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Stets für Einsätze gerüstet ist die Bergwacht, wie hier in Schliersee. Doch stellvertretender Bereitschaftsleiter Lorenz Haberle bittet inständig darum, derzeit auf Ausflüge in die Berge zu verzichten.

Corona-Ansteckungsgefahr zu groß

Retter richtet flammenden Appell an Ausflügler: „Unsere Berge werden leider immer noch überrannt“

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Trotz des Coronavirus zieht es viele Ausflügler bei schönem Wetter in die Berge und an den See. Lebensgefährlich, finden die Retter im Landkreis - und appellieren an die Vernunft.

  • Das Coronavirus beherrscht weiter die Schlagzeilen.
  • In Bayern gelten Ausgangsbeschränkungen.
  • Retter richten nun einen flammenden Appell an Ausflügler.

Landkreis – Sonne, Wochenende und auch noch Ferienstart: Wen wundert’s da, dass es die Leute in die Berge oder an den See zieht? Doch in Zeiten des Coronavirus sollte man auf solche Ausflüge lieber verzichten. Denn wenn was passiert, wird es in dreifacher Hinsicht gefährlich: für einen selbst, für die Retter – und damit auch für all diejenigen, die unverschuldet in eine Notsituation geraten. Egal ob Berg- oder Wasserrettung: Die freiwilligen Helfer im Landkreis appellieren an die Vernunft.

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Coronavirus in Bayern - Schutzkleidung nur in begrenzter Zahl

Damit die Helfer nicht selbst zu Patienten werden, fragt die Integrierte Leitstelle während der Corona-Krise bei jedem Notruf zuerst einen Kriterienkatalog ab, ob beim Verunglückten möglicherweise eine Infektion vorliegt, erklärt Kilian Wuttig, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Leitzachtal. Da die Truppe nur über je drei Schutzmasken, -kittel und -brillen verfüge, könne sie die Sicherheit ihrer Helfer bei größeren Einsätzen nicht gewährleisten, gibt Wuttig zu bedenken. Glücklicherweise seien zuletzt kaum Notrufe eingegangen. „Es ist Gott sei Dank recht ruhig zurzeit“, sagt Wuttig. Er könne zwar verstehen, dass es die Leute nach draußen in die Frühlingssonne zieht. Dennoch sollte man in diesen Tagen lieber im Tal bleiben. Das gilt übrigens auch für ihn selbst, sagt der Bereitschaftsleiter: „Ich gehe mit dem Hund spazieren.“

Auch die Schlierseer Bergwachtler sind diszipliniert. Keine Touren, keine Hüttentreffen, keine Ausbildung. „Wir sind da rigoros“, sagt der stellvertretende Bereitschaftsleiter Lorenz Haberle. Von den Ausflüglern, nicht selten mit Münchner Kfz-Kennzeichen, könne man das bisweilen nicht behaupten.

Corona-Krise in Bayern: Einsatz könnte Rettung lahm legen

„Unsere Berge werden leider immer noch überrannt“, sagt Haberle. Nur dem Glück sei es zu verdanken, dass bis jetzt noch nichts passiert ist. Doch schon ein Einsatz könne dafür sorgen, dass die Rettung für mehrere Tage lahm liegt, so Haberle. Sollte man unwissentlich einen Corona-Patienten bergen müssen, könnten sich schnell gleich mehrere Bergwachtler anstecken und damit für Wochen ausfallen. Auch die Desinfektion von Fahrzeug und der nur knapp vorhandenen Schutzausrüstung würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Das hat Haberle letztens auch einem uneinsichtigen Münchner auf einem Wanderparkplatz gesagt: „Wenn du dir mit Corona am Berg den Hax brichst, fallen bei uns zehn Leute aus.“

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Der Bergwacht stehe es zwar nicht zu, den Menschen das Wandern zu verbieten, sagt Adi Boemmel, Chef der Bergwacht im Tegernseer Tal. Einen Appell richtet aber auch er an die Freunde des alpinen Sports: „Bitte unternehmt keine extremen Sachen!“ Er sei froh, so Boemmel, dass es derzeit am Tegernsee so gut wie keine Alarmierungen gebe.

