In der Schusslinie: Die Pflegekassen wollen der Seniorenresidenz Schliersee kein Geld mehr zahlen. Zu lange habe diese die Anforderungen verletzt. Kommt es dazu, wäre es wohl das Ende des Heims.
+
In der Schusslinie: Die Pflegekassen wollen der Seniorenresidenz Schliersee kein Geld mehr zahlen. Zu lange habe diese die Anforderungen verletzt. Kommt es dazu, wäre es wohl das Ende des Heims.

Schließung Ende August?

Seniorenresidenz Schliersee droht Aus: Pflegekassen wollen Skandalheim Geldhahn zudrehen

  • Christian Masengarb
    VonChristian Masengarb
    schließen

Der Seniorenresidenz Schliersee droht das Aus: Die Pflegekassen wollen dem skandalträchtigen Heim zum 31. August den Versorgungsvertrag kündigen. Noch ist es aber lange nicht so weit.

Schliersee – Der Bericht, mit dem die Arbeitsgemeinschaft (Arge) der Pflegekassenverbände die Kündigung des Versorgungsvertrages mit der Seniorenresidenz Schliersee begründet, zeichnet das Bild eines Heims im Chaos. Überfordertes oder teilnahmsloses Personal, Entscheidungen ohne Planung. Mindestens seit August 2020 pflege das Heim seine Bewohner durchgängig unzureichend. Ab Anfang September wollen die Kassen dafür kein Geld mehr zahlen.

Seniorenresidenz Schliersee: Warum wollen Pflegekassen Skandalheim den Vertrag kündigen?

Wegen zu vieler Mängel. Alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Hier ein Auszug aus dem 25-seitigen Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt: Zeitweise soll keine Fachkraft in der Einrichtung Dienst geschoben haben, obwohl der Freistaat eine Fachkraftquote von mindestens 50 Prozent verlangt. Am 9. April soll nur eine einzige Pflegehilfskraft für den gesamten Nachtdienst im Haus zuständig gewesen sein, an weiteren Tagen wenige oder keine. Die Pflege sei schlecht geplant, Visiten hätten kaum stattgefunden, Fortbildungen ebenso.

Die Folgen: Bewohner seien unterernährt und dehydriert. Sturzrisiken, Körperpflege, Hilfe bei chronischen Schmerzen – mangelhaft. Pfleger würden Medikamente nicht verabreichen und ärztliche Anweisungen ignorieren. Hinzu kommen Ungereimtheiten bei der Abrechnung. Besserung sei nicht in Sicht. Es fehle am Qualitätsmanagement, Standards würden systematisch verletzt, gesetzliche Verpflichtungen dauerhaft nicht erfüllt. Daher könne die Arge nicht länger am Vertrag festhalten.

Skandalheim in Schliersee droht Aus - Was passiert jetzt?

Vorerst ändert sich für die Bewohner der Seniorenresidenz nichts. Das Schreiben der Arge ist eine Anhörung zur außerordentlichen Kündigung. Die Seniorenresidenz kann bis Ende Mai Stellung zu den Vorwürfen beziehen. Dann entscheiden Bezirk und Pflegekassen, wie es weitergeht. Kommt es zur Kündigung, kann das Heim dagegen klagen, auch per einstweiliger Verfügung. Das Verfahren könnte Monate dauern.

Schliersee: Wie wahrscheinlich ist, dass die Kündigung endgültig wird?

Um die Kündigung abzuwenden, müsste das Heim die Vorwürfe widerlegen. Heimleiter Robert Jekel rechnet sich dafür durchaus Chancen aus. Aus seiner Sicht ist die Fachkraftquote erfüllt. Dem Anhörungsschreiben sei außerdem nicht zu entnehmen, dass Menschen dehydriert oder unterernährt gewesen sein sollen.

Letztere Aussage ist zumindest ungenau: Das Schreiben spricht klar von mehreren Patienten, die zu wenig essen oder trinken, ohne dass das Personal einschreitet. Auch die übrigen Vorwürfe sind keineswegs neu: Unsere Zeitung berichtet seit Monaten über ähnliche Anschuldigungen.

Seniorenresidenz Schliersee: Was, wenn die Kündigung endgültig wird?

Dann bedeutet das nicht die Schließung des Heims. Es bedeutet lediglich, dass die Einrichtung von den Pflegekassen kein Geld mehr bekommt. Nachdem das Landratsamt die Belegung der Seniorenresidenz mit einem Aufnahmestopp weit unter die Grenze der Wirtschaftlichkeit gedrückt hat, wäre die Kündigung ein weiterer Schlag. Das Heim könnte danach kaum überleben.

Das würde die Frage aufwerfen, was mit den verbleibenden 64 Bewohnern passieren soll. Diese müssten wohl in andere Einrichtungen verlegt werden und sich in eine neue Umgebung eingewöhnen. Ein Prozess, den laut Experten rund ein Drittel der oft dementen Menschen nicht überlebt. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Miesbach-Newsletter.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare