Totenkopf Schädel Schliersee
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Der Kinderschädel aus dem Archiv der Universität Jena.

Alter Kinderschädel aufgetaucht

Einzigartiger Totenkopf-Fund stellt Forscher vor Rätsel - Spur führt nach Oberbayern

  • Jonas Napiletzki
    VonJonas Napiletzki
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Im Archiv der Universität Jena ist ein bemalter Kinderschädel aus dem Jahr 1814 aufgetaucht. Er stammt aus dem Landkreis Miesbach, wie aus der Aufschrift des Schädels hervorgeht.

Schliersee – Er trägt die Inventarnummer OCP 083 – und lagert wohl seit Jahrzehnten im Archiv der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Wie er nach Thüringen kam, ist unklar – doch woher er kommt, ist nun geklärt. Heimatforscher Gerhard Wittich hat sich auf Spurensuche begeben.

Schliersee: Alter Kinderschädel aufgetaucht - Forscher begibt sich auf Spurensuche

Im Frühjahr dieses Jahres ist der bemalte Kinder-Schädel aus den Tiefen des Archivs aufgetaucht – und gab Forscherin Ulrike Lötzsch anfangs ein Rätsel auf. Denn: In der Akte mit der zugehörigen Inventarnummer war weder die Herkunft des Fundstücks hinterlegt noch ein Hinweis darauf, zu welcher Person der Schädel einst gehörte.

Kinderschädel aus Jena stammt vom Schliersee - Schrift auf Totenkopf aus Fischhausen gibt Aufschluss

Die promovierte Wissenschaftlerin arbeitet am Institut für Anatomie des Universitätsklinikums in Jena. Sie schreibt zu dem Schädel-Fund: „Die Suche nach seiner Geschichte begann mit seinen äußeren Auffälligkeiten.“

Trotz fehlender anatomischer und pathologischer Besonderheiten sei der Schädel in der Sammlung einzigartig: „Von den Stirnseiten rankt bis zum oberen Hinterkopf ein gemalter Blütenkranz.“ In den dunklen Augenhöhlen würden Reste von Farbpigmenten auf eine ehemals goldschimmernde Ausmalung hindeuten. „Das Schädeldach und die Stirn sind vollständig mit schwarzen handgemalten Buchstaben und Zahlen beschriftet.“

Im Pfarrregister gestöbert: Schliersees Pfarrer Hans Sinseder (l.) mit Heimatforscher Gerhard Wittich.

Aufgrund des auf dem Schädel aufgemalten Ortsnamens „Fischhausen“ wandte sich Lötzsch an den Schlierseer Pfarrer Hans Sinseder und an das Miesbacher Stadtarchiv. Diese stellten schließlich den Kontakt zwischen Lötzsch und dem Schlierseer Heimatforscher Gerhard Wittich her.

Was dort steht und was der Text bedeutet, enträtselte der 92-Jährige sehr schnell. Der ehemalige Apotheker kennt das Dorf und seine Menschen – und hat vor über 40 Jahren die Schlierseer Ortschronik verfasst. Pfarrhaushälterin Christina Maidl unterstützte Wittich bei seinen Recherchen. Dem Schlierseer zufolge steht auf dem Schädel (aus dem Altdeutschen übersetzt): „Die ehrenzüchtige Jungfrau Maria Ehamin, Bauers Tochter vom Langer-Bauer, in Fischhausen gestorben, 25. Februar 1814. 12 Uhr Abend war die letzte Stunde mein. Niemand weiß wann kommt die Sein. Mein Leben war nur dreizehn Jahr. 1822.“

Kinderschädel aus Schliersee: Heimatforscher löst das Rätsel

Der Heimatforscher entschlüsselte daraus die Geschichte: „Der Name Ehamin ist die weibliche Form des Familiennamens Eham.“ Mit dieser Information machte sich Wittich auf die Suche, durchforstete 10 000 Karteikarten des Schlierseer Pfarrregisters. Fündig wurde er mit der Karte von Josef Eham, dem Vater des mit 13 Jahren an Typhus gestorbenen Kinds. Dort ist das Geburtsdatum des Mädchens, 31. Juli 1800, vermerkt, was mit der Altersangabe übereinstimmt.

Die acht Jahre nach dem Begräbnis folgende Exhumierung des Schädels erklärt sich Lötzsch mit einem Vorgehen, das in Bayerns Alpenregion teils üblich war: „Einige Jahre nach der Bestattung wurden die noch erhaltenen Gebeine exhumiert, gereinigt, in der Sonne gebleicht und anschließend in Beinhäusern ausgestellt.“ Denkbar sei, dass der Schädel aus Platzgründen ausgegraben worden sei, da ein Familienmitglied begraben werden musste. „Zur täglichen Erinnerung“, so Lötzsch, habe die Familie den Totenkopf möglicherweise auf ihrem eigenen Gehöft aufbewahrt.

Künftig soll der Schädel Wittich zufolge in Jena ausgestellt werden. In die Uni-Sammlung könnte er über ein in Schliersee ansässiges Ferienheim der Jenaer Firma Schott gekommen sein – vermutlich vor 1945. Der genaue Weg des Schädels sei nicht bekannt. Lötzsch sagt: „Dieser Teil seiner Geschichte bleibt also rätselhaft.“

Eine weniger menschelnde aber nicht minder spannende Sensation aus der Vergangenheit ist in Bayern aufgetaucht: ein Fossil eines Dinosauriers. Noch mehr Nachrichten aus der Region Schliersee lesen Sie hier.

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