorschläge einreichen

Wer sich an der Diskussion beteiligen möchte, schickt seinen Vorschlag als halbseitiges Positionspapier bis zum 14. September an kbw-miesbach@t-online.de, Adresse: kbw Miesbach, Stadtplatz 4, 83714 Miesbach.

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