Nimmt Abschied vom Haus Bambi: Johanna Steinwender geht in den Ruhestand.
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Nimmt Abschied vom Haus Bambi: Johanna Steinwender geht in den Ruhestand.

Nach 32 Jahren in heilpädagogischer Einrichtung in Neuhaus

„Ich durfte hier selbst wachsen“: Leiterin des Haus Bambi verabschiedet sich

  • Sebastian Grauvogl
    VonSebastian Grauvogl
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32 Jahre lang war Johanna Steinwender im Haus Bambi der Lebenshilfe in Neuhaus tätig, 15 Jahre als Leiterin. Jetzt geht sie in den Ruhestand - und blickt auf eine schöne Zeit zurück.

Neuhaus – Wer an das Haus Bambi denkt, dem kommt unweigerlich eine Frau in den Sinn: Johanna Steinwender. 32 Jahre lang war die Fischbachauerin in der heilpädagogischen Einrichtung der Lebenshilfe in Neuhaus tätig. Erst als Hilfskraft, dann als Gruppenleiterin – und seit 2006 schließlich als Chefin. Ende August geht Steinwender im Alter von 67 Jahren in den Ruhestand. Was sie in all den Jahren erlebt hat und wie sich der Umgang mit Kindern mit Handicap seither verändert hat, erklärt sie im Interview mit unserer Zeitung.

Frau Steinwender, Sie sind 1989 als gelernte Industriekauffrau ins Haus Bambi gekommen. Würden Sie sich als Quereinsteigerin bezeichnen?

Johanna Steinwender: Ohne Zweifel ja. Zumindest auf dem Papier. Im Herzen wusste ich seit der Geburt meiner eigenen Kinder, dass ich nicht mehr ins Büro zurück will, sondern mit Menschen – idealerweise mit Kindern – arbeiten möchte. Dann habe ich eine Stellenanzeige in der Zeitung gelesen: „Kinderliebe Frau für Haus Bambi gesucht.“ Da habe ich mir gedacht: Das bin ich. Dass es aber um Kinder mit Handicap geht, war mir da noch nicht bewusst.

Ein Sprung ins kalte Wasser?

Johanna Steinwender: Und wie. Ich hatte schon ziemliche Berührungsängste. Aber die Kinder haben es mir leicht gemacht. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in meiner Hospitation mit der Aufgabe betraut wurde, einem jungen, schwerstbehinderten Mädchen das Essen einzugeben. Ich habe ihr dann kleine Brotstückchen mit Leberpastete gegeben. Bis mich die Gruppenleiterin schockiert darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich ihr eigentlich nur Brei hätte geben dürfen, da sie sonst ersticken könnte. Das Mädchen aber hat das Brot voller Begeisterung gegessen. Da habe ich zum ersten Mal die Persönlichkeit der Kinder gespürt und gemerkt, dass man sie trotz ihrer Handicaps nicht nur über ihren pflegerischen Bedarf beurteilen darf. Diese Erkenntnis hat mich dann auch zur heilpädagogischen Ausbildung motiviert, die als alleinerziehende Mutter schon eine Herausforderung war.

Seitdem hat sich aber auch fachlich viel getan, oder?

Johanna Steinwender: Oh ja, der Fortschritt in den vergangenen 30 Jahren war enorm. Als ich angefangen habe, hieß unser Haus noch Kinderheim Bambi. Aus heutiger Sicht klingt das eher nach Verwahr- und Versorgungsstation als nach einer heilpädagogischen Einrichtung. Dominierend war gerade in den Anfangszeiten meiner Tätigkeit der Schutz und die Fürsorge für Menschen mit Behinderung. Mit dem Recht auf Teilhabe und Partizipation hat sich das Verständnis von den Bedürfnissen und dem Hilfebedarf der Kinder wesentlich weiterentwickelt.

Darum heißt es heutzutage Haus Bambi?

Johanna Steinwender: Für mich war es wichtig, durch die Namensänderung in Heilpädagogische Wohneinrichtung im Jahr 2006 die Wertschätzung und den Respekt vor dem Leben mit Behinderung und deren Entwicklungsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen. Der Schwerpunkt lag da aber ohnehin schon längst auf der individuellen Förderung. Heute verschaffen wir uns ein ganzheitliches Bild von jedem Kind und versuchen, es in seiner Gesamtpersönlichkeit zu begreifen.

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Das bedeutet?

