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Höhepunkt des Protests: Vor zehn Jahren demonstrierte die Antifa gegen das Annaberg-Gedenken in Schliersee. Rechts die Tafel des Anstoßes.

“Wie es ist, kann es nicht bleiben“

Rechte Gedenktafel: Schliersee stellt sich seiner Geschichte

Die Annaberg-Gedenktafel soll genau beleuchtet werden - und dann soll eine Entscheidung her. Eine, die vor Ort getroffen werden muss und die idealerweise keine Verletzungen hinterlässt.

Schliersee – Wer sich mit der Gedenktafel an der Weinberg-Kapelle in Schliersee befasst, taucht tief ein in mehrere Kapitel lokaler und deutscher Geschichte. Je länger man dies tut, desto komplexer wird eine Bewertung. Den Anfang nehmen die Geschichten am 21. Mai 1921. Das Freikorps Oberland – ein paramilitärischer Freiwilligenverband – hilft bei der Erstürmung des Annabergs in Oberschlesien. Schon zwei Jahre später wird am Weinberg in Schliersee ein Denkmal an die 52 Gefallenen Freikorpskämpfer enthüllt – unter Beteiligung späterer Nazi-Größen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sprengen die Amerikaner das Denkmal, und 1956 wird die jetzige Gedenktafel angebracht. Alljährlich findet dann rund um den 21. Mai ein Gedenkgottesdienst statt, der auch eindeutig rechtsextreme Gruppierungen anzieht. In den vergangenen gut zehn Jahren wurden die kritischen Stimmen immer lauter, was 2007 in einer Demonstration gipfelte, die wiederum auch linksextreme Kreise anzog.

Geschichte und Geschichten aus mehreren Jahrzehnten, in denen sich auch die Bewertung der Vergangenheit fortentwickelt hat. Die Freikorps wurden seinerzeit ebenso als Freiheitskämpfer für das Vaterland begriffen wie später als „Mörder und Vergewaltiger“ bezeichnet – und dies nicht nur im Zusammenhang mit dem „Weißen Terror“, der 1919 die Müchner Räterepublik blutig beendete. Unzweifelhaft war das Freikorps Oberland ein antikommunistischer und völkischer Zusammenschluss, der später in der SA aufging.

Eine Bewertung sollte derweil immer auch unter Berücksichtigung des zeitgeschichtlichen Kontexts erfolgen. Gleiches gilt wohl für die Beweggründe jener, die sich ab 1953 für das Anbringen der Gedenktafel einsetzten – angestoßen und unterstützt vom damaligen Redaktionsleiter des Miesbacher Anzeigers, Dr. A. Bierling. Diese nahmen letztlich ein von den Nazis etabliertes Gedenken auf. Erklärungsbedürftig auch der Abschlusssatz der Tafel-Inschrift. „Sie werden wieder auferstehen.“ Ein religiöser Bezug auf einer Tafel weltlichen Inhalts – und das an einem Gotteshaus. Auch besagte Formulierung hat in den vergangenen Jahren Kritiker auf den Plan gerufen.

In jüngster Vergangenheit beschränkte sich das Gedenken auf Kranzniederlegungen, während die Gegnerseite die Öffentlichkeit nicht scheute. Jüngst zum Beispiel übergab die IG Metall Jugendbildungsstätte Schliersee gut 700 Unterschriften an die Erzdiözese München und Freising, der übergeordneten Stelle der Pfarrei Schliersee. Als Eigentümerin der Weinberg-Kapelle fällt die Gedenktafel in deren Zuständigkeit. Die Forderung: eine „klare Distanzierung vom Freikorps-Oberland-Gedenken“ und Aufklärung über „die enge Verknüpfung des Freikorps mit der nationalsozialistischen Bewegung“.

Wie berichtet, hatte sich vergangenes Jahr auch eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit der Aufarbeitung der komplexen und weit über die Schlierseer Ortsgeschichte reichenden Thematik befasst. Beteiligt sind neben Kirchengremien auch das Institut für Zeitgeschichte in München und das Katholische Bildungswerk Miesbach. Dessen Geschäftsführer Wolfgang Foit sagt: „Bildungswerk und Pfarrei sind sich darüber einig, dass nur eines sicher ist: So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben.“ Was genau passiert, liegt am Ende in der Hand der Schlierseer selbst.

Vor Entscheidungsprozessen wie diesem standen auch Gemeinden in der Region – Bad Tölz und Dietramszell etwa, die sich mit Hindenburgstraße und -denkmal befassen mussten. In Schliersee ist ist ein dreiphasiger Prozess ab Mai 2018 vorgesehen. In einer achtteiligen Vortrags- und Exkursionsreihe sollen zunächst Fakten und Hintergründe behandelt werden. Bei einer Podiumsdiskussion werden dann die unterschiedlichen Standpunkte diskutiert. Am Ende eines anschließenden Workshops soll eine Entscheidung von Kirche und Gemeinde stehen. Der Prozess wird begleitet durch die Erzdiözese.

Schliersee hat damit die Chance, sich dieser Teile seiner Ortsgeschichte zu bemächtigen und die Deutung nicht jenen zu überlassen, die ein Geschichtsverständnis propagieren, dass auch mal gesicherten Erkenntnissen der Historiker widerspricht. So wie es war, als der Weinberg jährlich zum Wallfahrtsort für rechtsaußen stehende Gruppierungen wurde – oder dies wenigstens zu werden drohte.

dak

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