Schlierseer mit großer Expertise im Tourismus: Karl-Heinz Jungbeck ist in zahlreichen Gremien der Tourismusbranche aktiv. Als ADAC-Tourismuspräsident will er unter anderem nachhaltiges Reisen voranbringen.
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Schlierseer mit großer Expertise im Tourismus: Karl-Heinz Jungbeck ist in zahlreichen Gremien der Tourismusbranche aktiv. Als ADAC-Tourismuspräsident will er unter anderem nachhaltiges Reisen voranbringen.

„Die Orte müssen sich positionieren“

Der ADAC-Tourismuspräsident über E-Fuels und den Boom des Wohnmobils

  • Bettina Stuhlweißenburg
    VonBettina Stuhlweißenburg
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Der Schlierseer Karl-Heinz Jungbeck (58) hat den TV-Sender ProSieben aufgebaut und den Börsengang der Deutschen Post betreut. Seit Kurzem ist er Tourismuspräsident des ADAC. Wir haben mit ihm gesprochen.

Schliersee – Der Schlierseer Karl-Heinz Jungbeck (58) hat viele Facetten: Ende der 80er-Jahre baute er den TV-Sender ProSieben auf und führte anschließend die Geschäfte von Kabel 1. Später begleitete der gelernte Journalist mit seiner Firma „Digital Brain“ den Börsengang der Deutschen Post, machte den Buchverlag Bastei Lübbe börsenfähig und restrukturierte den Reiseveranstalter FTI. Seit Kurzem ist der zweifache Vater auch Tourismuspräsident des ADAC. Wir sprachen mit dem Unternehmer über die Folgen der Pandemie für den Tourismus, den Boom des Wohnmobils – und die Konstante in seinem bewegten Leben.

Der ADAC-Tourismuspräsident über E-Fuels und den Boom des Wohnmobils

Herr Jungbeck, als Schlierseer kennen Sie Staus und volle Parkplätze. Würden Sie als ADAC-Vorstand zur Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln raten?

Einem Münchner rate ich klar, mit der BOB zu fahren. Wenn aber einer aus Ebersberg oder Moosburg kommt, ist das Auto das Mittel der Wahl. Das gilt übrigens auch für Rosenheim. Die Stadt ist öffentlich völlig unzureichend an den Kreis Miesbach angebunden. Da ist man ewig unterwegs. Die Menschen nutzen aber das Verkehrsmittel, das praktisch ist und ihren Bedürfnissen entspricht.

Wie vermeidet man dann Staus?

Indem man mit digitalen Tools Verkehrsströme lenkt. Das gelingt Reisenden zum Beispiel mit der Maps-App des ADAC und auch mit der ADAC Spritpreis App, die aktuelle Verkehrsinformationen enthält. Oder sie nutzen den Ausflugsticker des Tourismusverbands Oberbayern München, den der ADAC ja auch in diesem Jahr mit seinem Tourismuspreis ausgezeichnet hat.

Der Ausflugsticker funktioniert noch nicht richtig.

Er steckt in den Kinderschuhen. Aber die Idee, den Leuten schon vor Abreise aufzuzeigen, wo es eng wird, ist gut. Im übrigen sind solche Tools nie ganz fertig. Sie müssen sich ständig entwickeln.

Wohin sollte man Touristen lenken?

Es bietet sich an, strukturschwache, aber attraktive Regionen bekannter zu machen. Der ADAC hat deshalb zum Beispiel wunderbare Orte in Nordbayern ausgezeichnet. Allerdings muss man auch sagen: Hotellerie und Gastronomie haben überall gelitten. Egal, ob in München, Tegernsee oder Nordbayern – alle brauchen aktuell Übernachtungsgäste. Selbst in Businesszentren müssen Hotels nachdenken, wie sie sich neu positionieren. Denn die Frage ist, ob Messen und Geschäftsreisen je wieder ihre frühere Bedeutung haben werden.

Wie beurteilen Sie das touristische Angebot im Kreis Miesbach?

Die Region profitiert von ihrer unvergleichlich schönen Landschaft, darf sich darauf aber nicht ausruhen. Wichtig ist unter anderem eine klare Positionierung, die das touristische Angebot auszeichnet und unterscheidet. Das fehlt meiner Einschätzung nach an der einen oder anderen Stelle – zum Beispiel in Schliersee. Am Tegernsee dagegen positionieren sich die die Unternehmer klar im High-End-Bereich, um in einer Liga mit Sylt, Kitzbühel, Gstaad und St. Moritz zu spielen. Das kann erfolgreich sein. Allerdings braucht man in dieser Liga auch eine entsprechende Infrastruktur. Läden, die Mode und Uhren von Luxusmarken verkaufen. Auf Sylt sind die Top-Marken alle präsent. Am Tegernsee dagegen gibt es auch Leerstände. Letztlich muss jeder Ort für sich entscheiden, wie er sich positionieren möchte. Wenn man 10 000 Euro für eine Woche Urlaub verlangt, ist das auch eine Art von Besucherlenkung, ob einem das gefällt oder nicht.

Sie setzen sich Nachhaltigkeit im Tourismus zum Ziel. Was braucht es dafür?

Es muss möglich sein, einen durch und durch klimafreundlichen Urlaub zu verbringen. Das ist im Übrigen nicht nur eine Frage der An- und Abreise, sondern umfasst beispielsweise auch nachhaltige Mobilitätsangebote vor Ort oder das Angebot möglichst regionaler Speisen. Was in der Debatte zu kurz kommt: Wir dürfen nicht übersehen, dass das Auto nach wie vor häufig das Mittel der Wahl für die Fahrt in den Urlaub ist. Von etwa 50 Millionen Pkw aber haben 49 Millionen einen Verbrennungsmotor. Deshalb brauchen wir eine Initiative für alternative Kraftstoffe. E-Fuels sind synthetische Kraftstoffe, die den Verbrenner klimaneutral machen können – und die Autoreise damit auch nachhaltig. Wir haben in Deutschland die Innovationskraft, diese Technologie zu entwickeln.

In den ersten sieben Monaten dieses Jahres wurden 75 000 Wohnmobile neu zu gelassen - sechs Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Woran liegt das?

Der Trend geht zum individuellen Reisen. Da fühlen sich die Menschen am sichersten. Im Wohnmobil können sie unter sich bleiben- und trotzdem mobil sein. Ohne sich einer Ansteckungsgefahr auszusetzen. Dieser Trend zieht sich durch alle Gehaltsklassen. Das Auto erlebt eine Renaissance, weshalb auch die Attraktivität des ADAC steigt.

Ihr Lebenslauf ist sehr facettenreich. Gibt es auch eine Konstante?

Die Konstante ist, dass ich die vier Grundrechenarten beherrsche - und meine Faszination für Innovationen. Damit kann man jedes Unternehmen führen, egal ob Buchverlag, Schraubenfabrik oder eben im Tourismus. Keine Branche unterscheidet sich von der anderen so grundlegend, dass Wirtschaftlichkeit und Innovation nicht als wichtige Schlüssel zum Erfolg gelten würden.

Das Gespräche führte Bettina Stuhlweißenburg.

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