Johanna Steinwender: Wir erleben mit den Kindern den Alltag, passen die pädagogischen und therapeutischen Angebote an und unterstützen sie in ihrer Entwicklung. Wir freuen uns gemeinsam über jeden noch so kleinen Fortschritt. Auch Kinder mit Handicap durchlaufen alle Entwicklungsebenen vom Neugeborenen bis zum jungen Erwachsenen. Wir stellen uns also immer die Frage, ob das Verhalten gerade durch die Behinderung, die Entwicklungsphase oder den persönlichen Charakter bedingt ist. So ist es eben notwendig, auch unseren Kindern gesunde Grenzen aufzuzeigen. Diese Unterscheidung zu treffen, stellt auch die Eltern vor eine besondere Herausforderung.

Inwiefern?

Johanna Steinwender: Weil es einen Prozess des Loslassens bedarf. Und das, obwohl die Kinder andererseits zeitlebens Unterstützung benötigen. Die Eltern dahingehend zu beraten und begleiten, ist ein sehr sensibles Thema.

Genau wie die Frage, ob sie ihr Kind in eine stationäre Einrichtung geben wollen, oder?

Johanna Steinwender: Wir sprechen hier von einem sehr großen Schritt. Die Eltern geben das Wichtigste in ihrem Leben in fremde Hände. Wir versuchen ihnen zu vermitteln, dass wir uns nicht als Familienersatz verstehen, sondern nur als Ergänzung. Nichts passiert ohne Absprache. Das würde uns auch gar nicht zustehen. Was die Eltern von Kindern mit Handicap leisten, verdient tiefste Hochachtung und den größten Respekt. Vor allem, wenn es um Autismus oder tief greifende Entwicklungsstörungen geht. Letzteres gehört mittlerweile übrigens zu unserem Hauptklientel.

Wie erklären Sie sich das?

Johanna Steinwender: Eine mögliche Theorie ist, dass die ambulanten, medizinischen Hilfen für schwere körperliche Behinderungen in den vergangenen Jahren stark ausgebaut wurden. Beispielsweise bei Autismus lässt sich dies aber kaum leisten, da diese Kinder komplexe Hilfen benötigen, die im Alltag zu Hause nur unter größten Anstrengungen der gesamten Familie bereitzustellen sind. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach stationären Plätzen, wie wir sie anbieten. Unsere Warteliste ist lang und jede Absage tut mir weh. Aber um die Kinder angemessen zu betreuen, mussten wir etliche Zweibett- in Einzelzimmer umbauen. Das geht bei den beengten Raumverhältnissen natürlich zu Lasten der Platzkapazität.

Das dürfte sich im geplanten Neubau in Hausham aber entspannen...

Johanna Steinwender: Jein. Natürlich werden wir hier eine entspanntere Situation haben. Trotzdem werden wir wohl auch weiterhin nur zwischen 17 und 20 Plätze anbieten. Das liegt einfach an unserem heilpädagogischen Konzept, an dem wir unbedingt festhalten möchten und an dem vor allem unsere knapp 60 Mitarbeiter großen Anteil haben. Und das nicht nur in fachlicher Hinsicht.

Sondern?

Johanna Steinwender: Die Kinder im Haus Bambi brauche Menschen, die Leuchttürme sind. Mit Feuer für ihre Tätigkeit, aber auch geerdet, um schwierige Situationen auszuhalten. Und mit dem Willen und Mut, sich immer weiterzuentwickeln und auch mal neue Ansätze auszuprobieren. Das ist unsere Philosophie.

...die Sie auch selbst vorgelebt haben, oder?

Johanna Steinwender: Absolut. Wenn ich so zurückschaue, weiß ich nicht, wer mehr profitiert hat: die Kinder von mir oder ich von den Kindern. Ich durfte hier meine ganze Kreativität ausleben, meine Kraft einbringen und so selbst mit den Kindern, Betreuern und Eltern wachsen. Im Grunde war die Zeit im Haus Bambi für mich selbst wie eine lebenslange Selbsttherapie – mit Erfolg.

Und jetzt sind Sie austherapiert?

Johanna Steinwender: (lacht) Eigentlich hätte ich gern noch den Umzug in den Neubau aktiv begleitet. Aber die Umstände rund um den Bürgerentscheid haben dazu geführt, dass daraus nun nichts wird. Ich werde der Lebenshilfe mit ihrer wunderbaren und hochengagierten Geschäftsführerin Inga Kockerols aber auf jeden Fall verbunden bleiben. Ab dem 6. September bin ich aber erst mal weg: Da gehe ich den Jakobsweg.

Nachfolgerin

von Johanna Steinwender als Leiterin des Haus Bambi wird Erika Guggenmos (Bericht folgt).

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