Auch auf den Seen ist es derzeit angesichts einstelliger Wassertemperaturen noch recht ruhig. Nur vereinzelt konnte man auf dem Tegernsee bisher Kanu-Fahrer, Surfer oder Paddler entdecken. Das könnte sich aber ändern, wenn jetzt die Außentemperaturen zulegen.

Corona in Bayern: Infektionsschutz im Wasser unmöglich

Für die Wasserretter bedeutet das zweifellos ein Risiko – denn: Wer ins Wasser springt, um eine verunglückte Person zu retten, kann sich kaum gegen das Virus schützen. „Es gibt keine Infektionsschutzkleidung, die wassertauglich ist“, gibt Hans Mielke, Vorsitzender der Wasserwacht Bad Wiessee, zu bedenken. Der direkte Kontakt von Mensch zu Mensch lässt sich bei einem Einsatz auf dem Tegernsee also nicht vermeiden. Mielke schließt sich deshalb dem Appell der Wasserwacht Bayern an, man möge derzeit auf Aktivitäten am und im Wasser verzichten.

Eine Bitte, der Matthias Schnitzbauer nur Nachdruck verleihen kann. Der 35-Jährige leitet seit 2014 den DLRG-Ortsverband Gmund und weiß, dass bei einem Einsatz – zumal wenn es um Menschenleben geht – Automatismen greifen und auch zwischen den Rettungskräften nicht immer der nötige Abstand gewahrt bleiben kann. Natürlich stehe die Rettung des Verunglückten an erster Stelle, in seiner leitenden Position müsse er aber auch den Eigenschutz seiner Einsatzkräfte im Blick haben: „Man überlegt schon: Was mute ich meinen Leuten zu?“, erklärt der Vorsitzende.

Corona: Klassischer Wachdienst fällt erst mal flach

Die Saison für die Wasserretter beginnt offiziell am 1. Mai. Doch schon im April würden unter normalen Umständen die Vorbereitungen beginnen, erklärt Schnitzbauer. „Das ist die Zeit, in der wir eigentlich alles herrichten an der Wachstation – an den Wochenenden wäre also normalerweise immer jemand anwesend“, sagt der Ortsverbands-Chef. Angesichts der Corona-Krise sei dies heuer nicht der Fall. „Der klassische Wachdienst fällt bis auf Weiteres aus.“ Schnitzbauer sagt: Wenn auf dem Tegernsee ein Unfall passiere, stünden seine Aktiven selbstverständlich für einen Einsatz parat. „Wenn wir aber zuhause bleiben können, sind wir froh.“

Vorsitzender der DLRG Tegernsee: Angst beim Einsatz wäre „falscher Ansatz“

Auch Andreas-Bernd Lange (59), Vorsitzender der DLRG Tegernsee, weiß, dass sich er und seine Kollegen bei einem Einsatz nicht speziell gegen das Virus schützen können. Dennoch sagt er: „Mit Angst zu einem Einsatz zu fahren, wäre der verkehrte Ansatz.“ Auch ohne das Virus seien seine Aktiven bei Einsätzen verschiedenen Risiken ausgesetzt. Jeder Einzelne, findet Lange, solle derzeit für sich selbst überlegen, ob er wirklich auf den See gehen wolle, um seinen Sport zu betreiben. Ganz vermeiden könne man das wohl nicht.

Von wegen nur Solidarität: Ein Ehepaar aus Bad Wiessee, das aufgrund einer Coronavirus-Infektion seit 14 Tagen in Quarantäne lebt, macht schlimme Erfahrungen.

Ein 44-jähriger Ausflügler aus München hat in Iffeldorf einen Grundstücksbesitzer und dessen Frau angegriffen. Tatwerkzeug war ein schwarzer Toyota. Und trotz aller Warnungen hat sich in den Allgäuer Alpen am 7. Mai ein tödlicher Bergunfall ereignet - für die Bergwacht ein Großeinsatz.

Die Bergwacht Berchtesgaden war am Pfingstwochenende mehrmals gefordert: Am Hohen Göll steckten Wanderer aufgrund von Schneefeldern und Nebel fest - nicht nur einmal.

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